Abschied vom Inselbett
6. Dezember 2008 at 14:54 | In Blog | 21 CommentsEine Entscheidung wurde gefällt. Ich habe mir ein neues Bett gekauft.
Es gab mit den Kindern einiges an Diskussionen im Vorfeld. Der Kleine war total entsetzt, als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal davon sprach, dass ich ein neues Bett haben möchte. Schließlich ist er mit diesem Bett aufgewachsen, er kennt es nicht anders. Und es war doch auch Papas Bett und außerdem unsere Insel, vor allem, als es noch im Wohnzimmer stand. Ganz oft habe ich vor allem ihm erklärt, warum ich diese Veränderung brauche. Warum ich nicht damit zurecht komme, weiterhin in diesem Bett zu schlafen, mit dem vielen Platz neben mir, der nicht mehr ausgefüllt wird. Dass ich nicht wie meine Urgroßmutter für die nächsten 30 Jahre neben einem immer frisch bezogenen Bett schlafen möchte, in dem eben niemand liegt.
Die Lösung war letztendlich ganz einfach: Das ‘Go’ geht nicht ganz, denn der Kleine bekommt Michaels Lattenrost, ein ganz wunderbares Ding, das man oben und unten verstellen kann. Das wird sicher lustig.
Jeder Wechsel zum Thema „Bett“ hatte in meinem Leben etwas Besonderes. Ich erinnere mich daran, dass ich nach einem echt ungemütlichen Schlafsofa ein 1,20 Meter breites Bett bekam, welch fantastisches Format. Und ich zog damit in der Wohnung meiner Eltern in mein eigenes kleines Schlafzimmer von gerade mal 6 qm Größe. Dieses Bett zog dann mit in meine erste eigene Wohnung, um dort von Michaels größerem Bett abgelöst zu werden, das er aus seiner Düsseldorfer Wohnung mitgebracht hatte. Ein Umzug von 90 qm mit feinstem Parkettboden auf 60 qm mit üsseligem Teppich und ohne Heizung. Ich glaube, so etwas kann man nur aus Liebe tun oder wenn man vollkommen irre ist.
Das Inselbett, so wie es bis heute morgen noch hier war, habe ich seinerzeit alleine aufgebaut, in der 36. Woche schwanger mit unserem Kleinen und mit einem extremen Nestbautrieb. Ich wollte es fertig haben, bevor das Baby geboren wird, damit wir alle vier genug Platz zum Schlafen haben würden. Davon hatte ich drei Tage lang Rückenschmerzen, und der Kleine ließ sich noch gute drei Wochen Zeit. Ich habe das alte ‘Go’ heute alleine abgebaut, das neue ‘Go’ alleine aufgebaut und warte nun auf die Rückenschmerzen.
Nun ist es weg, das große Bett, das ‘Go’, das Inselbett. Kurz übers Aufbewahren nachgedacht und es dann doch weggegeben, des Runden wegen.
Ich hatte schon an dem Abend, als es zurück ins Zimmer geräumt wurde, ein weißes Laken über das Kopfteil gehangen, damit es anders aussieht. Und gegen die Entsetzlichkeit der freien Fläche neben mir lagen immer zwei Kissen dort, der Länge nach verteilt.
Es musste gehen, das Inselbett, weil es so nie wieder aussehen wird:

Das Zimmer.
Es war unser Schlafzimmer.
Es war sein Krankenzimmer.
Es war sein Sterbezimmer.
Es war sein Abschiedszimmer.
Es war eine düstere Abstellkammer.
Es war eine Lounge nach der Urnenbeisetzung.
Es war ein Übergangsschlafzimmer.
Jetzt ist es mein Zimmer.
Mit einem neuen Bett, das auch wieder eine Insel für die Gestrandeten der Nacht sein wird, eine kleinere wohl, aber immer noch wie umgeben von warmem türkisblauem Wasser. Mit neuer Farbe ab Januar. Mit meinem Mädchenschnickes. Und mit seiner E-Box im Schrank und seiner E-Schublade in der neuen Kommode.
Es ist wunderschön. Es ist doof. Es ist schoof.
Es ist ein Schritt.
Danke, Michael!
-Andrea
21 Kommentare »
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*schniiiief*
..trotzdem: Wunderbare Träume in deinem neuen Schlafparadies!
Kommentar von schnuti — 6. Dezember 2008 #
Liebe Andrea,
„eine Insel für die Gestrandeten der Nacht“
Das finde ich sooooo schön.
In unser Bett kommen auch hin und wieder unsere Kinder in der Nacht. Aber ich habe es noch nie als eine Insel betrachtet.
Ab jetzt werde ich aber immer wieder an diesen Begriff erinnert werden, wenn sich nachts mal wieder der eine oder andere bei uns verirrt.
Ich wünsche Dir, dass Du Dich mit dem neuen Bett schnell anfreundest und es eine „Trauminsel“ wird!!
Liebe Grüsse
Astrid
Kommentar von Astrid — 6. Dezember 2008 #
Du hast einfach eine ganz besondere Gabe, Worte zu finden. Es ist umwerfend schön, wie Du diese traurigen Dinge in Sätze packst, die tief zu Herzen gehen..
Kommentar von Nicole (20599) — 6. Dezember 2008 #
Ich habe für mich noch keine Lösung gefunden. Noch stört es mich nicht, denn die freie Fläche neben mir habe ich mit Kissen, Büchern, anderen „Unentbehrlichkeiten“ dekoriert.Sie ersetzt meinen Nachttisch, da unser, nun mein Bett in einer Ecke steht, damit wir/ich vom Bett aus direkt nach draußen in den Garten sehen (konnten) kann. So geht’s, aber eine Dauerlösung wird es nicht sein. Vielleicht habe ich nur noch nicht das für mich richtige, passende Bett gefunden.
Übrigens, deine lebensbejahende Art gefällt mir. Ich finde sie bewunderns- und nachahmenswert.
Kommentar von mona lisa — 6. Dezember 2008 #
Ich wünsche dir einen wunderschönen Traum in dieser ersten Nacht in eurer schoofen, neuen Insel!
Kim
Kommentar von zwischenzeiten — 6. Dezember 2008 #
ach, ach, ach….
das go…
mein lieb,
das go ist auch für mich so viel mehr als nur ein bett.
es für dich beziehen, wenn du zu müde bist um es selbst zu tun, auf michels seite liegen und sehr viel mädchen sein, während du auf der anderen seite liegst.
mit den kindern morgens star wars und weissdergeierwas gucken und mit dir löffelchen liegen, in der nacht als micha starb.
von außen betrachtet ein bett, von innen gefühlt ein ort des ankommens, ein ort wo die liebe zuhause ist und alles warm und schön und weich und sicher.
es hätte nie mehr so sein können und deswegen ist es gut, dass es jetzt anders ist.
ich freue mich mit dir und für dich über dein neues minigo und ich bin sicher, es wird ähnliche qualitäten entwickeln.
wo die liebe zuhause ist, kann jedes betti ein go sein.
auch (und gerade)ein kleines weißes!
kuß,
anna
Kommentar von anna — 6. Dezember 2008 #
Ach Andrea,
ich sitze hier und heule, so sehr berühren mich mal wieder Deine Worte. Was für ein Schritt. Aber einen, den ich verstehen kann.
Jetzt gucke ich mir gerade noch mal das Foto von Michael im Bett an und muß schmunzeln über sein Struwwelhaar und sein T-Shirt … ich (bzw. wir) bin ein Fan vom Elefanten (und der Maus … und der Ente). Der blaue Dickhäuter und ich sind wohl Seelenverwandte – nach außen dicke Haut und innen drin ganz lieb.
Ja, ich wünsche Dir, daß Deine „Gestrandeten“ wieder zu Dir finden (ich hätte auch gerne einen Gestrandeten, aber mein Sohn hat einen tiefen und festen Schlaf – dafür wollte er unbedingt heute mit der Massagekralle meinen Kopf massieren – Glücksmomente – ich liebe dieses Kind so sehr, besonders jetzt ist mir das wieder sehr ins Bewußtsein gerückt …).
Ich wünsche Dir eine schöne erste Nacht im neuen Bett … und keine vom Aufbau resultierenden Rückenschmerzen.
Herzlichst, Eva – Maria
Kommentar von Eva-Maria — 6. Dezember 2008 #
*kreisch*
das ist mein bett! ich fall um!
ehrlich, hier die tuere raus und die naechste schraeg gegenueber rein in meinem schlafzimmer steht es. meine grosse schlaeft gerade quer drin.
es ist schon zigmal umgezogen und haelt vermutlich nur mehr durch extra-schrauben und massig kabelbinder.
nach dem umzug wollte ich auch ein neues, eben alles auf anfang – aber noch ist der babybalkon dranfestgemacht, in dem die kleine noch schlaeft. und solange bleibt es noch, weil ich in ein neues erstmal keine extra-loecher bohren moechte.
wenn du mal sehnsucht hast, komm vorbei auf einen kaffee
lg, betina
Kommentar von betina 26520 — 6. Dezember 2008 #
Liebe Andrea,
Hut ab, wie Du die Dinge aussortierst und das ist richtig und wichtig so.
Ich möchte Dir dazu eine kleine Geschichte erzählen:
Meine Schwiegermutter schlief nach dem Tod ihres Mannes genau wie Deine Uroma bald Jahrzehnte in dem Ehebett mit der rechten leeren Seite immer frisch bezogen. Einfach schrecklich!
Als sie an die Dialyse kam und entsprechend schwach und klapprig war, bekam sie ein Pflegebett, dass jetzt in ihrem kleinen gemütlichen Gästezimmer steht. Und soll ich Dir was sagen, sie ist total froh, dass sie jetzt endlich ihr Zimmer hat, ihr Bett. Ich glaube, sie dachte vorher immer, wenn sie das Ehebett rausschmeißt oder eben umzieht, dann wäre das so eine Art Verrat gegenüber ihrem Mann und deshalb hat sie das nicht gemacht. So haben äußere Umstände ihr die Entscheidung abgenommen und noch letztens sagte sie von sich aus, ich finde mein Zimmer und mein Bett (obwohl eben Pflegebett) total schön.
Das alte Schlafzimmer interessiert sie überhaupt nicht mehr. Das ist jetzt einfach ein unbewohnter Raum mit Möbeln geworden.
Alles Gute für Dich, Elli
Kommentar von Elli — 6. Dezember 2008 #
Schöne Träume liebe Andrea
Ich muss Nicole Recht geben,ich finde Deine Worte immer so passend zur Situation aber mir selber würden sie so nie einfallen.
Wie schön dass der Kleine einen Teil von Papas Bett hat nachdem es ihm schwerfiel sich zu trennen.
Ich bin mir sicher Eure kleiner neue Insel wird Euch ebenso Zuflucht sein bei etwaigen Stürmen des Lebens.
Alles Liebe Katja
Kommentar von katja slowfox — 6. Dezember 2008 #
Als mein Vater gestorben ist, hat meine Mutter beschlossen, dass sie nie mehr in dem Ehebett schlafen wird. Erst ist sie auf die Couch gezogen, dann in das Bett eines ihrer Kinder (die schon aus dem Haus waren), dann hat sie sich ein neues Bett gekauft und das Schlafzimmer umgestaltet.
Ich kann den Kleinen gut verstehen, denn ich mußte auch mächtig schlucken damals. Seit Deinem Blog heute kann ich meine Mutter ein bisschen besser verstehen…
Kommentar von Eja — 7. Dezember 2008 #
Ich wünsche allen Schreiber- und Leserlingen einen schönen 2. Advent!
Hier scheint sogar die Sonne….
Kommentar von Reinhild — 7. Dezember 2008 #
….. schluck und umärmel
ich freue mich mit dir, wenn du dich wohler fühlst kann dich so gut verstehen.
warme Grüße
Karin
Kommentar von Karin (3116) — 7. Dezember 2008 #
Meinen Respekt, liebe Andrea!!!!
Ihnen und Ihren Lieben einen wunderbaren 2. Advent.
Kommentar von Sabrina — 7. Dezember 2008 #
Oh ,
)
)
auch ich erinnere mich an dieses unsägliche Bettsofa, auf dem ich nicht nur einmal mit Quadratschädel aufgewacht bin.
Oder an das 1,20-Gerät, in dem wir über so manchen Sinn des Lebens philosophiert haben. War es jetzt eine Feder oder ein Messer?
Dein bzw. Euer Inselbett habe ich bei Eurem Umzug im Schweisse meines Angesichtes zusammengefrickelt. Wie war doch Dein Papa genervt: „Wo sind denn die Schrauben? Nicht eine Schraube ist dabei!“ Meine Chaotin !:-)
Liebste, Du tust genau das richtige. Es ist eine räumliche Veränderung, die Du brauchst, um Dich wohlzufühlen. Nicht mehr und nicht weniger
Ich drücke Dich.
Annie
Kommentar von Annie — 7. Dezember 2008 #
Andrea.
Das ist ganz eigenartig.
Wenn man auf deinem Blog einmal gelesen hat, kommt man immer wieder.
-
Lese ich immer wieder. Und doch komme ich mir ein wenig wie ein Eindringling vor. Einer, der von außen in dein Leben schaut, obwohl du doch die Leser daran teilhaben lässt.
Kann mir das jemand erklären?
Es ist ein eigenartig- zwiespältiges Gefühl.
-
Jeder, der bloggt, lässt die Leser schauen. Und wenn ich auf anderen Blogs lese, habe ich auch nicht dieses Gefühl.
Was ist das also?
-
Und ob es gut ist, mit dem Bett oder doch nicht… ich weiß es nicht.
Aber schreiben hilft. Da bin ich ganz sicher.
Herzliche Grüße
H.
Kommentar von paradalis — 7. Dezember 2008 #
„Es musste gehen, das Inselbett, weil es so nie wieder aussehen wird“
das kann ich so gut verstehen..
Tschüß Inselbett und Hallo neue Insel für die Gestrandeten der Nacht :“’o( und :“’o)
Sandra
Kommentar von Sandra — 7. Dezember 2008 #
[...] Abschied vom Inselbett Eine Entscheidung wurde gefällt. Ich habe mir ein neues Bett gekauft. Es gab mit den Kindern einiges an Diskussionen [...] [...]
Pingback von Top Posts « WordPress.com — 8. Dezember 2008 #
Liebe Andrea, Du berührst mich immer wieder. Ich frage mich immer wieder, woher Du die Kraft nimmst. Aber es muss irgendwie weitergehen – dazu gehören auch Neuanfänge und Abschied von geliebten Dingen.
Auf dass Du gut schläfst in Deiner neuen Insel.
LG Susi
Kommentar von Susi — 8. Dezember 2008 #
Beppo Straßenkehrer wäre stolz auf dich.
Alles Liebe
Otto
Kommentar von Otto Lenk — 8. Dezember 2008 #
Mutich!.
Es hat eine besondere Schönheit dein Schreiben, und es beschenkt die Zulesenden.
Das machst du gut, du beißt dich durch, gell.
Mir Schwaben sind stolz auf dich,
dat DDagi
Kommentar von B-blüte — 16. Dezember 2008 #