Die große Frage nach dem Warum

11. Dezember 2008 at 20:58 | In Blog | 19 Comments

Eigentlich komme ich inzwischen ganz gut durch unseren Alltag. Abgesehen von einer ekligen Erkältung geht es mir gut. Ich war heute viel mit dem Hund unterwegs, außerdem einkaufen und was man halt so macht.

Auch die Jungs sind fröhlich, sie hatten heute einen tollen Tag mit den Großeltern im Phantasialand und erzählten am Abend ganz elektrisch von allem, was sie dort erlebt hatten. Sie hatten auch Fotos und kleine Filme gemacht, die wir gemeinsam anschauten und alles war schön.

Alles war schön bis zu dem Moment, als ich später am Abend meinen Schubladenschrank aufräumte. Darin befindet sich in der Hauptsache Büromaterial, Stifte, Umschläge, solche Dinge eben. Aber darin befand sich auch ein großer Umschlag aus dunkelblauem Stoff.

In dem Umschlag fand ich Michaels Tauchschein von 1997. Außerdem meinen Kalender von 1998, den ich von vorne bis hinten durchlas und in dem viele Erinnerungen aus der Schwangerschaft mit dem Großen aufgezeichnet sind. Zuletzt fand ich ein Heftchen. Ich kannte dieses Heftchen, aber ich habe es schon lange nicht mehr in den Händen gehalten.

In diesem Heftchen hatte Michael seine Gedanken aus dem Herbst 1997 aufgezeichnet. Er schrieb über die Tage, bevor wir uns kennenlernten und über unsere erste gemeinsame Zeit. In solchen Momenten schleicht sich die Traurigkeit von hinten an, sie umgreift mich wie zwei riesige schwarze Hände und überwältigt mich fast, es gibt kein Entkommen. Dazu das Gefühl, ungeliebt zu sein, das Gefühl von Einsamkeit und großer Leere. Es ist zum Davonlaufen.

Und heute wurde diese dunkle Traurigkeit wieder begleitet von der großen Frage nach dem Warum. Warum musste uns so etwas passieren? Warum musste das überhaupt passieren? Warum ihm, warum den Kindern, warum mir, warum uns allen? Diese müßige Frage, die ich fast hasse, weil ich weiß, dass es darauf keine sinnvolle Antwort gibt.

Michael schrieb in dieses Heftchen: „Der Sinn des Lebens besteht darin, ihn nicht zu suchen.“

Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann, nicht mehr nach Antworten auf das Warum zu suchen.

- Andrea

19 Kommentare »

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  1. … ich misstraute schon immer Texten, die mit dem Wort „eigentlich“ begannen.

    Auch hier bestätigt es sich wieder. Ein „eigentlich Text“ nimmt meist eine Wendung, die mit dem Ursprünglichen nicht mehr allzuviel zu tun hat.
    -

    Es wird noch viele solche Momente geben. Sei dankbar für diese Erinnerungen. Diese greifbaren.
    Alles Liebe.
    H.

  2. (((Andrea)))

    Nein, es gibt keine Antwort darauf. Es gibt einfach keinen Kausalzusammenhang (und wenn, dann auf so banaler Ebene, dass es müßig ist, darüber ernsthaft nachzudenken und es den Molekularbiologen überlässt).

    Das Leben kann so bitter ungerecht sein. Und trotzdem glaube ich, dass Ihr unter diesen Umständen noch das Allerbeste aus der Situation macht. Michael wurde bis zum letzten Augenblick umsorgt und geliebt. Und Ihr alle habt Euch in Eurer gemeinsamen Zeit sehr viel Liebe und Wärme gegeben. Mehr, als es mancher Hochbetagte in seinem ganzen Leben erfahren hat.

    Der frühe Tod macht keinen Sinn, aber Euer gemeinsames Leben schon. Diese gemeinsamen Augenblicke und Eure Erinnerungen daran kann Euch niemand mehr nehmen. Und wenn ich Euch etwas wünschen dürfte, dann dass die glücklichen Erinnerungen überwiegen und Du eines TAges lächelnd zurückblicken kannst.

    liebe Grüße
    Claudia

  3. Heute als Anonym.

    Ich habe schon ein Paar mal kommentiert und merke, wie sehr dieses Blog durch meine eigene Begegnungen mit Krebs und dem Tod. Es ist gut hier zu lesen.

    Ich merke aber auch, dass ich einen Ventil (ähnlich wie Andrea diesen Blog verwendet), um mit solchen Ereignisse wie die letzten Stunden klar zu werden. Da würde ich so gerne so vieles anders gemacht haben, ich komme damit schwer zurecht.

    Mit meinen 5 Kindern (die mich tagsüber sehr beanspruchen) merke ich, wie ich alles aufs Abends schiebe, aber diese Gedankenwolke hängt immer da.

    Ich möchte einfach meinen Dank für diesen Blogweg aussprechen. Ich hoffe, Du schreibst noch lange. Ich suche einen Weg, meinen Weg, mit meinen Scham, Trauer und weitere Gefühle klar zu werden. Einen Blog diesbezüglich ist nicht mein Ding. Vielleicht doch. Ach ich weiss es nicht.

    Viel Kraft für die nächsten firsts in der kommende Zeit.

    A.

  4. Liebe Andrea,

    warscheinlich nur ein schwacher Trost, aber fühl dich einfach mal umarmt von mir und vielleicht hat Michael dich ja in dem Moment der Traurigkeit auch umarmt.

    Ich habe mich sehr viel mit dem Thema Tod auseinander gesetzt und bin der festen Überzeugung, dass die Toten uns nicht verlassen und bei uns sind und auf uns warten, wenn wir einmal die Schwelle übertreten.

    Vielleicht magst du das Buch von Dr. Raymond A. Moody mal lesen „Das Licht von drüben“. In diesem Buch wird das Thema Tod behandelt ohne überschwenglichen Kitsch.

    Wenn man dieses Buch gelesen hat, dann fragt man sich doch wieder, ob nicht das eben passierte etwas mit einem Verstorbenen zu tun hatte.

    Ich bin weißgott kein religiöser Mensch, aber ich mag nicht „an nichts“ glauben, denn das wäre wirklich mehr als Trostlos.

    Und noch mal drücke ich dich und deine Lütten, schön das sie so einen tollen Tag hatten =)

    Jen

  5. Liebe,

    was würde dir gedient sein, wenn du die Antwort kenntest?
    Auf diese Frage gibt es keine Antwort, die trösten könnte, indem sie das Unfassbare in Wörter und Sätze fasst.
    Gefühl lässt sich durch Ratio nicht erklären. Oder zumindest nicht so vollständig, dass das Gefühl sich dann in Lust auflöste.
    Ich schreib dir nachher vielleicht noch einen Literaturtipp zur theoretisch-philosophischen Auseinandersetzung mit dem „Warum?“.

    Alles Gute, wie immer.
    edda.

  6. Liebe Andrea,

    diese eine Frage – so zermürbend, so penetrant, so schmerzvoll. Ich habe damals einen ganz tollen Rat von einer sehr lieben Frau bekommen.

    Sie meinte, ich solle dieses „Warum“ in eine schöne Schachtel legen und diese an meine Engel übergeben. Meine Engel, das würde sie sehen, würden alle darauf warten, sie wollen mir helfen. Würde ich das „Warum“ in diese Schachtel legen, würde ich etwas ganz schönes zurückbekommen, etwas glänzendes, funkelndes und einfach wunderschönes.

    Ich – bis dato ahnungslos von Engeln und sonstigen Wesen-
    habe das gemacht – symbolisch – klar – und es geht gut. Das „Warum“ ist nicht mehr aufdringlich in meinen Gedanken. Es ist so. Es liegt in dieser Schachtel und liegt da einfach.

    Vielleicht hilft dir dieser Gedanke?

    Liebe Grüße

    Anne

  7. Liebe Andrea,

    ja, nach dem „Warum“ habe ich mich auch bei Henry gefragt. Auch ich habe keine Antwort darauf gefunden und ich habe mich ziemlich lange damit auseinandergesetzt, wie mein Patenkind noch gelebt hat. Gerade weil es nicht mit meinen Glauben dahergeht. Ich, für mich, habe entschieden, daß ich „ja“ zu meinem Sinn des Lebens sage und – wie Michael so schön beschrieben hat – ihn nicht suchen will. Aber ich hatte auch ganz viele Gefühle, die mich ziemlich erschreckt haben …. Wut, Frustration, Unverständnis waren nur ein paar davon. Aber ich habe jemanden, von dem ich weiß (bzw. ich glaube halt dran), daß er mich auffängt (Jesus in diesem Fall und ein paar liebe Freunde).
    Ich verstehe Deine Frage nach dem „Warum“.
    Ganz liebe Grüße und Umarmungen an Dich, Jonas und Laurin.
    Eva – Maria

  8. So ähnlich wie ein Baum, dem man die Hälfter seiner Wurzeln abgeschnitten hat. So ein baum hält sich im Erdgrund, irgendwie, gerade-noch-so, aber jedem etwas stärkeren Wind ächzt man und hat Angst, dass die Restwurzeln auch noch nachgeben. Und aus jeder verletzung blutets.

  9. Liebe Andrea,

    nach dem Tod meines Mannes habe ich mir diese Frage auch immer wieder gestellt . Das Bild der Rose hat mich getröstet: eine Rose gibt es nur mit Dornen so wie es das Leben nicht ohne Schmerz gibt.( Übrigens fragen wir kaum „warum“,wenn es ausgerechnet uns besonders gut geht ……)

    Es gibt den Spruch ,dass das Leben erst einmal gelebt werden muss ,bevor es verstanden werden kann .Vielleicht ergibt sich mit der Zeit eine Antwort oder Sie ertragen diese Frage auch ohne Antwort ….

    Nicht müde werden
    sondern dem Wunder
    leise
    wie einem Vogel
    die Hand hinhalten.
    (Hilde Domin)

    Für mich ist es sehr berührend Ihre Erlebnisse mit zu verfolgen und ich bin immer wieder erstaunt , wie bewundernswert Sie das alles meistern! Weiterhin viel Kraft,Geduld und liebe Menschen um Sie herum !
    Herzlich,
    Petra

  10. lichtleben

    manchmal gelingt es uns das leben als einen lichtstrahl zu sehen. ein lichtstrahl der mal seicht strahlt mal kraftvoll hell, uns blendet oder stärke & wärme spendet.

    das leben ist in einer art röhre, vieleicht sogar gefangen in dieser, durchlässig und dennoch begrenzt wir schwimmen oder verharren in ihr.

    die augenblicke sind nur bruchstücke der momente die wir als leben bezeichnen. lassen wir uns treiben, mit all den reißenden flute, strömungen und flauten, so werden wir mehr kraft gewinnen als sie zu verlieren.

    erkennen wir die zeit.

  11. [...] im nachhinein würde ich es doch schade finden den ursprung dieser meiner gedanken zu [...]

  12. ..
    Michael schrieb in dieses Heftchen: “Der Sinn des Lebens besteht darin, ihn nicht zu suchen.”
    ..
    WIE WAHR!!!!

    Alles Gute für Euch
    Der Herz-aus-Gold-Sänger

  13. Liebe Andrea,

    diese Frage nach dem „Warum“ kann einen schon quälen… Dieses Hadern ist schrecklich, vor allem, weil man von vornherein weiß, dass das zu nix führt, man sich nur noch fertiger macht.
    Bei Bettina Böttinger war gestern im „Kölner Treff“ eine Mutter, die über den Tod ihres Sohnes berichtete (sehr anrührend, übrigens, sehr wahrhaftig, sehr beeindruckend). Sie sagte den kurzen wie richtigen Satz: „Warum macht manchnmal dumm“. (Oder so ähnlich.) Also weg mit der Frage nach dem Warum – es macht nicht nur dumm, es macht fertig.
    Alles Liebe, as always,
    Anja

  14. ob der sinn des lebens besteht darin, ihn nicht zu suchen sei mal dahingestellt. wenn man jetzt mehr in richtung zen geht, ist selbst das zuviel.

    und dann stellt sich mir, aber nur mir – weil ich das nicht auf andere personen umelegen möchte – die frage, was ist eine wahrheit ?
    das sind aber auch sachen die der schreiberin Andrea hier nicht so weiterhelfen werden.

  15. Ich möchte mich einfach nur bei Ihnen bedanken für dieses blog. Es hilft mir unglaublich.
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie Frieden finden, aber das braucht Zeit. Trauer ist nicht abzukürzen, sondern muss in voller Länge durchschritten werden. Wie Sie das machen, ist bewundernswert.

  16. @ Anja B. Zitat: Sie sagte den kurzen wie richtigen Satz: “Warum macht manchnmal dumm”. (Oder so ähnlich.)

    …genau hat diese Frau gesagt,ihr sei einmal folgender Satz gesagt worden:

    warum: macht dumm,
    wozu: macht Ruh

    diese Frau ist die Mutter eines an Krebs im Alter von 12 Jahren verstorbenen Sohnes -Tanja Fuchs-Hemstege-, die dieses Buch geschrieben hat: http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=298122&frm=false

    unter diesem Link ist auch eine kleine Inhaltsangabe zu finden.
    LG Christel

  17. Liebste,

    „ich bin nicht schwächer ohne Dich, sondern stärker wegen Dir“…dieser Satz stand heute in einer Todesanzeige im KStA.

    Ich habe diese Sendung auch gesehen und war erschüttert, dass auch Ellen Schwiers nach so vielen Jahren die Fassung verlor, als es um das Sterben des eigenen Kindes ging.
    Es zeigt, dass er niemals vergeht, der Schmerz.
    Ich drücke Dich
    Annie

  18. Liebe Andrea Liebe Junx

    Ich denke an Euch und wünsche Euch genau die Ruhe,wie Ihr sie eventuell braucht in den nächsten Tagen.

    Ihr seid nicht alleine und das ist sooooo wichtig.

    Liebe Grüsse
    Yvonne

  19. Hallo Andrea,
    an unserem Schmerz und Leid wachsen wir. Jeden Tag werden wir immer stärker, bis es nicht mehr so weh tut.
    Sinn des Lebens:
    Ich bin der Meinung es gibt keine Definition für alle. Jeder erwartet etwas anderes von seinem Leben und genau deswegen ist der Sinn des Lebens individuell.


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