Eine Flutwelle

13. Januar 2009 at 11:13 | In Blog | 20 Comments

Zuweilen überrollt mich die Traurigkeit wie eine gigantische Flutwelle. Die Komponenten dafür, dass es so kommt, sind hausgemacht: Ein anstrengender Tag, maßlose Aufregung über eine Person, wenig Schlaf und am Morgen die Nachricht, dass wieder ein Mitstreiter den Kampf gegen den Prostatakrebs verloren hat. Das reicht, um mit dem Gefühl in den Tag zu gehen, dass es nur sehr kurz dauern kann, bis die Welle kommt. Und der Kloß im Hals wird immer größer, die Zange ums Herz immer enger.

Die Flutwelle kam, vor zehn Minuten. Und sie bringt mit sich, dass ich überhaupt nicht wahrhaben will, dass Michael tot ist. Sie bringt auch Wut mit sich, Wut auf diese verdammte Krankheit, Wut auf das Allein sein, Wut auf das Verlassen sein. Angst trägt sie mit sich, Angst vor allem was war, was ist und was kommen wird. Der Gedanke, in all diesen Gefühlen ertrinken zu müssen, unrettbar verloren, nichts auf dieser Welt wird all das jemals heilen können.

In solchen Momenten schaue ich Michaels Foto vom Morgen des 18. Oktober an. Wie er da so liegt, tot im Bett, tot und doch so schön. Eben immer noch so schön, dass ich gerade darüber eigentlich noch mehr ausrasten möchte. Aber tot eben, sichtbar, greifbar.

Mehr Bilder erscheinen vor meinem inneren Auge. Wie er mich in einem der seltenen halbwachen Momente in der magischen Woche anschaute, so als wollte er sagen, dass er lieber raus aus der Nummer wäre. Vielleicht wollte er mit dem Blick auch etwas ganz anderes sagen, woher soll ich das wissen? Er konnte ja nichts mehr sagen.

Diesen Blick kann ich körperlich fühlen, er geht mir durch und durch. Und wenn er sonst, wenn es mir gut geht, eine warme Erinnerung ist, so ist er in der Flutwelle ein kalter Teil von ihr, der mich weiter runterreißt.

Ein wenig Sonne wäre schön. Und Ebbe.

- Andrea

20 Kommentare »

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  1. ach has,
    ich würde dir die sonne pflücken, wenn ich es könnte.
    ich kann es aber nicht, wie schade das ist..

    ich weiss auch nicht was michael sagen wollte, ich weiss nur, dass er in der magischen woche niemanden ansah wie dich.
    und das er auf niemanden reagierte wie auf dich.
    und das er, als er lächelte, dich anlächelte.
    das er dir vertraute und deiner stimme nachhing, in diesem zimmer, das mal euer schlafzimmer war.

    weisst du noch?

    ****

    Der Himmel heult
    Die See geht hoch
    Wellen wehren dich
    Stürzen mich von Tal zu Tal
    Die Gewalten gegen mich
    Bist so ozeanweit entfernt
    Regen peitscht von vorn
    Und ist’s auch sinnlos
    soll’s nicht sein
    Ich geb dich nie verlorn

    Geleite mich heim
    Rauhe Endlosigkeit
    Bist zu lange fort
    Mach die Feuer an
    Damit ich dich finden kann
    steig zu mir an bord
    Übernimm die Wacht
    Bring mich durch die Nacht
    Rette mich im Sturm
    Faß mich ganz fest an
    Daß ich mich halten kann
    Bring mich zum Ende
    Laß mich nicht mehr los

    ****

    du hast ihn durch die nacht gebracht.
    und loslassen werdet ihr euch nie ganz.
    so ist das, wenn die liebe groß ist und ungefragt getrennt wird.
    und die ebbe kommt, so wie sie immer kommt…
    die gezeiten duellieren sich.

    auch und gerade in der flut neben dir, hinter dir, vor dir, ganz wie du es brauchst
    anna

  2. Liebe Andrea,

    „die Trauer wird dich finden“ (Buchtitel) – man entkommt ihr einfach nicht. Sie packt zu , wann und wo sie will und zwingt den trauernden Menschen einfach zur Trauer. Sie fragt nicht ,sie lässt keine Entscheidung zu, sie bestimmt wann welche Gefühle herausbrechen, sie schmerzt. Sie ist gemein. So wie der Tod.

    So unmöglich wie es war dem Tod zu entkommen, so ist das auch mit der Trauer. Und wenn du durch dieses Tal bist, dann kommt wieder ein schönes Plätzchen – jetzt noch weit hinten – da scheint die Sonne und da wirds dir warm. Immer wieder geht das so mit der Trauer. Welle kommt nach Welle. Am Ende steht ganz sicher die Heilung, eine gesunde Seele die viel erlebt hat aber dennoch das Leben zu schätzen weiss. Aber schwer ist der Weg.

    Ich wünsch dir für heute ein Wellenende und bald einen ganz duftenden Frühling mit warmen Sonnenstrahlen und Tau auf dem Gras – zu durchatmen.

    Liebe Grüße
    Anne

  3. Einen diken Drücker von der einen Seite der Stadt auf die andere..

  4. Liebe Andrea,
    ich schick’ dir etwas Sonne – etwas Sonne für dich, liebe, traurige Andrea.
    Es wird wohl noch eine ganze Zeit brauchen, bis die Flutwellen weniger oder zumindest vorhersehbarer und erträglicher werden. Ob das ein Trost ist? Wohl kaum. Nein, niemals wird all das heilen können. Aber du wirst bestimmt irgendwann auch wieder glücklich sein können – ich wünsche es dir von Herzen. Und ich wünsche dir einstweilen, dass die Flutwellen etwas abbebben.

    Sonne und Ebbe zu dir, meine Liebe!
    Anja

  5. Liebe Andrea,
    wenn ich könnte, ich würde dir ganz viele Sonnenstrahlen schicken… Dir etwas von dem Schmerz nehmen… Aber ich kann nicht!
    Ich kann nr mit dir fühlen und verstehe, wie schrecklich es ist aufeinmal allein gelassen da zu stehen. Wie es sich anfühlt, wenn das Herz fast zerissen wird. Man nur noch funktioniert. Sich Gedanken überschlagen, Erinnerungen und Wut hochkommen. Und ich weiss auch, dass dann fast gar nichts hilft.

    Ich denke an dich und wünsche uns beiden, jedem indidviduell weil die Schicksale so gar nicht vergleichbar sind, Kraft, Energie und Sonnenstrahlen und dass die Ebbe bald wiederkommt. Aber das tut sie- wie immer nach einer Flut…

    In Gedanken bei dir und die letzten Sonnenstrahlen schick ich dir von hier den Rhein rauf- da ists wohl schon grau, wie mir eben zu Ohren kam.
    Alles Gute,
    Katharina

  6. Liebe Anna, liebe Deda,

    diesmal habt Ihr mich beide zum Weinen gebracht und um Fassung ringen lassen.
    So sehr ich auch Andreas Schmerz spüre, so sehr berührt mich diese tiefe Zuneigung, die Du, liebe Anna, unserer Deda entgegenbringst.

    Flut, Wellen, zerstörerische Kraft. Unberechenbar, gewaltig, beherrschend.
    Aber auch reinigend. Wie Samt ist die Luft am Meer, wenn der Sturm vorüber ist.

    Die Ebbe ist wunderschön; ruhig, sauber, weit und friedlich.
    Aber auch ein bisschen langweilig, öde.

    Beides ist schön und nicht schön zugleich;
    beides braucht sich gegenseitig.
    Die Ebbe kommt und auch wieder die Flut.
    Du, liebste Deda, hast eine Nußschale gefunden, die Dich nicht untergehen lässt.
    Nicht gestern, nicht heute und auch nicht morgen.

    In Liebe
    Annie

  7. Bei uns scheint die Sonne…..ich schick dir viele warme Strahlen davon – das sie dir ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

  8. Liebe Andrea,

    diese unerwarteten Rückschläge, immer dann wenn man meint, dass es gerade ganz gut geht. Sie werden wohl immer da sein, vielleicht verlieren sie nur ein wenig an Heftigkeit – mit der Zeit. Für mich sind es Momente, die schmerzen, das Herz zerreißen – und in denen ich mich meiner Tochter ganz nah fühlen kann. Nein, ich kann sie nicht mehr berühren, sie fehlt mir zutiefst – und dennoch, jeder Schritt zurück in ein oberflächlich normales Leben, ein immer länger werdender Zeitraun ohne diese Traueranfälle macht mich auch traurig, denn eigentlich entferne ich mich. Das ist auch doof. Irgendwie.

    Ich wünsche Dir dennoch ein wenig Licht und Wärme, innen und außen.

    Alles Liebe

  9. Ach Andrea,

    ich glaube das gehört dazu, auch wenn es total doof ist.

    In einem drin tobt der Sturm…auch wenn die Welt sich weiter dreht…seufz.

    Ich musste in den letzten Tagen ganz dolle an dich denken, knackige Kälte mit Sonnenschein und dank diesem Blog auch einen „Baum“.
    Und er steht so bildlich vor mir, muss immer durch einen Tunnel gehen…und am Ende des Tunnels…scheint ein Licht, meine Liebe!

    Auch wenn ich jetzt gerade hier sitze und meine Tränen kullern , möchte ich für diesen Blog und deine Offenheit nochmals danke sagen…es hat mir ein bisl Frieden gegeben…

    …wenn ich könnte, ich würde dir dir ein paar Sonnenstrahlen senden…seufz.

    So und jetzt schmink ich mir meine Sonne ins Gesicht, weil ja weil ich weg muss.

    Busl
    ELla

  10. Liebe Andrea,

    Du hast leider recht! Nichts auf dieser Welt wird all das jemals heilen können.
    Aber diese Flutwellen die du fürchtest helfen dir dabei das schreckliche erträglich zu machen. Jedesmal wenn eine Welle über einen stark zerklüfteten Stein fließt trägt sie etwas von der rauhe Oberfläche mit und macht ihn glatt. Immer noch fest aber glatt, so dass er nicht schmerzt wenn man ihn berührt.
    Ich schicke dir Sonne für dein bewegtes Meer!
    Alles Liebe
    Lissy

  11. liebe andrea,

    es tut mir sooo unsagbar leid jedes mal wenn ich dich lese, birgt die gewissheit das diese %&/§-krankheit jeden tag zuschlägt, leben verändert und raubt…
    ich kann dir nicht sagen wie lange es noch dauern wird bis du dich besser fühlst, aber das ist auch nicht das problem ich weiß – es ist nicht einfach das zu durch-leben…
    wie geht es den junx?
    in gedanken bei euch
    marisa

  12. Liebe Andrea,

    zu verstehen, dass so viele Worte noch gesagt werden wollten und doch das letzte Wort schon gesagt wurde, dass die Wärme geht, obwohl noch so viel gewärmt werden will

    das ist die größte Prüfung, die es im Leben gibt.

    In diesen Momenten schwingt die Seele nicht, sie kriecht nur noch auf dem Boden herum und sucht ein Versteck.

    Aber auch dort wird die Sonne sie finden. Nur wirft sie auch Schatten.

    So ist das im Leben. Nicht anders.

    Ich schick dir von der Elbe ein wenig Ebbe, sie ist hier ja immer sehr ausgeprägt und hinterlässt so manchen Schatz am Strand…..

    ManouHH

  13. Liebe Andrea,

    so ähnlich ging es mir als ich meinen „anonymen“ Kommentar schrieb.

    Momente, Augenblicke, Erinnerungen die einem den Gedanken hin und her jagen. Für mich waren es wirklich die letzten Stunden und alles, was ich anders hätte machen können. Monate später blieb nicht nur diese Wehmut, alles falsch oder verkehrt gemacht zu haben, sondern auch das Gefühl gänzlich allein in dem Augenblick zu sein. Aleine mit dem Trauer, alleine mit dem Scham.

    Ich kann nur heute bezeugen, dass es anders ist in mir. Etwas positiver. Ja, die Zeit hilft, ob sie heilt vermag ich nicht zu sagen (obschon ich das sehr hoffe). Bei uns sind noch einige Monate bis das erste Jahr rum ist (am 9 Juli). Vielleicht geht es Dir auch in einen ähnlichen Rythmus besser, anders?

    Ich wünsche Dir viel Kraft für die kommende Tage, Wochen und Monate.

  14. Ich kenn das! Ich bin immer noch wütend über den Tod meiner jüngeren Brüder.
    Ich bin überhaupt gegen den Tod.
    Ich habe jetzt nach 40 Jahren begriffen, dass dies genau die richtige Einstellung ist, sein Leben nach so etwas unfassbarem und schrecklichen noch halbwegs anständig zu gestalten.
    Gegen den Tod und die unsinnige Krankheit Krebs zu sein und sich für das leben ein zu setzen.
    Die Flutwelle wird immer mal wieder kommen, mal heftiger und mal sanfter. Dazwischen ist auch Ebbe. Ein Mensch wer wie Du so um das Leben von Michael gerungen hast und hier so viele an den Auf und Abs Deines Lebens teilnehmen lässt, macht einfach Mut und Hoffnung sich weiter für das Leben einzusetzen auch wenn uns regelmäßig anders begegnet als erwartet.

  15. Liebe Andrea,
    ich bin im Norden geboren, deshalb mag ich das Meer so sehr. Nirgendwo ist der Blick so frei und weit. Nirgendwo spüre ich solch eine Ruhe. Aber das Meer kann auch anders – es kann böse aufschäumen und einen mit seinen Wellen mitreißen. Aber weißt Du, IMMER nach einem so heftigen Wellengang beruhigt sich das Meer auch wieder. Manchmal kann man am nächsten Morgen kaum glaube, dass es am Vortag noch so gewütet hat. Man findet am Strand die Rest seiner fast zerstörerischen Wut, man macht sich ans Aufräumen und hofft, dass man das nächste Mal besser vorbereitet sein wird. Ist man aber meistens nicht, nur mit der Zeit weiß man das Meer besser einzuschätzen, sieht, wann es sich zusammenzieht. Man wird ruhiger, aber Acht geben wird man immer müssen – sein Leben lang.

    Mir fällt noch ein Songtext von Rosenstolz ein:

    Gib mir Sonne
    Gib mir Wärme
    Gib mir Licht
    All die Farben wieder zurück
    Verbrenn den Schnee
    Das Grau muss weg
    Schenk mir ´n bisschen Glück

    Wann kommt die Sonne
    Kann es denn sein, dass mir gar nichts mehr gelingt
    Wann kommt die Sonne?
    Kannst du nicht seh´n, dass ich tief im Schnee versink

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen viel Licht und Sonne und nur selten eine stürmische See.
    Alles Gute.
    Miriam

  16. Liebe Andrea,

    mir fehlen die richtigen Worte. Gibts die überhaupt?

    Ich denke einfach an dich!

    Nicola

  17. Liebe Andrea,

    so viele Worte gehen mir durch den Kopf, doch sie aufzuschreiben gelingt mir irgend wie nicht… das können andere besser. Danke Anna!

    Da ist der Wunsch dich zu halten, darauf zu achten, dass dich die Wellen nicht ganz verschingen, bis sich das Wasser wieder beruhigt hat,
    sofern ich das denn überhaupt könnte und auch dürfte.

    Ich denk ganz fest an dich/euch und wünsche von Herzen, dass sich das Meer schnell beruhigt und die Sonne wieder mit warmen Strahlen scheint.

    Liebe Grüsse
    Susanna

  18. Liebe Andrea,
    ich wünsche Dir für heute, dass Du mindestens einen kleinen Moment von Glück geniessen darfst, der Dir ein klein wenig Sonnenschein und Ebbe ins Leben bringt.
    Viele herzliche Grüsse,
    Barbara

  19. Liebe Andrea,
    Du schreibst mir, und sicher auch vielen Anderen die mit solch einem Schmerz leben müssen, aus dem Herzen.
    Es sind nun 19 Monate seit mein Mann dieser Krankheit nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Und sicher, es gibt bessere und schlechtere Tage, doch die große Wunde ist nur mit einem hauchdünnen Häutchen bedeckt, das sofort immer wieder einreißt.
    Auch mir geht es immer noch so dass ich, die früher für alles und jeden einen Rat wusste, für mich selber meist keinen rechten Rat weis.
    Doch eines ist klar: Wir leisten Schwerstarbeit, indem wir für uns und für unsere Kinder einen Weg finden müssen, um das Leben wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen. Das braucht einfach Zeit und viel Geduld mit uns selbst, die wir uns einfach nehmen müssen. Wenn wir unseren Schmerz und unsere Trauer zu schnell überwinden wollen, wird das uns eines Tages wieder einholen, und zwar erbarmungslos.
    Vor kurzem las ich auf einer Trauerkarte:
    Die Lebenden schließen den Toten die Augen, doch
    die Toten öffnen den Lebenden die Augen.
    Ich denke das stimmt, und ich möchte noch hinzufügen : Mit Augen die viel um einen geliebten Menschen geweint haben, sieht man einiges viel klarer.
    Ich denke ganz lieb an Dich
    Brigitte

  20. Liebe Andrea,

    ich schick dir ein paar Sonnenstrahlen, obwohl heute alles grau in grau ist! Vielleicht kommen sie ja an! LG Heike B. ausm Sauerland


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