Ein halbes Jahr

18. April 2009 at 16:49 | In Blog | 18 Comments

Den unten folgenden Text schrieb ich am 18. März, im festen Gedanken daran, dass es damals sechs Monate waren, dass das erste halbe Jahr seit Michaels Tod vergangen war. Eine aufmerksame Leserin schrieb mir, dass es keineswegs sechs, sondern erst fünf Monate waren, niemand außer ihr hatte es bemerkt. Also löschte ich den Eintrag wieder, aber die alten Kommentare sind noch drin. Jetzt spiegelt der Text immer noch wider, was ich denke, was ich fühle, und daher muss er gar nicht groß überarbeitet werden.

An diesem 18. März sind wir gemeinsam mit meinen Eltern zum Baum gegangen. Heute ging ich mit den Kindern zum Friedhof. Zum ersten Mal gingen wir drei diesen Weg, vom Eingang bis zum Grab, genau so, wie wir damals bei der Urnenbeisetzung gelaufen waren. Wir erinnerten uns daran, dass der Bestatter gefragt hatte, ob wir möchten, dass die Glocke geläutet wird. Erinnerten uns an den Weg, an das Tragen der Urne und an die Beisetzung. An Michaels Grab angekommen, stellten wir eine Kerze auf und legten Porzellanherzen auf die Platte. Hielten inne und dachten an Michael. Doch: Es ist nicht unser Ort. Der der Kinder nicht und meiner nicht. Wird es immer so bleiben?

Heute Abend werde ich mit meinen Freundinnen auf Michael anstoßen, es gibt wohl kaum ein besseres Datum für einen Mädchenabend. Vor allem, weil dieser 18. April genau wie der 18. Oktober ein Samstag ist.

***

Sechs Monate sind ins Land gegangen, seit wir den größten Alptraum unseres bisherigen Lebens durchlebt haben, die Kinder und ich. Sind es schon sechs Monate oder sind es erst sechs Monate? Kaum denke ich das eine, schiebt sich das andere in den Vordergrund.

Es ist so viel passiert in dieser ganzen Zeit – und wie viel mehr passierte in der Zeit vor dem 18. Oktober. Ja, es war ein Alptraum, wenn er auch mit vielen guten Dingen einherging. Freundschaften vertieften sich, andere lösten sich in Luft auf. Höchst seltsame Reaktionen von Menschen wurden durch echte Anteilnahme von anderen Menschen aufgefangen. Das eigene Weltbild und die eigene Lebenssicherheit wurden einmal kräftig durchgeschüttelt und es hat viele große und kleine Schritte gebraucht, um alles wieder geradezurücken. Schwer waren sie allesamt, diese Schritte, und vorbei sind sie mit Sicherheit noch nicht, auch wenn sie gerade im Laufe der letzten Wochen sehr viel weniger und auch leichter wurden.

Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass wir aus dieser ganzen Nummer sehr gut rausgekommen sind, wenn man das so salopp formulieren darf. Vielleicht sind die größten Löcher überwunden, aber vielleicht kommen auch noch einmal welche. Sie werden vielleicht nicht mehr so sehr wehtun, es wird vielleicht nicht mehr ganz so schwer sein, aus ihnen wieder aufzusteigen. Schmerzliche Erinnerung verblasst ganz langsam und sie vermischt sich mit guter Erinnerung und dem Hunger nach Leben, einem Leben mit allen Facetten, die es zu bieten hat.

‘Vielleicht muss es einfach Frühling werden’, sagte jemand einmal zu mir. Es ist jetzt Frühling, die Sonne wärmt uns wieder, das Draußen lebt wieder auf. Es geht weiter und das ist ein so gutes Gefühl.

- Andrea

18 Kommentare »

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  1. Liebe Andrea,

    ich denke, das mit dem TrauerJAHR ist nicht sooo dumm, weil ich meine, einmal sollten alle Jahreszeiten, alle *ersten Male*, alle Feier- und Festtage über das Ereignis hinweg gegangen sein, bevor ein Resümee so richtig rund wird.
    Halbzeitbilanz :) , klingt doch auch gut.

    Grüße von
    edda.

  2. hallo andrea,

    es freut mich immer so sehr, von dir zu lesen.
    und auch wenn mir meistens nix einfaellt, was ich dir dann konkret und ad hoc schreiben muesste/koennte/sollte, setze ich zumindest gedanklich immer eine kleine antwort mit einem smiley drunter.

    ja, fruehling, einfach grossartig, oder?!
    auch wenn sich an den tatsaechlichen problemen ja nichts aendert, so wurde es wirklich wirklich zeit.
    unfassbar schoen, am fenster raus in blauen himmel zu gucken und die balkontuer sperrangelweit offen stehen zu haben und frische luft um die nase zu haben..
    … wirklich a*schkalte luft, zugegeben *froestel-frier & gaensehaut hab* aber naja, man will ja nicht undankbar sein ;-)

    alles liebe, betina (gleich auf dem weg in ein strassencafe – zum draussensitzen, jawoll!)

  3. Liebe Andrea,

    der Lebenshunger, der ist sehr gut! Auch wenn es erst fünf Monate sind seit dem 18. Oktober, nicht sechs ;) In zwei Tagen fängt der Frühling an (oder morgen schon?), und vieleicht ist das auch für Dich ein kleiner Frühling, so ein kleines bischen auf jeden Fall. Eine ZEit in der neues spriessen kann.

    Liebe Grüße
    Bine

  4. Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil!! Danke für den Hinweis, ich habe den Text geändert.

  5. Hallo liebe Andrea…

    es ist Frühling geworden, wir alle haben lange darauf warten
    müssen…
    Ich wünsche Ihnen und ihren beiden Jungs das es immer Frühling
    bleiben möge und es nur kleine „schwarze Löcher“ gibt.
    Bleiben Sie so wie Sie sind.

    Liebe Grüße
    Jutta

  6. Liebe Tinka,

    ich schicke dir eine „frische Brise“, hier im Norden ist das Wetter sagenhaft schön….

    die Sonne scheint, die Blumen blühen, es weht immer ein laues Lüftchen und ich würde mich sehr freuen, wenn du irgendwann mal auf dem Weg in den hohen Norden einen Umweg über den Jadebusen machst….

    Platz ist immer da für dich und euch.

    Ich denke viel und oft an dich und euch,

    Regine

  7. Liebe Andrea,
    ich denke – wie so viele andere – sehr oft an Dich und Deine Jungs.
    Ihr macht das alles richtig, Ihr macht das Eckige rund.
    Du zauberst mir mit Deinen so liebevoll und passend gewählten Worten immer ein Lächeln der Bewunderung ins Gesicht
    Viele liebe Grüße aus Wien,
    Karin

  8. Das Grab meines Vaters ist nie „mein“ Ort gewesen und wird es auch niemals sein.

    Fast 6 Jahre nach seinem Tod weiß ich dies nun ganz sicher.

    Alles Gute für Dich und die Kids

  9. Liebe Andrea,

    letzte Woche musste ich ganz besonders an Euch denken, wir sind in Köln gelandet und abgeflogen, da wart Ihr in meinen Gedanken.

    Danke für den schönen Bericht und ich freue mich immer in Deinem Blog zu lesen. Halbzeitbilanz wie Edda schreibt, das klingt doch sehr gut. Ihr habt soviel Vertrauen ins Leben, das ist wunderschön!

    Hab weiter soviel Sonne im Herzen!
    Liebe Grüsse, Ingrid

  10. Liebe Andrea

    4wochen lang hab ich mich nun gewundert warum der text mit den 6 monaten fehlt.immer wieder hab ich an mir gezweifelt ob ich mir nur eingebildet hab dass es diesen eintrag gab.:-)

    nun ist er wieder da und ich freue mich immer noch,wie schon beim ersten lesen,dass du es schaffst die sonne zu geniessen und immer weiter zu machen.es ist einfach toll an deinen gedanken teilhaben zu dürfen.

    danke

    lg katja

  11. Liebe Andrea,
    ja, ein halbes Jahr. Nur kurz nachdem ich von Michaels Tod erfahre habe, hat sich auch mein Leben von jetzt auf gleich verändert. Genau wie du musste ich eine Trennung durchleben, die mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat. Nichts ist mehr so, wie es war… Die Frage ob es schon oder erst 6 Monate her ist- keine Ahnung. Es wechselt.
    Ich freue mich von deiner positiven Auffassung vom Weiterleben. Wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird ist das erstmal unheimlich schwer. Mein Neuanfang hat nun auch angefangen. Es sind kleine erste Schritte. Aber das Losgehen ist der wichtigste Schritt auf dem Weg zum Glück.
    Ich wünsche dir und den Kindern alles erdenklich Gute. Und viel Kraft zum Weiterleben und Weitermachen auch wenn mal wieder das Loch kommen sollt.
    Du bist mein Vorbild, dass man sich nicht ewig in seiner eigenen Trauer gefangen halten soll.
    Für dich:

    Ende und Anfang

    Wenn du verlierst,

    wofür Du gelebt hast,

    tritt neben dem Schmerz

    Stillstand ein.

    Nimm Dir Zeit zu Trauern,

    aber schließe nie zu

    lange die Augen im Schmerz

    sonst kannst du

    nicht sehen, wofür es sich erneut lohnt

    zu leben. (Kristiane Allert-Wybranietz)

    Von Herzen, Katharina

  12. Liebe Andrea,

    auch nach über 15 Jahren ist das Grab meines Kindes nicht mein Ort. Mein Kind war immer hier bei mir zu hause.
    Aber ab und an gehe ich auch auf den Friedhof, einfach so.

    Und ich denke, Du und die Jungens, ihr habt euren eigenen Weg gefunden, und dieser kann sich auch immer ein wenig ändern.

    Liebe Grüße von Birgit

  13. Die Zeitrechnung ist eine andere nach so vielen ehrlichen und dichten Erlebnissen. Da merkt man dann plötzlich, dass Zeit eine Illusion ist.
    Dahinter steht eine unsichtbare Wirklichkeit die größer ist als alles.
    Bei allem Schmerz und aller Trauer, war und ist das hier in diesem Blog durch zu spüren.
    meint rg

  14. Liebe Andrea,

    ich denke auch ganz oft an dich und freue mich über Deine lebensfrohen Zeilen. Geniesst den Frühling, geniesst ihn an Eurem Baum, ich kann verstehen dass dieser Platz Euch mehr Nähe zu Michael schafft. Schön das Du ihn gefunden hast, für dich, für euch.

    Alles Liebe für Euch!
    Coli

  15. Hhhmmm… November , eins, Dezember, zwei, Januar, drei, Februar, vier, März, fünf und April, sechs. Ich komme auf sechs Monate, aber Zeit ist relativ und wichtig ist wie man sie füllt und was man draus macht und was man zuläßt. Und ich freu mich auf Eis zum Frühstück … baaaahhhh ;-)

  16. hallo andrea,

    auch nach fast 10 jahren ist das grab meiner mutter nicht mein ort. war es nie und wird es auch nie werden.
    auch wenn mein vater mir das gerne immer wieder vorwirft:-(

    dir und den jungs alles liebe,
    andrea

  17. Hallo Andrea,
    ich lese schon lange dein Blog mit und es berührt mich sehr.
    Was ihr in Bezug auf das Grab verspürt, ist für mich so nachvollziehbar. Da ist ein kalter Stein, darunter Sarg oder Urne des Toten, aber er kam dahin, als er sich von der Erde schon verabschiedet hatte.
    Wenn ich an den Plätzen bin, wo ich mich mit z.B. meinen Opa aufgehalten habe, bin ich ihm viel näher. Ich gehe in den Hof, setze mich auf die eine Bank und habe das Gefühl, da kommt er aus der Tür, winkt mir fröhlich lachend zu. Wenn ich das ein oder andere Erbteil, z.B. von meiner Patin in die Hand nehme, dann spüre ich etwas. Auch wenn es „nur“ ihre geliebte Handarbeitsschere ist, mit der ich früher als kleines Kind mit ihrer Hilfe lernte Stoffe zu zuschneiden.
    Ich denke, Menschen die man verloren, aber sehr geliebt hat, bleiben irgendwie immer bei einem. Manche nennen es Seele, manche Erinnerung. Mir ist es egal, was es ist, es ist ein schönes Gefühl, das einem Sicherheit, Wärme und Stärke gibt.

    Wenn ich ganz offen bin, muss ich sagen, für mich ist der Friedhof ein schrecklicher Ort. In der Nachbarschaft sind Gräber von Personen, die der Tote nie gekannt hat. Alles ist genau angeordnet, Wege führen durch diese Ordnung. Warum muss es dort so viele kalte Steine geben? Grabeingrenzung, manchmal eine Abdeckung, Grabstein. Die meisten Friedhöfe haben auch noch genaue Vorschriften, wie etwas sein muss, bis auf den Zentimeter.
    So waren meine toten Verwandte/Freunde nicht. Sie passen nicht dahin. Ich bin so froh, dass ich das Gefühl habe, in Wirklichkeit mögen da noch irgendwelche Überreste des Toten sein, aber ihre Seele, ihre Nähe ist sicherlich nicht dort.

    Ich habe das Gefühl ein Ort der Nähe ist für euch der Baum. Genießt ihn, seid dort, trauert und freut euch dort. Ich kann das sehr gut verstehen und du wirst überrascht sein, wie vielen Menschen es ganz ähnlich geht. Also wundere dich nicht, wenn am Grab diese Nähe nicht vorhanden ist. Da kann man noch so einen schönen Grabstein aussuchen, noch so viel Liebe hineingelegt haben, trotzdem ist das ein Ort, an dem man nicht die Verbundenheit fühlt, wie an einem anderen Ort.
    Der

  18. Tod ändert immer viel im Leben derjenigen, die bleiben.


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