Yes, I can!
26. Januar 2009 at 21:10 | In Blog | 10 CommentsTja, Blogeinträge über den Alltag. Ich solle sie verfassen, sagte man mir, nicht nur von einer Seite. Aber er ist doch so öde, mein Alltag. Aber immerhin ist er einer, und die halbwegs vorhandene Struktur tut mir gut.
Ich kopiere tausend Papiere für fünftausend weitere Formulare, die unser Dasein sichern sollen. Wische mal hier durch die Wohnung und koche dort ein leckeres Mittagessen. Ins Büroleben habe ich mich inzwischen auch ganz gut eingelebt. Ich ging heute zum ersten Mal nicht mit einem komischen Gefühl im Bauch dorthin. Habe es geschafft, ein endlos langes Diktat in meiner persönlichen Rekordzeit fehlerfrei in den Computer zu hacken und war so von Stolz erfüllt, dass ich auf dem Weg nach Hause dachte: Ja, ich kann das. Yes, I can. Ich kann meine kleine Restfamilie versorgen, ich kann es einfach. Ein gutes, warmes Gefühl. Hochgefühl.
Ebenfalls warm und gut war die Geburtstagsparty meiner ‘großen’ Anna am vergangenen Samstag. Die Kinder waren nicht kleinzukriegen und so feierten wir bis halb eins, unglaublich albern und mit reichlich Gelächter und noch viel peinlicheren Fotos. Viele nette Menschen waren dort, die ich zum Großteil bis dato nicht kannte, aber auch das konnte ich, konnte ich wieder. Auf Fremde zugehen, über irgendetwas plaudern, interessiert sein und lustig. Yes, I can.
Trotzdem schwelt die leichte Angst in mir, dass dieses Hoch vielleicht nicht lange anhalten wird, dass wieder eine Trauerbremse kommt und das vielleicht eher, als es mir derzeit lieb wäre. Sie ist immer noch nicht meine Freundin, die Trauer. Sie kommt, ohne zu klingeln oder vorher anzurufen, und ungebetene Gäste konnte ich noch nie leiden. Sie schleicht sich rein und macht sich breit und hinterlässt auch noch hässliche Flecken.
Ich werde sie testen, die Trauer, morgen am Vormittag. Schon vor langer Zeit habe ich mir vorgenommen, Michaels komplette Krankenakte noch einmal zu studieren, Dinge hervorzuholen, die ich vergessen habe, vielleicht sogar im Nachhinein noch einmal Zusammenhänge zu verstehen, die mir bisher verborgen waren oder die ich einfach verdrängt habe. Ich werde alles an Arztbriefen und Diagnostikbildern herauskramen und auch meine persönlichen Notizen über seinen Zustand. Und dann sehen wir mal, ob der ungebetene Gast einfach reinplatzt oder nicht.
- Andrea
10 Kommentare »
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hallo andrea!
lange habe ich nur stumm mitgelesen. alles kommt mir so bekannt vor!
du wirst noch viele trauerbremsen erleben. manche kommen langsam, andere als ob dir jemand bei 200 sachen die handbremse reinhaut.
und los wirst du „diesen ungebeten gast“ nie werden. alle wunden heilen einmal aber aus wunden werden narben und die merkt man oft sein ganzes leben lang!
nichtsdestotrotz wirst du es schaffen, dass die löcher absehbar nicht mehr so tief sind!
das möchte ich dir wünschen! glg tasha
Kommentar von Tasha — 26. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
auch ich habe mich immer ein wenig mehr herangetastet, habe ausprobiert was geht – was geht nicht…und als es mir eine (aus meiner Sicht) ganze Zeit gut ging, fand ich das irgendwie auch schrecklich. Also habe ich eine ordentliche Heulerei provoziert, und dann war es wieder gut…ich glaube, die Trauer wird immer da sein. Nur schlagen die Tränenwellen vielleicht immer weniger hoch, und das ist auch gut so. Probier es aus, Du wirst Deinen Weg finden! Etwas anderes, als sich durchzutasten, bleibt einem nicht übrig. Ich wünsche Dir alles gute für morgen, und ich muss noch sagen, dass ich sehr schmunzeln musste als ich Deine Überschrift gelesen habe!
Lieben Gruß und gute Nacht sagt
Claudia
Kommentar von Claudia — 26. Januar 2009 #
Liebe Andrea.
ungebetene Gäste gibt es leider immer wieder, und aus eigener Erfahrung kann ich (leider) sagen die Dame Trauer ist verdammt hartnäckig. Sie klingelt hier auch immer wieder, leider meistens ungefragt. Bitte sie herein, nimm sie an wie sie ist – dann kommt sie immer seltener, aber ganz wegbleiben wird sie wohl leider nie.
Kommentar von nevigeser — 26. Januar 2009 #
Tasha hat’s gesagt….also brauche ich nix mehr dazu schreiben.
Außer….man kann sich auch mit ungebetenen Gästen arrangieren, ehrlich!
Liebe grüße von Birgit
Kommentar von Birgit — 26. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
of course you can, my dear
.
Die Trauer wird wieder kommen, aber schätzungsweise nicht bei deinem Vorhaben. Und wenn sie kommt, werden die Wellen langsam flacher werden, die Trauerspitzen weniger scharf, die Täler weniger tief.
Der Dünung wird auch nicht mehr so oft über dich herein brechen.
Die Abstände werden länger werden.
Alles wird gut!
Beste Grüße
edda.
Kommentar von edda. — 27. Januar 2009 #
Das Leben mit meiner Trauer ist immer noch eine Wellenbewegung mit Tendenz nach oben. Das Gefühl „Yes, I can“ habe ich zunächst misstrauisch beäugt, zum einen, weil mir klar ist, dass der nächste Absturz vorprogrammiert ist und es einem nahezu wie Verrat vorkommt, dass man auch ohne den geliebten Partner sagen kann: Yes, I can. Doch genau das würde sich mein Mann für mich wünschen, dass ich das Leben auch ohne ihn genieße und es mir gut gehen lassen, vielleicht sogar Dinge tue, die mit ihm nicht so gut möglich gewesen wären. Er hätte es mir gegönnt, jetzt muss ich es nur noch für mich selbst zulassen. Geht doch mit der Zeit (vielleicht immer besser, vor allem leichter!)
Kommentar von mona lisa — 27. Januar 2009 #
liebe andrea,
ungebetene gäste sind nie wirklich willkommen, aber es gibt sie ob man will oder nicht und im fall der dame trauer, die hartnäckig und hinterhältig sein kann ist es am besten sie freundlich herein zu bitten, sie anzunehmen und ihr ihren platz zuzuweisen….sie wird stummer werden, sie wird sich klein machen und sie wird immer weniger beachtung fordern, auch wenn sie immer lautlos da sein wird….aber sie platzt dann nie wieder ungefragt rein…..
ich wünsche dir weiterhin sehr viel kraft, sehr viel mut und liebe ….
liebe grüsse
gweni
Kommentar von gweni — 27. Januar 2009 #
Schön, auch mal wieder zuversichtlichere Zeilen von dir zu lesen.
Die Damen vor mir haben bereits alles Kluge gesagt, was man sagen kann. Ich schließe mich dem an.
Viele liebe Grüße
Anja (hatte heute ungebetenen Besuch… warum musste ich auch an den Halstüchlein riechen, die ich von meiner Mutter im Schrank habe? Ihr Duft, ihr Parfum… Ich durfte diesen Geruch immer riechen, wenn sie mich zur Begrüung umarmte… Ich werde die Tüchlein niemals waschen. Der ungebetenen Besucherin habe ich nach einer Heulattacke erstmal einen Kaffe angeboten.)
Dir noch mal alles erdenklich Liebe, as always
Kommentar von Anja B. — 27. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
schön, von Deinem „Alltag“ zu lesen. Ich habe mich mit Dir gefreut.
Ich wünsche Dir, daß Du keine Angst vor einer nächsten „Trauerbremse“ hast.
Wir fangen Dich virtuell auf (Anna und Deine lieben Freunde dann vor Ort) …. laß’ Dich ruhig fallen. Wir heben Dich wieder auf.
Herzlichst, Eva – Maria
Kommentar von Eva - Maria — 27. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
aus dem ungebetenen Gast wird vielleicht irgendwann ein gebetener Gast werden – wie oft denke ich an die erste Zeit der Trauer um mein Kind und wünsche sie mir zurück, weil sie irgendwie wenigstens intensiv war und mein Sohn mir viel näher als aus der heilenden Distanz, die die Jahre zwischen uns gelegt hat.
Manchmal lade ich die Trauer ein – sie kommt nur noch seltend von alleine…aber wenn, dann tritt sie die Tür ein. Sie ist schon außergewöhnlich.
Viele liebe Grüsse von
Sara
Kommentar von Sara — 29. Januar 2009 #