Wie alles ist

28. August 2009 at 14:26 | In Blog | 13 Comments

Ja, es ist still geworden hier. Warum? Meist sind meine Tage so ausgefüllt, dass ich überhaupt nicht dazu komme, etwas aufzuschreiben. Dann fallen mir Satzfragmente ein, die ich aufschreiben möchte, aber ich habe sie wieder vergessen, weil ich sie nicht notiert habe. Dann denke ich manchmal, dass ich Dinge auch nicht mehr unbedingt der ganzen Welt erzählen möchte. Und denke doch, dass Schreiben heilt.

Es ist nämlich kein bisschen so, dass die Zeit alle Wunden heilt, wie man immer so schön sagt. Natürlich kommt man nach einer Zeit im Alltag an, aber es braucht nur wenig, um sofort wieder Bilder vor Augen zu haben oder traurige Gedanken im Kopf. Sie sind seltener geworden, aber in der Qualität nicht weniger. Was ok ist. Allerdings werde ich nie wieder jemandem diesen schlauen Spruch angedeihen lassen, dass die Zeit alle Wunden heilt, einfach, weil es nicht stimmt.

Die Seele verarbeitet den Alptraum, aber manchmal trickst sie mich aus und tut das nur scheinbar. Oder nur an der Oberfläche. Innen sieht es anders aus, wenn man genau hinschaut.

Ich merke dies, wenn ich mit einer Freundin über ihre Kinder spreche, die sie verlor. Oder wenn ich mit anderen über zerbrochene Beziehungen rede. Oder wenn in meinem Bekanntenkreis jemand eine Krebsdiagnose bekommt. Oder wenn ich meine eigenen Blogeinträge lese oder die Einleitung, die ich neulich für das Blogbuch-to-be schrieb.

Ich lese diese Texte und ein Bildschirm tut sich vor mir auf, alles läuft vor meinem inneren Monitor genau so real ab, als würde es gerade erst passieren. Ich sitze irgendwo und denke an etwas ganz anderes und plötzlich rasen meine Gedanken in die andere Richtung wie auf einer fehlgeleiteten Mind Map. Zack, Film da, unausweichlich.

Momente. Augenblicke. Situationen. Berührungen. Gefühle. Gedanken. Ängste. Panik, ja.

Alles da, klar und deutlich. Nur Gerüche nicht. Die Erinnerung daran ja, aber nicht der Geruch selber. Manchmal bin ich darüber ganz froh, denn Sterben riecht nicht unbedingt gut.

Langsam lerne ich, diese inneren Filme anzunehmen. Genießen wäre wohl ein wirklich unpassendes Wort dafür, aber mein Gefühl geht in diese Richtung. Denn es sind Bilder, die ich gar nicht vergessen möchte, die lieber nicht verblassen sollen, sie sind ein Teil unserer gemeinsamen Zeit. Ein wichtiger, und der intensivste in jedem Fall. Vielleicht ist es auch Verstehen wollen, verstehen, was da passiert ist, dass da ein Mensch gestorben ist in unserem Zimmer, dass es sich blöderweise um meinen Mann, den Vater unserer Kinder handelte. Die Wandlung, dieser Sekundenbruchteil, weniger als ein Wimpernschlag, von lebend zu tot, ich sehe ihn genau vor mir und neben all dem Horror, den mir dieses Bild macht, erinnere ich mich auch an das tiefe Gefühl der Zufriedenheit, das ich in diesem Augenblick verspürte. Nur ein Film unter vielen anderen.

Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an Michael denke, und immer ist er 46 und immer ist er krank. Wird dieses Bild eines Tages getauscht werden gegen das Bild von dem Michael, den wir in der ganzen langen Zeit vorher kannten? Ist es schlimm, wenn das nicht passiert? Neulich habe ich wieder einmal von ihm geträumt, auch da war er krank. Immer krank. Krank und irgendwann tot.

Im Großen und Ganzen aber ist bei uns alles gut. Wir hatten schöne Sommerferien, auch wenn sie gegen Ende etwas zu lang wurden. Wir waren ein paar Tage gemeinsam an der Ostsee und die Jungs waren dann noch ein paar Tage alleine mit einem Freund in einer Jugendgruppe in Bonn. Uns allen hat diese Pause sehr gut getan. Jetzt sind wir aber alle froh, dass der Alltag wieder Einzug gehalten hat, die Jungs haben sogar die Schule vermisst, auch, weil alle ihre Freunde in den Ferien nicht da waren. Wie langweilig. Für nächstes Jahr brauchen wir auf jeden Fall einen besseren Schlachtplan, dies waren ja für uns alle die ersten großen Ferien ohne Michael.

Ich selber bin dabei, mich ein wenig neu zu sortieren, denn es ist mal wieder an der Zeit. Vom Medizinstudium habe ich mich inzwischen endgültig verabschiedet, was einerseits an der Tatsache liegt, dass ich ab dem kommenden Semester keine Studiengebührenbefreiung mehr haben werde und andererseits daran, dass ich in den tausend Stunden des darüber Nachdenkens zu dem Schluss gekommen bin, dass ich nicht ehrgeizig genug bin, für die kommenden sieben oder mehr Jahre mein Leben komplett umzustellen und so viel Zeit und Zurückstecken zu investieren. Ich kann das nicht. Und ich will es auch nicht mehr. Es war eine gute Idee, Arzt werden zu wollen, dann kam das Leben dazwischen und nun führen die Weichen eben in eine andere Richtung. Ich bin nicht wirklich traurig darüber, weil ich weiß, dass das, was ich gelernt habe, nicht vergeblich war, dass es keine vertane Zeit war. Lehrbücher nur interessehalber zu lesen, ist auch etwas schönes. Und wer weiß, was die Zukunft bringen wird …

Dafür habe ich ein Ehrenamt angenommen, ich war heute zum ersten Mal im Ronald McDonald Haus und das hat sehr viel Spaß gemacht. Das ist zum Beispiel etwas, was ich mir im alten Leben niemals hätte vorstellen können, wann hätte ich das auch noch machen sollen? Es ist ein gutes Gefühl, durch die Mitarbeit dort anderen etwas zurückzugeben, was man selber bekommen hat, nämlich Zeit und Einfühlungsvermögen.

Für die Nussbank sind inzwischen schon 444 Euro zusammengekommen, was ich sensationell finde! Vielen herzlichen Dank an alle, die bisher etwas gegeben haben. Wenn noch ein wenig mehr Geld auf dem Konto ist, werden wir das Prozedere anleiern, vielleicht klappt ja alles zum ersten Jahrestag, das wäre schön.

Der ist schon bald. Wo ist denn die Zeit geblieben? Heute vor einem Jahr ist Michael zum ersten Mal ins Mildred-Scheel-Haus gegangen, und ich bin froh um jeden meiner Blogeinträge, weil ich so alles nachlesen kann, was war. Erinnern, auch wenn es wehtut.

- Andrea

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