Karneval – mit einem Gast
21. Februar 2009 at 10:07 | In Blog | 13 CommentsFür gewöhnlich bin ich ein ganz großer Fan des Kölner Karnevals, natürlich, denn wer hier geboren ist, bekommt es mit den Genen mit oder saugt es spätestens mit der Muttermilch auf. Bei den Kindern haben Michaels schwäbische Gene die Oberhand gewonnen, sie mögen Karneval nicht so besonders. Die Aussicht, mit nölenden unwilligen Kindern zu feiern, sorgte nicht für gute Laune. Vielmehr war es so, dass etwas passierte, was mir schon seit Jahren nicht mehr passiert ist: Ich hatte keine Lust. Keine. Null. Und das, wo ich mitten im Getümmel wohne.
Zum ersten Mal verstand ich, wie Michael sich immer gefühlt hatte, der, wenn er mit den Kindern nicht zu seinen Eltern fuhr, den ganzen Trubel aushalten musste, ohne dem auch nur ein bisschen abgewinnen zu können. Dachte an seinen einzigen, kläglich gescheiterten Versuch, an Karneval alleine loszuziehen in seinem sagenhaften Superman-Kostüm, nur um eine gute halbe Stunde später wieder zu Hause zu sein mit den Worten: ‘Die sind ja alle komplett irre da draußen, und nir-gend-wo kommt man rein!’ Ach, ist das so?

Am Donnerstag Morgen, als draußen der Mob das Toben anfing und die Musik immer lauter wurde, saß ich in der Küche und dachte, das geht alles überhaupt nicht. Ich zog mich gegen jedes Gefühl trotzdem um – das Kostüm vom letzten Jahr war zu groß geworden, sah aber immer noch ganz gut aus – und sammelte die Kinder in ihren Schulen ein. Wir gingen dann – wie jedes Jahr an Weiberfastnacht – zu meinen Eltern, wo es eine kleine feine Party gibt, bei der ich gerne kellnere und damit meine Zeche abarbeite. Es ergab sich, dass die Kinder bei einem Freund schlafen konnten, den wir zur Feier mitgenommen hatten, und siehe da, feiern ging. Singen und tanzen ging. Und es machte sogar Spaß, in diesem geschützten Raum, in dem ich nicht die einzige Witfrau war, wenn auch bei weitem die jüngste.
Irgendwann in einer Arbeitspause saß ich bei meinem Vater und die Dame Trauer schaffte es, den Raum zu betreten, ganz heimlich schlich sie sich ein. Von der CD sang Trude Herr „Niemals geht man so ganz„, ein Lied, das es immer schafft, sämtliche Schleusen zu öffnen, und nun reichte es, um zu merken, dass auch Karneval ein erstes Mal sein kann, auch wenn der Schwabe es nicht ausstehen konnte. Den Tränen in dieser Feierstimmung freien Lauf zu geben, war schon etwas besonders. Wir sprachen über Michael und versicherten uns zum x-ten Mal, wie unglaublich doof alles sei. Was wir aus allem gelernt hatten, wie es uns verändert hat und wie alles weitergehen würde. Dann gab es ein großes Gib-mir-fünf, einer für alle und alle für einen, und wir feierten weiter, gelöst und wieder fröhlich.
Dass ein erster Karneval aber eben doch nicht geht, stellte ich fest, als ich später versuchte, in einer Kneipe mit Graciella weiterzufeiern. Die Enge, die vielen Leute, es ging überhaupt nicht. Also ging ich nach Hause, steckte mein Kostüm in die Waschmaschine, beschloss, dass es mir für dieses Jahr reicht und ich mich lieber mit den Jungs zu Hause einigeln würde. Den Krach von draußen kann man irgendwie ausblenden.
- Andrea
Zeit versetzen, Zeit verdrehen
16. Februar 2009 at 08:49 | In Blog | 74 CommentsEs bedarf wohl einer gehörigen Portion Irrsinns, wenn man sich an einem Freitag Abend um zehn entscheidet, ja zu sagen. Ja zu: Setz Dich bitte ins Auto und komm her, zwölf Tage vor dem eigentlich geplanten Treffen. Ja zu: Wir treffen uns um fünf nach fünf unterm Stadttor. Ja zu: Wenn die Chemie nicht stimmt, würde die ganze zauberhafte Geschichte um Herrn Winter und Frau Sommer womöglich ein jähes Ende finden.
Während Herr Winter sich also auf den weiten Weg machte, telefonierte ich elektrisch mit Anna, versuchte, mich mit ihrer Hilfe zu sortieren, was kein bisschen gelang. Trank mindestens ein Glas Wein zu viel und fragte mich mehr als einmal, ob das nun wirklich eine gute Idee sei. Gab meinem Gefühl nach, mich aufräumen zu müssen und nahm Michaels E-Box aus dem Schrank. Ich schaute alle Dinge an, weinte und bat ihn, gut auf mich aufzupassen. Anna sagte später hierzu, dass sie glaube, ich mache alles richtig, weil ich etwas Neues nicht auf den Scherben des Alten aufbaue, weil es da einfach keine Scherben gibt. Alles rund eben. Alles rund.
Und weil Irrsinn zuweilen Sinn macht, trafen sich Herr Winter und Frau Sommer am Samstag Morgen um fünf nach fünf unterm Stadttor. Unwirkliches mischte sich mit Echtem, die Personen hinter den Worten bekamen ein lebendiges Gesicht und im Laufe der folgenden Stunden stellte sich heraus, dass alles, was vorher gesagt und geschrieben wurde, authentisch ist. Kein Kiki, kein Geseier, alles echt. Echter Mut, sich auf ein Siebenerpack einzulassen, das viel mit sich bringt, darunter einen Menschen, der einen festen und unverrückbaren Platz in mindestens drei Herzen hat. Echte Zuneigung, echte Herzwärme und echte Worte. Und das Versprechen, der Geschichte keine Gelegenheit zu geben, sich zu wiederholen, indem man bitte in den nächsten mindestens 55 Jahren einfach mal nicht stirbt, danke.
500 Kilometer sind eine überwindliche Distanz, und Kiel ist nicht der Südfriedhof.
So geht Leben, oder? Ja, so geht Leben. Es ist großartig. Man muss es einfach nur annehmen, zulassen, so wie es ist.
- Andrea
Ich lebe ja
7. Februar 2009 at 16:51 | In Blog | 15 CommentsEin Satz, den ich schon ganz oft schreiben wollte. Er passt jetzt.
Heute war ich mit Moni in der Therme. Wir haben den Gutschein verbraten, den ich im Sommer von den lieben Menschen im BZ geschenkt bekommen hatte. Er erreichte uns per Post, als es Michael total schlecht ging und ich sagte, wir bewahren ihn auf, und wenn es dir besser geht, gehen wir zusammen hin und machen uns einen gemütlichen faulen Tag. Hehre Herzenswünsche, die nicht erfüllt wurden.
Dann konnte ich ganz lange noch nicht einmal darüber nachdenken, eine Massage zu buchen. Die Vorstellung, dass mich ein fremder Mensch anfasst, war mir so zuwider, ich hätte es nicht ertragen.
Und heute, es war wie Kurzurlaub. Berührungen. Sich wie ein Stück Butter fühlen danach. Schwimmen. Lautlose, gleichmäßige Bewegung. Schwereloses Schweben. Entspannt sein. Gedanken ziehen lassen. Sich spüren. Sein. Ich lebe ja.
Klaus und Willi werkeln gerade in meiner Küche, sie zaubern für uns ein Abendessen, das der Abschluss dieses äußerst gut gelungenen Tages sein wird. Das Zusammensein mit Freunden genießen, erzählen, essen, trinken, lachen. Ich lebe ja.
Und immer wieder die verbale Präsenz des Herrn Winter, die mit all ihren Zweifeln und Ängsten daherkommt, mit dem Hinterfragen von Dingen, ob sie sein dürfen oder nicht, sie schließlich annehmen und Gutes daraus ziehen. Mein Herzpflaster.
Ich lebe ja. Ich bin nicht tot.
- Andrea
A week in the life of …
4. Februar 2009 at 11:50 | In Blog | 55 CommentsEine Woche ist vergangen, es ist wieder Mittwoch. Und alles ist anders.
Anna und mir war einmal sehr langweilig, und so surften wir an irgendeinem Abend im Januar gleichzeitig auf einer der berüchtigten Singleseiten umher, lästerten, was das Zeug hielt, staunten über Einträge und wunderten uns über Fotos. Ein Glas Wein zu viel brachte mich dazu, einen der Herren anzuschreiben, denn sein Foto sah recht ansprechend aus und mal gucken, wie sowas geht, schadet ja nicht. Literaturnobelpreisverdächtig war meine Mail mit Sicherheit nicht, aber ich bekam eine Antwort. Und auf diese Antwort schrieb ich eine Antwort, diesmal gab ich mir mehr Mühe. Es entspann sich eine lustig-lockere Konversation, die dazu führte, dass man diese seltsame Kommunikationsplattform verließ und sich lieber direkt eine Mail schrieb. Und noch eine. Und noch eine.
Seitdem sind ca. 600.000 Worte durch die Netzwelt geflogen, Herr Winter und Frau Sommer plaudern sich um Kopf und Kragen, erzählen sich ihr Leben und ihre Gedanken, denn da gibt es so viel, dass man fast ein Buch daraus machen könnte. Sie rauben sich gegenseitig den Schlaf, indem sie halbe Nächte durchtelefonieren, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass sie nicht mehr 20 sind und so etwas daher auf Dauer nicht durchzuhalten ist. Sie sind aufgeregt, weil sie verstanden haben, dass da jemand ist, der etwas Besonderes ist. Sie machen sich Gedanken darüber, was werden könnte und was nicht, und eigentlich kann das alles überhaupt nicht wahr sein.
Wenn Herr Winter und Frau Sommer sich vielleicht in 24 Tagen zum ersten Mal gegenüberstehen, werden allein ihre Nasen entscheiden, wie alles weitergeht.
- Andrea
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