Die vielen „Heute vor einem Jahr“s
12. Oktober 2009 at 13:36 | In Blog | 11 CommentsEs musste so kommen. Ich wusste schon lange vorher, dass es genau so sein würde in dieser Zeit, der magischen.
Ich stehe einen Millimeter neben mir. Tue ganz normale Dinge, kümmere mich um die Kinder und den Haushalt, gehe arbeiten. Versuche, die Herbstferien der Jungs ein bisschen schön zu gestalten. Aber ich bin nicht bei der Sache, denn jemand steht vor der Tür.
Die Dame Trauer steht da. Sie steht vor der Tür, aber sie kommt nicht rein. Manchmal lugt sie um die Ecke, aber sie kommt nicht rein. Vielleicht sollte ich sie auf ein Glas Wein einladen, damit wir auf den letzten Metern doch noch Freundinnen werden.
Auch wenn die „magische Woche“ streng genommen erst morgen anfängt, denke ich pausenlos an das, was vor einem Jahr war. Höre Lieder in meinem Kopf, sehe Michael in seinem Pflegebett liegen. Denke daran, dass heute vor einem Jahr der letzte Tag war, an dem er halbwegs klar war, bei uns war.
Ich erinnere mich an kein verdammtes Detail dieses Tages. Alles ist weg, denn die Bilder seiner letzten Tage schieben sich mit Macht in den Vordergrund. Wie er da liegt, in diesem Zimmer, in diesem Bett, auf dem Weg auf die andere Seite und doch dauert es noch so lange. Wie wir ihm den Mund befeuchten und das ist das einzige, was er noch zu sich nehmen kann, hart schluckend und sehr unfreiwillig, wie ein Ertrinkender. Wie er versucht, sich zu winden, doch es geht nicht mehr, er hat keine Kraft und kann seine Bewegungen nicht mehr steuern. Wie er nur noch ein Schatten seiner selbst wird, wie sein Körper ihn immer mehr im Stich lässt. Er wollte das nicht. Er wollte nicht sterben. Aber es hat ihn niemand nach seiner Meinung gefragt. Was hat er wohl in dieser letzten Woche gedacht?
Ich denke daran, was ich letztes Jahr alles nicht ins Blog schrieb, weil ich die Reaktionen darauf nicht ausgehalten hätte. Wie ich hier zu Hause dauernd erklären musste, warum er keine Infusionen bekommt und dass ich nichts mehr davon hören will, dass wir ihn ganz bewusst verhungern und verdursten lassen. Dass es ihm keinen Nutzen gebracht hätte, im Gegenteil und dass es sein Leiden nur verlängert und wesentlich verschlimmert hätte. Dass ich weiß, dass man das nicht einfach so hinnehmen kann, aber dass es so entschieden wurde und nun mussten wir alle da durch. Wie ich mich rechtfertigen musste, weil ich ihm eine Stunde, bevor er starb, noch Medikamente gespritzt habe und wie ich nur mit großen Augen und wenigen Worten da sitzen konnte, während ich versuchte, ihm das dickflüssige Atosil in den dünnen Arm zu geben. Wie ich die Einstichstelle noch desinfizierte, obwohl das nun wirklich nicht mehr nötig war. Wie ich als erstes, als er tot war, die blöde Butterfly-Kanüle aus seinem Bein zog, weg damit, sie wurde ja nicht mehr gebraucht. Aber vorsichtig, damit ihm das Pflaster abziehen nicht wehtut …
Niemals hätte ich all das hier reinschreiben können, niemals. Jetzt geht es, weil es vorbei ist. Damals ging es nicht, es war zu nah und es tat zu weh.
Ich habe alles vor mir und in mir, die hässlichen Bilder aus dieser Zeit, eine Ahnung von den Gerüchen und alle Angst, die ich damals hatte. Die Angst, die mir alles heute noch macht, als wäre es erst gestern passiert. Ganz schlechter Film, nicht abzuschalten.
Die Gedanken an alles Schöne aus dieser Zeit bekomme ich in diesem Moment nicht nach vorne gezogen. Wie wir uns immer wieder in der Küche trafen und an dem Tisch, der alles hören darf, über alles sprachen, was uns bewegte. Wie das Mandarinenöl duftete. Wie Jens Klavier spielte und sang und wie alle mit ihrer ganzen Liebe bei Michael waren, rund um die Uhr. Die Gedanken daran wärmen mich nicht.
Mir ist kalt.
- Andrea
11 Kommentare »
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du hattest recht.
ich brauch tempos und ich bin bei dir.
mit allem.
mit mandarinenöl und wala mundbalsam, mit oleta adams und jens rosskothen, mit lachen und weinen, mit angst und hoffnung, mit diesem tisch in der küche, mit dem licht der rosenquarzlampe, mit kaffee und teilchenstückchen, mit angst und hoffnung.
mit allemallem.
eine magische zeit.
lass sie rein, die dame.
bereiten wir ihr ein schönes plätzchen.
kuß,
anna
Kommentar von anna — 12. Oktober 2009 #
Doch du wirst sie noch willkommen heißen, diese Dame. Und sie wird dir helfen zu heilen, ganz langsam – Schritt für Schritt – Jahr für Jahr. Es wird dir gelingen, da bin ich mir ganz sicher.
Liebe Grüße aus dem Bergischen
Tina
Kommentar von Tina — 12. Oktober 2009 #
Liebe Andrea
ich wollte das selbe schreiben, wie ich es jetzt bei Anna lese: Lass die Dame rein, gib ihr den Raum, der ihr berechtigterweise zusteht in diesen Tagen. Vielleicht vermag sie ja sogar zu wärmen. Vielleicht hilft sie dir sogar, Bilder zu tragen, auszuhalten.
Es hilft dir nichts: Aber auch meine „jetzt vor einem Jahr-Gedanken“ sind eng verknüpft mit dem, was ich von euch gewusst habe, von diesem Staunen, von dieser Ahnung, wozu Liebe fähig sein kann, von diesem Zusammenhang von Geburt und Tod, wie ich es beim Kochen, beim Laub Rechen, beim Einkaufen… ständig bewegt habe.
Ich wünsche dir, dass du als die, die du geworden bist in diesem Jahr, hindurchgehen kannst durch diese schmerzvolle Zeit, dass die Wärme, welche du damals durch dein Hinschauen ausgestrahlt hast, zurückspiegelt zu dir.
Ich werde dich, euch in diesen Tagen dankbar begleiten. Dein Teilen hat sich meinem Schicksal eng eingewoben.
Herzlich
Gabriela
Kommentar von Gabriela — 12. Oktober 2009 #
Tink, ich denk an dich!
Liebe Grüße, Kat
Kommentar von Kat — 12. Oktober 2009 #
heute morgen war ich bei „unserer“ bank – ha, was wortspiel in diesem blog, faellt mir auf.
die mit dem geld
und ich habe mich umgeguckt, ob du auch wieder da bist.
aber als ich reinkam, stand schon jemand anderes an einem automat.
das konnte ja nix werden.
und trotzdem hab ich, als ich rausging, nochmal hochgeguckt. ich weiss gar nicht, welche etage du bist. irgendwo stand ein fenster offen und ich hab mich gefragt, ob du das bist. und ich hab mich gefragt, wie es dir wohl geht, jetzt.
ich denk an dich.
alles liebe, betina
Kommentar von betina 26520 — 12. Oktober 2009 #
Liebe Andrea,
lass sie rein die Dame. Öffne ihr die Tür, heiße sie willkommen und biete ihr einen Platz an Deiner Seite. Sprich mit ihr und höre ihr zu. Heute, morgen, übermorgen …
Auch wenn wir uns nicht kennen, ich denke an Dich, wünsche Dir Kraft und lass Dir versichern, eines Tages wird die Dame Deine Freundin sein. Aber Freundschaften entstehen eben nunmal nicht von heute auf morgen, alles hat und braucht seine Zeit.
Liebe Grüße von einer Fremden!
Kommentar von Des Piraten Sonnenschein — 13. Oktober 2009 #
Liebste Tink,
was würde ich Dich gerne in diesen Tagen einfach nur wärmen, ein dickes Plaid still um Deine Schultern legen..Tee reichen und meine Hände reichen..
Ich bin soo oft, gerade in diesen Tagen, in Gedanken bei Dir !
Sei heute ganz besonders herzlichst gegrüßt
alles, alles Liebe von
Deiner Frau v.B.
Kommentar von Angela B — 13. Oktober 2009 #
ich würde ihnen so gerne beim schönebildernachvorneziehen helfen… ich würde sie gerne einfach mal in den arm nehmen… ich würde sie gerne wärmen…
geht nicht – dafür denk ich viel an sie
steffi
Kommentar von steffi — 13. Oktober 2009 #
Es ist schwer, mit den Selbstzweifeln fertigzuwerden. Man wollte das Beste und hatte es doch aber nie gelernt (es ist etwas anderes wenn es um einen nahestehenden Menschen geht).Vielleicht waren nicht alle Dinge medizinisch sinnvoll oder korrekt. Das hat die Situation aber nicht entscheidend beeinflußt. Der Zug rollte. Unaufhaltsam.
Was aber wichtig war, das waren die Nähe und die Liebe, mit der Ihr Michael begleitet habt. Er hat Euer Verständnis gebraucht, um endlich loslassen zu können. Mehr konntet Ihr nicht tun und Ihr könnt stolz darauf sein, wie Ihr alles in den Griff bekommen habt.
Die Dame Trauer läßt sich leider nichts befehlen. Wenn sie sich aufdrängt, muß man sie aushalten. Wenn man sich erstaunt oder sogar sehnsuchtsvoll nach ihr umsieht weil man denkt, man wäre ihr etwas schuldig, läßt sie sich manchmal einfach nicht blicken. Erst nach einiger Zeit kann man sich vollends arrangieren. Wann da sein wird, kann keiner sagen. Aber es ist immer so, bei allen Menschen.
Liebe Grüße. Thomas
Kommentar von Thomas — 13. Oktober 2009 #
liebe andrea
ihr müsst nicht freundinnen werden, aber lass sie trotzdem rein. in gedanken sitz ich mit dir an einem tisch… vielleicht fühlst du meine hand auf deiner ..
lisa
Kommentar von lisa — 13. Oktober 2009 #
Liebe Andrea,
ach, es geht mir ganz genauso wie dir…. Ich denke an dich und habe diese Tage auch sehr präsent. Dieses heute und das morgen vor einem Jahr. Ich war so geschockt „damals“ und musste danach selbst einen unvorbereitetetn Schicksalsschlag und Abschied verkraften. Meine Bekannte Trauer/Traurigkeit klopft seit Tagen an, nimmt mir manchmal die Luft zum atmen. Es wird vorbei gehen. Es wirs besser werden.
Du Liebe, ich denke an dich!!!
Grüße in meine Heimat Köln, deine Katharina
Kommentar von Katharina — 14. Oktober 2009 #