Drei Monate
22. Januar 2009 at 16:17 | In Blog | 14 CommentsDiese Überschrift pinselte ich am Sonntag ins Blog, mit dem festen Vorhaben, einen Text zu verfassen. Einen Text darüber, dass nun schon oder besser erst drei Monate vergangen sind seit Michaels Tod. Ich suchte nach Vergleichen und das einzige, das mir einfiel war, dass drei Monate ein für Kassenpatienten zu zahlendes Quartal beim Arzt und dass drei Monate ein Drittel einer Schwangerschaft sind. Da ließ sich wohl kein direkter Zusammenhang finden. Und schreiben konnte ich überhaupt nicht, ich war total blockiert.
Außerdem stürzte ich mich vom Drei-Meter-Brett kopfüber runter ins Loch, oder wurde ich von dort runtergeschubst? Diesmal kamen ganz jedenfalls viele Dinge zusammen. Es fing schon am Freitag an und ich weiß nicht mehr, warum ausgerechnet dann. Am Samstag und am Sonntag verließ ich für keine Sekunde das Haus, unterhielt mich nur mit Anna und Micki über ICQ und natürlich mit den Jungs, die am Samstag bei Freunden schliefen, hier zu Hause. Aber rausgehen, nein danke.
Der Besuch im Trauercafé im MSH am Montag, für den meine liebe Kollegin mir extra den Dienst freigeschaufelt hatte, war nicht so gut diesmal, denn gerade, als ich mich mit der netten Ärztin unterhalten wollte, setzte sich eine Dame an unseren Tisch und riss alle vorhandenen Ohren an sich. Ich spielte dann mit dem Kleinen Memory – er war mitgekommen, weil es dort so leckeren Kuchen gibt – und nach einer guten Stunde fuhren wir wieder nach Hause, ohne ein weiteres Wort mit jemandem gewechselt zu haben. Schlecht vom Kuchen war uns außerdem.
Am Montag Abend fragte ich mich ganz unmedizinisch, ob Tränendrüsen nicht einfach irgendwann die Arbeit einstellen, austrocknen quasi. Sie tun es nicht, es kommt immer noch mehr. Ich beschloss, im Loch noch ein wenig weiter nach unten zu buddeln und holte mir am späten Abend die E-Box mit ins Bett. Packte alles aus, alle Kleidungsstücke, seine Zahnbürste, den Schlüsselanhänger. Roch an seinem Parfum und weinte in den Kissenbezug seiner letzten Stunden. Und ich öffnete die Tüte mit den Haaren, die ich nach der Glatzenrasur von der Chemo beiseite gelegt hatte. Keratinstrukturen nur, und doch so wertvoll wie ein Goldschatz, denn sie sind das letzte, was von seinem Körper blieb, das letzte, was man anfassen kann. Die Fotos von ihm im Sarg. Nach dieser Aktion war ich so fertig, dass ich sofort einschlief.
Über den ganzen Dienstag hinweg ging es mir nicht wirklich besser, so dass ich gestern noch mal am Loch arbeitete. Diesmal nahm ich mir die Kiste mit den alten Briefen vor, fand so viele schöne Worte und Erinnerungen.
Es sind aber nicht die Erinnerungen, die schmerzen, sondern vielmehr das Wissen darum, dass wir keine neuen Erinnerungen mehr schaffen können. Dass es nie wieder Briefe geben wird, in denen steht, wie froh man ist, dass man sich gefunden hat, dass man die wunderbaren Kinder hat. Dass man sich liebt und auch, dass es nie wieder geschriebene Auseinandersetzungen geben wird. Nie mehr.
Ich suchte außerdem schöne Bilder von Michael und auch von uns anderen und druckte sie am Automaten im Drogeriemarkt aus. Später dekorierte ich damit unsere Fotogalerie im Flur um, es sind so wunderbare Fotos.
Als ich damit fertig war, ging es mir gut. Das kleine Krustentier hatte wieder seinen zu klein gewordenen Chitinpanzer abgelegt. Es tut weh, wenn er aufbricht und es ist eine Menge Arbeit, sich da rauszuschälen. Manchmal erscheint es unmöglich und dann ist er plötzlich doch weg. Liegt am Boden, kann weggeräumt werden. Bis der nächste wieder zu klein wird.
- Andrea
14 Kommentare »
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Entries and comments feeds.
(((Andrea)))
Lass Dir Zeit. Trauer ist kein gleichmäßiger Prozess. Und irgendwann werden die Erinnerungen nicht mehr schmerzen, sondern Du wirst glücklich sein, dass Ihr Euch begegnet seid.
Claudia
Kommentar von Claudia — 22. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
die Löcher werden weniger tief. aber das dauert. drei Monate sind fast keine Zeit.
Aber wie Du damit umgehst, ist es gut.
Ich weiß, es wäre besser, wenn Michael niemals krank geworden wäre und nicht gestorben wäre.
Kennst Du das gedicht von Gottfried Benn „Ich trage Dich wie eine Wunde“ ?
Liebe Grüße von Birgit
Kommentar von Birgit — 22. Januar 2009 #
Ja, das Krustentier verliert sein Panzer erst wenn die Zeit dazu reif ist.
Es ist befreiend, diesen korsett-ähnlichen Panzer abzulegen und aufzuräumen, aber eh die neue Panzer stark und tragfähig ist, dauert es ebenso seine Zeit.
Die wünsch ich dir. Zeit.
Kommentar von Andrea — 22. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
drei Monate sind nicht lang.
Michael & Du – die 10 Jahre … eine Dekade, doch auch nicht wirklich lang.
Ein Menschenleben …wirklich lang?
Zeit ist relativ.
Die Definition von Trauer / Trauerzeit finde ich auch relativ.
Ich hoffe, daß Du auch in naher und ferner Zukunft immer wieder von Michael erzählst. Er gehört zu Dir … ein Leben lang.
Ich umarme Dich in Gedanken.
Du nettes Krustentier, Du!
Herzlichst, Eva – Maria
Kommentar von Eva - Maria — 22. Januar 2009 #
Wie immer ist es wunderbar, welche Worte Du findest. Wie schön, wie warm, wie gut, dass Du wieder ein winziges Stück weiter bist. Ich wünsche Dir wie immer, alles Liebe dieser Welt. LG, Nicole
Kommentar von Nicole (20599) — 22. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
wenn ich Dir nur irgendwie helfen könnte, nur ein wenig den Schmerz nehmen könnte, nur „richtige“ Worte…. irgend etwas….
Ich fühle mit Dir, wenn auch nicht wie Du fühlst.
Ich denke sehr oft an Dich und sende Dir ganz viel liebevolle Energie….
Dicken DRÜCKER
Ana
Kommentar von Ana — 22. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
Du hast es wieder geschafft, hast Dich hochgegraben. Trauer, ein sehr intensives Gefühl, die Angst, dass sie einen überschwemmt, die Verführung ihr nachzugeben und darin zu versinken und nie mehr aufzutauchen. Doch dann kommt Deine Stärke, Dein Kampfesgeist und langsam buddelst Du Dich zurück in Dein Leben.
Du starke Frau, mit leichter Kruste…
Liebe Gedanken und Grüße,
Pamela
Kommentar von Pamela — 22. Januar 2009 #
Hallo Andrea!
Ich habe euren harten Weg die ganze Zeit über sehr intensiv verfolgt, war aber nie im Stande etwas zu schreiben, da mir einfach die Worte dafür fehlten.
Heute möchte ich das gerne tun und ich hoffe es ist ok.
Es ist beeindruckend wie du über das was dich täglich berührt und bewegt schreibst.
Einen solchen Schicksalsschlag so zu verarbeiten verbraucht eine Menge Kraft und das merkst du eben an Tagen wie diesen, wenn die Löcher zu groß werden als das du um sie herumlaufen könntest.
Aber sie werden weniger und kleiner und bist das soweit ist hast du immer eine Menge Menschen und vor allem Freunde die dir immer wieder hundert Seile zu werfen werden um dich aus dem Loch zu befreien.
Ich habe großen Respekt und finde den Weg den du gehst beeindruckend, denn es ist nicht leicht über so große Gefühle so öffentlich zu schreiben.
Danke dafür das wir alle daran teilhaben dürfen.
Ganz lieben Gruß Tina mit Julia und Ben
Kommentar von Tina Rasch — 23. Januar 2009 #
Ich finde es bewundernswert wie Du mit der Trauer umgehst… es ist aufjedenfall der richtige Weg um damit umgehen zu können.
Es ist zwar nicht vergleichbar mit dem Verlust des eigenen Mannes aber ich werde nie vergessen wie hilflos ich beim und nach dem Tod meiner lieben Oma war und wie stark ich gekämpft habe um meine Mama (die sehr stark unter dem Tod Ihrer Mutter gelitten hat) aus dem tiefen Loch zu graben.
Sie wollte einfach gar nicht mehr aufstehen und hat wie eine Statue im Bett gelegen.
Heute weiß ich das Sie, wie Du auch schon sagtest, in dieses Loch fallen mußte um dann irgendwann gestärkt wieder hinaus zu kommen. Aber es tat mir damals schrecklich weh zusehen zu müssen wie Sie sich gequält hat.
Jedesmal wenn ich in Deinem Blog lese erinnert es mich ein wenig daran und jedesmal stehen mir Tränen in den Augen und ich würde auch Dir gerne schneller aus diesem Loch helfen. Aber sowas kann man einfach nicht beschleunigen das weiß ich nun.
Ganz liebe Grüße Sabrina
Kommentar von Sabrina (brinchen) — 23. Januar 2009 #
Hallo Andrea! Wir wäre es denn mit Farbe?
Ich könnte mir gut vorstellen, wie Du zum Beispiel die Fotogalerie abnimmst und die Wand darunter mit einer wunderbaren neuen Farbe anpinselst.
Vielleicht eine Idee, um wieder schöne runde Gedanken für die vielen „Morgen“ zu finden.
Sei gedrückt.
Elly mit Belana, Charlotte und Julian
Kommentar von Elly — 23. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
Dein Schmerz ist durch Deine Zeilen hindurch selbst für mich physisch spürbar.
(((Ach, Anderea!)))
Drei Monate ist keine Zeit. Und das „nie wieder“ Gefühl, es wird Dich durchs Leben begleiten und Du wirst lernen, damit umzugehen. Glaub’ es mir.
Aber das „nie wieder“-Gefühl hat irgendwann nur einen Platz in Deinem Kopf wie andere Dinge auch und berherrscht nicht Dein ganzes Sein, so wie jetzt.
Ich gehe heute noch über die Wegsteine unseres Gartens und erinnere mich oft daran wie mein Vater damals mit den Kids zusammen den Putz abgeklopft hat, bevor wir sie verlegten.
Und dann pinkelt mein Hund drauf und ich weiß, das Leben ist eben so. Es geht gnadenlos weiter und das ist auch gut so.
Alles Liebe, alles Gute für Dich
Kommentar von Elli — 23. Januar 2009 #
liebe andrea,
bei allem mal wieder tief bewegt sein vom lesen deiner worte war mein erster gedanke, dass du wohl zu den wenigen menschen gehörst, an denen einfach alles echt ist. alles dran und alles echt. wahrscheinlich kannst du u.a. auch deshalb so viel über diesen blog geben.
und ich kann nur hoffen, dass du auch ein wenig daraus nehmen kannst, wenn die löcher kommen.
sehr liebe grüße
nina
Kommentar von nina — 23. Januar 2009 #
Liebe Andrea,
ich schick dir Kraft, damit du nicht mehr so tief ins Loch fällst! LG Heike B. ausm Sauerland
Kommentar von Heike — 23. Januar 2009 #
Manchmal
sehe ich
wie die Zeit vergeht
Manchmal
wie sie steht
und steht
und steht
Ich habe das Meer von Dir gegrüßt.
Alles Liebe
Otto
Kommentar von Otto Lenk — 26. Januar 2009 #