Im Trauercafé
8. Dezember 2008 at 21:21 | In Blog | 10 CommentsVor ein paar Tagen flatterte eine Einladung ins Haus. Das Mildred-Scheel-Haus bietet in regelmäßigen Abständen ein Trauercafé für Angehörige an. Ich wusste das gar nicht, freute mich und ging hin.
Ich nahm einen anderen Weg dorthin, fuhr nicht mit dem Bus wie sonst, wenn ich Michael dort besuchte, sondern ging den längeren Weg durch das Bettenhaus der Uniklinik. Vor dem Haus hielt ich inne, überlegte, wann ich zuletzt dort war und fand es ehrlich seltsam, nun wieder hineinzugehen. Im Treppenhaus musste ich grinsen und an Michael und Jens denken, der eine mit Klaustrophobie, der andere mit Krebs, und sie suchten das Klavier. Und als ich das Klavier im oberen Stockwerk sah, war ich nicht sicher, ob ich lachen oder weinen sollte.
Im Café angekommen fühlte ich mich zunächst etwas fehl am Platze, denn ich war mit Abstand die jüngste Teilnehmerin. Aber ich traf dort Sr. Dorthe vom APD, die mich herzlich begrüßte und wir unterhielten uns dann erst mal über alles, was so passiert war. Sie fragte nach der Schief, zu der ich sie eingeladen hatte, zu der sie aber nicht kommen konnte, weil sie an dem Tag Dienst hatte. Wir plauderten und plauderten und alles war sehr nett.
An unserem Tisch saßen noch drei weitere Menschen. Ein Herr, der seine Schwägerin mitgebracht hatte, erzählte, wie es war, als er zum ersten Mal nach dem Tod seiner Frau die Waschmaschine bedienen musste und damit zunächst überhaupt nicht zurecht kam. Wir haben viel geschmunzelt darüber. Ein anderer Herr saß schweigend mit am Tisch, und ich überlegte, wie man ihn dazu bewegen könne, etwas zu sagen.
Der Herr mit der Waschmaschine übernahm dies dann und der Mann erzählte von seiner Frau. Ich mag nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich musste denken, dass wir wirklich froh sein können, wie bei uns alles gelaufen ist. Was vermeintlich gut gemeinte Dinge anrichten können und wie Trauer auch aussehen kann, nämlich dunkel und fast hässlich. Und so sehr ich mit dem Mann und seiner Geschichte mitfühlte, so sehr musste ich denken, dass ich dankbar bin für alles Runde, was wir hatten und haben.
Ich habe gar nicht viel von uns erzählt, habe lieber dem Mann zugehört, der sonst kaum jemanden hat, mit dem er über all das reden kann und der das im übrigen heute zum ersten Mal tat.
Und im Januar gehe ich wieder hin.
- Andrea
10 Kommentare »
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Entries and comments feeds.
Liebe Andrea,
du gehst hin zum Trauercafé und hörst einem Menschen zu, der es nicht so rund hatte wie Du mit Deinem Michael. Das kann vielleicht nur jemand, der erahnen kann, wie es in ihm aussieht. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft hätte, einem anderen Menschen mein Gehör zu leihen, wenn ich selber einen solchen Verlust erlitten habe.
Du bist ein klasse Mensch (hast Du auch ein paar Macken??).
Herzlichst, Eva – Maria
Kommentar von Eva-Maria — 8. Dezember 2008 #
an eva-maria über mir:
))
andrea hat einen ECHT seltsamen schuhgeschmack!
goldie,
ich bin so froh, dass du da warst.
vielleicht solltest DU einfach die theraausbildung machen…
kuß
anna
Kommentar von anna — 8. Dezember 2008 #
Hallo Andrea,
das hört sich sehr schön an, mit dem Trauercafe. Hier gibt es etwas ähnliches, so einen offenen Witwer- und Witwentreff. Die berichten immer mal wieder von ihren Treffen und Ausflügen in der Zeitung.
Finde ich toll, dass Du da hingegangen bist! Mir wäre es wohl wie Dir gegangen: ich hätte den anderen zugehört und an ihrem Schicksal teilgenommen. Schön, dass Du im Januar wieder hingehst. Vielleicht ist es ja eine Vorstufe für Deine weitere Zukunft, sei es beruflich oder privat.
Ich wünsche dir alles Gute!!!
Seltsamen Schuhgeschmack? Wie dürfen wir das verstehen *g*?
Liebe Grüsse, Ingrid
Kommentar von Ingrid — 9. Dezember 2008 #
liebe andrea,
das zeigt doch mal wieder, wie unglaublich relativ das „glück“ ist…
und gibt es bilddokumente deines abstrusen schuhwerkes? *g*
die haare schön haben ist das eine – jetzt wollen wir füße sehen
lg
nina
Kommentar von nina — 9. Dezember 2008 #
Es ist doch gut, dass es solche Trauercafés mittlerweile gibt.
hier in Göttingen wirds auch gut angenommen.
ach, und gestern las ich in der Zeitung von einem Mann mit Namen „schoof“:-)
Viele Grüße von Birgit
Kommentar von Birgit — 9. Dezember 2008 #
Liebe Andrea,
ich finde es toll, dass Du so eine tolle Trauerbegleitung durch Deine Freunde hast, aber auch, dass Du solche Angebote wie das Trauercafé annimmst!
Ganz liebe Grüße, ich denke oft an Euch, Carmen aus Teltow bei Berlin
Kommentar von Carmen — 9. Dezember 2008 #
Liebe Anna, liebe Deda,
was auch immer dieses Thera-Dingen bedeutet…mein erster Gedanke war gerade, dass Du Dich vielleicht in dieses Umfeld einarbeiten solltest, um anderen mit Deinen vielen (auch positven) Erfahrungen Mut zu machen.
Hau´rein is Tango.
Seid gedrückt,
Anna
Kommentar von Annie — 9. Dezember 2008 #
… das Schlimme an der ganzen Geschichte ist; es gibt immer noch Schlimmeres.
Und am schlimmsten daran ist, dass einen das auch noch tröstet.
Gut, wenn man, so wie Du in Deiner Schilderung, etwas zurückgeben kann, sei es in Form von „zuhören“ oder im Bemühen „die Schweigenden zum sprechen zu bewegen.“ Ein wenig trägt man dann zusätzlich die Last der ehemals Schweigenden.
Sofern die Schweigenden das auch möchten.
Herzliche Grüße
H.
Kommentar von paradalis — 9. Dezember 2008 #
Hallo Andrea,
ich finde es toll, dass du diesem Mann zugehört hast, trotz deiner eigenen Trauer. Und ja du hast recht, wie schlimm muss es sein niemanden zu haben, mit dem man eine Trauer teilen kann, der einen auffängt, wo eben nicht, aber auch gar nichts Rund ist.
Ich denke das Treffen hat dir sicherlich gut getan, wenn man das so ausdrücken darf.
Liebe Grüße
Jen
Kommentar von Jen — 9. Dezember 2008 #
Liebe Andrea,
seit dem ersten Tag an dem es diese Webseite gibt lese ich deinen/euren Blog.
Ich bin so berührt davon das ich es nicht in Worte fassen kann.
Eine Stelle gibt die rufe ich in dem Blog immer und immer wieder auf.
Und zwar an diese Stelle wo du ein Video von Michael beim Klavier spielen eingestellt hast.
Dieses kurze Video berührt mich jedes mal bis ins tiefeste meines Herzen.
Dieses Lächeln was Michael ist in die Kamera wirft ist einfach ergreifend.
Man kann sich vorstellen mit wieviel Liebe er dich angeschaut hat.
Immer und immer wieder schaue ich es an und bin so tief berührt und so unendlich traurig das es dieses Lächeln nicht mehr Live gibt.
Andrea wenn es eine Frau des Jahres für mich gibt dann bist du es.
Es grüßt dich lieb
Katja
Kommentar von Katja — 11. Dezember 2008 #