Nicht rund, sondern eckig
12. März 2009 at 18:03 | In Blog | 12 CommentsHeute war ich mit meiner großen Anna bei der Steinmetzin. Sie ist die Schwester einer langjährigen Schulfreundin und hat einen eigenen Betrieb mitten auf dem platten Land. Jetzt, da fast ein halbes Jahr vergangen ist und Michael Grab schon seit längerem die übliche (und echt hässliche) Basaltgrundplatte trägt, wurde es allerhöchste Zeit, dass ich mich mit dem wirklich letzten ‘offiziellen Teil’ beschäftige. Ich hatte mir vorher nur wenige Gedanken gemacht und wusste eigentlich nur, was ich auf keinen Fall möchte. Und ich trug im Hinterkopf den Gedanken an einen Briefkasten.
Die Steinmetzin zeigte uns eine Auswahl von verschiedenfarbigen Graniten. Die meisten erinnerten mich an eine Küchenarbeitsplatte. Aber ein ganz schwarzer Stein sollte es auch nicht sein, der war zwar schön, aber auch ziemlich langweilig. Schließlich entschied ich mich für einen hellen Granit mit wenigen dunklen und dunkelroten Einschüssen, der matt geschliffen wird. Die gravierten Buchstaben – seine Name und die Jahreszahlen in der selben Schrift, die wir in der Zeitungsanzeige und auf der Grabtafel benutzt hatten – werden mit passender dunkelroter Farbe ausgemalt.
Eigentlich war meine Idee, nur die Basaltplatte gegen die Granitplatte zu tauschen und keinen weiteren Stein auf der Platte anbringen zu lassen. Die Steinmetzin überzeugte mich aber davon, dass Dinge, die auf der Platte abgestellt oder auf der Platte angebracht werden, mit ziemlicher Sicherheit beim Rasenmähen einfach überfahren und damit zerstört würden. Da ich aber so gerne ein auf Keramik gedrucktes Foto von Michael auf dem Stein anbringen möchte, wird es nun doch ein ‘Kissen’ auf der Basisplatte geben, ein ‘Klötzchen’, einen ‘Legostein’. Ein eckiges Kissen, kein rundes. Ein rundes würde zwar besser zu allem passen, was war, aber es sieht einfach nicht so gut aus.
Ich sprach die Steinmetzin dann auf den von Michael gewünschten Briefkasten an. Wir überlegten gemeinsam an einer Lösung und entschieden dann, dass in den vorderen Teil des ‘Legosteins’ drei Löcher gebohrt werden, die mit ‘Korken’ aus schwarzem Granit verschlossen werden. Diese sind abnehmbar und man kann kleine Zettel mit Botschaften dahinter unterbringen, für jeden von uns ein kleines Fach.
Es wird ca. vier bis sechs Wochen dauern, bis der Stein fertig ist und ich bin so gespannt, wie er aussehen wird. In meinem Kopf ist das Bild davon schon fertig, er wird einfach großartig aussehen. Und vielleicht wird er mich dazu bringen, diesen Ort, dieses Grab, nicht mehr ganz so fürchterlich zu finden.
Ein perfekter Bestatter, eine perfekte Steinmetzin. Noch perfekter wäre nur, wenn ich diese beiden Menschen niemals gebraucht hätte.
- Andrea
12 Kommentare »
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auch eckig kann sehr rund sein….
ich kann mir das Endprodukt sehr gut vorstellen, besonders die rote Schrift, tiefes rot wie die nie vergehende Liebe,
liebe Gedanken und Grüße,
Pamela
Kommentar von Pamela — 12. März 2009 #
Ich hatte gerade schon wieder einen Schauder…
Es wird wunderbar aussehen; ganz in Michaels Sinn,..davon bin ich jetzt überzeugt.
Und ausserdem: die Brieflöcher sind rund!
Und das Runde muss ins Eckige!
Freu´mich auf das Ergebnis.
In Liebe
Annie
Kommentar von Annie — 13. März 2009 #
Hallo, ich lese schon seit einer Weile mit, habe ähnliches erlebt und war gestern eben auch beim Steinmetz (der Todestag jährt sich im Mai zum 2. Mal, bei uns dauert das etwas länger bis die Gräber gestaltet werden können). Für mich ein schwerer Gang und eine schwierige Entscheidung. Die Idee mit dem Briefkasten finde ich sehr schön. Wir haben uns für eine Lebensspirale entschieden, eine Art Schnecke, auf der Besucher des Grabs etwas ablegen können. Auch ich hoffe, dass das Grab nach der neuen Gestaltung, in der viel Überlegen und viel Liebe steckt, endlich ein Ort wird, an dem ich mich aufhalten möchte. Bisher kann ich den geliebten Menschen dort so gar nicht spüren. Ich wünsche alles Gute!
Kommentar von Steffi — 13. März 2009 #
Liebe Andrea,
eines der vielen ersten Male – zum ersten Mal ist etwas eckiges rund.
Ich hoffe für Dich, für Euch, dass der Stein genauso aussieht, wie Du ihn Dir vorstellst. Und die Idee mit dem „Postfach“ für Michael finde ich wunderschön.
Ich finde es wunderschön, wie Du Dein neues Leben beginnst, ohne das alte Leben zu vergessen oder verdrängen zu wollen, und allein das ist doch schon wieder rund, oder?
Liebe Grüße
Susanne
Kommentar von Susanne — 13. März 2009 #
Liebe Tinka!
Dass du in all dem Unglück die passenden „Begleiter“ – sei es nun der Bestatter oder die Steinmetzin – gefunden hast, das kann kein Zufall sein …
Ich bin sicher, das, was du dir so gründlich und liebevoll ausgemalt hast, wird auch in Echtigkeit einfach nur wunderschön aussehen und dem Ort, den du jetzt noch so ungern aufsuchst, eine andere Atmosphäre verleihen.
Die Briefkastensache treibt mir die Tränen in die Augen – vor allem, weil du damit Michaels Wünschen und euren Bedürfnissen so sehr Rechnung trägst!
Gib weiterhin auf dich, auf euch alle Acht, ja?
Ganz liebe Grüße von Michi
Kommentar von Michi — 14. März 2009 #
Liebe Andrea,
ich habe genau das gleiche wie Susanne gedacht – wie wunderbar Du Dein neues Leben beginnst, ohne das alte zu vergessen. Das finde ich bewundernswert. Der Stein wird wunderbar aussehen. Die Idee mit den Briefkästen finde ich grandios.
Weiterhin alles Gute für Dich und die Kinder.
Viele Grüße
Miriam
Kommentar von Miriam — 14. März 2009 #
Wie immer eine gute Entscheidung und Danke für das mitteilen.
Kommentar von rotegraefin — 14. März 2009 #
Ich bin sehr gespannt auf diesen Stein, Andrea – ich bin sicher, er wird wunderschön und einzigartig sein.
Diese Idee mit dem Briefkasten ist einfach gigantisch!
Liebe Grüße an dich und die Jungs
Karen mit Krümel Julia
Kommentar von Karen — 15. März 2009 #
in diesem ganz speziellen fall, gehört das eckige ins runde.
alles wird gut.
Kommentar von Otto Lenk — 16. März 2009 #
Einfach nur mal wieder ein lieber Gruß von der Nordsee – Du machst das toll, danke, dass ich mitlesen darf – und überhaupt: ein Kreis ist auch nur ein Vieleck mit unendlich vielen Ecken…
Liebe Grüße
Kerstin
Kommentar von Kerstin Meeresschutz — 17. März 2009 #
Wie wunderbar. Ein perfekter Bestatter. Eine perfekte Steinmetzin. Alles perfekt. Das Leben hält dochimmer wieder positive Überraschungen parat. Und das mit den Briefkästen … wie schön und berührend.
Kommentar von renate — 22. März 2009 #
So verliert der Tod seinen Schrecken und gehört zum Leben dazu, klingt vielleicht fürchterlich pathetisch, ist aber als eine Aussöhnung mit dem Tod gemeint, der in meinem Leben tiefe und kaum zu heilende Wunden gerissen hat.
Kommentar von rotegraefin — 24. März 2009 #