Ich hab da so ein Gefühl …
31. Dezember 2008 at 17:38 | In Blog | 43 Comments… und es fühlt sich an wie Zuversicht.
Der letzte Tag des Jahres ist mir noch nie wichtig gewesen, aber selbst das ist in diesem Jahr etwas besonderes. Mit den Jungs werde ich gleich den Tisch decken, dann führen wir den Hund aus, lassen danach ein paar Kinderkracher hochgehen und dann werden wir essen und mit bunter Brause in Sektgläsern anstoßen. Danach gibt’s noch eine große Überraschung und ich freue mich auf die kleinen aufgeregten Gesichter.
Ich fühle mich ganz aufgeräumt gerade, freue mich auf unsere kleine Feier und frage mich, ob dieses Gefühl, das ich da habe, damit zusammenhängt, dass heute um Mitternacht das dunkelste Jahr meines bisherigen Lebens enden wird. Dass morgen ein neues Jahr anfängt, das eine andere Zahl trägt, das keine Acht mehr am Ende hat, wo Achten doch so viel Bedeutung hatten in diesem, dem alten Jahr. Ob es der zeitliche Abschluss ist, der ein wenig an der Lust auf einen Neuanfang rüttelt, sie aufweckt, wenigstens ein bisschen.
Gute Vorsätze gibt es nicht, weil man sie eh niemals einhält. Aber Wünsche gibt es, und das Vorhaben, das neue Jahr anzupacken. Alles auf Anfang.
Vielleicht werde ich irgendwann einmal sagen, dass Silvester 2008 etwas besonderes war.
- Andrea
Wenn Weihnachten ist …
28. Dezember 2008 at 22:05 | In Blog | 23 Comments… ist nichts normal. Nicht in diesem Jahr. Vielleicht auch nicht im nächsten.
An Heiligabend war es eigentlich ganz nett hier bei uns, mit dem Wie Immer. Die fantastischen Jungs haben Carl-Friedrich ganz alleine geschmückt, nachdem sie ihn am Dienstag schon ganz alleine in die Wohnung geschleppt hatten und nachdem wir nach der Anregung aus einem Blogkommentar einen Ast mitten aus dem Baum geschnitten hatten, den wir später zusammen mit dem letzten Keksbrot zum Walnussbaum brachten. Als die Jungs dann am Nachmittag auch noch die ganze Wohnung staubsaugten, und zwar so ordentlich, dass ich nur noch mit dem Wischlappen hinterher musste, liebte ich sie noch mehr als sonst. Wir deckten dann den Tisch und schon wurden sie vom Opa samt Hund abgeholt, eben nicht wie immer.
Mein vager Versuch, die Südstädter Sängerknaben und -mädchen am Flügel zu begleiten, scheiterte später so kläglich, dass es schon wieder lustig war. Und ich habe vor unserer Feier mehr geheult als währenddessen. Es ging also irgendwie. Wir hatten eine tolle Bescherung, und der Hund bekam durch die Verlosung das erste Päckchen, dessen Inhalt – einen Stoffball – er sofort in tausend Teile zerlegte.
Am ersten Weihnachtstag ergaben wir uns der Faulheit und packten am Abend unsere Taschen, denn ein weiteres Wie Immer an Weihnachten ist die Reise zu den Schwiegereltern ins Süddeutsche. Sie hatten mich schon nach der ‘Schief’ gefragt, ob wir denn kommen würden und ich sagte natürlich ja. Wie flau mir bei dieser Zusage gewesen war, verdrängte ich bis zum vergangenen Donnerstag Abend.
Am Freitag Morgen machten wir uns dann auf den Weg. Mein Vater brachte uns zum Bahnhof und wir bestiegen den Zug. Schon da wusste ich, dass das, was kommen würde, einfach viel zu viele Erste Male sein würden. Dass das fünfte große Erste Mal in seiner Summe aus vielen kleinen Ersten Malen mit ziemlicher Sicherheit dazu führen würde, dass ich für die nächsten zehn Jahre nicht mehr aus dem Loch herauskommen würde.
Helmut holte uns am Bahnhof ab und wir fuhren zuerst zu den Schwiegereltern, um eben jene zum Restaurant zu fahren. Die Straße, das Haus … ich ging nur schnell rein, um unser Gepäck abzustellen und das reichte mir schon. Wir fuhren ins Restaurant, alle waren dort. Alle, bis auf den einen. Nach dem Essen gab’s Ramazotti aufs Haus, den wir auf Michael tranken. Aber es ist doch etwas anderes, ihn am Baum zu trinken. Als wir nach dem Essen wieder nach Hause kamen, saß ich für mindestens eine Stunde in der Küche der Schwiegereltern und war sicher, dass ich sie nie mehr verlassen könne, um mich zu den anderen zu gesellen. Elisabeth nahm mich in den Arm und wiegte mich, es war warm, aber es half nicht wirklich.
Schließlich ging ich doch rein und wie immer wurde vor der Bescherung gesungen. Auch der Kanon, den Helmut seinerzeit zusammen mit Klaus, Jens und Willi an Michaels Bett intoniert hatte. Ich sang nicht mit, denn ich hätte keinen Ton rausgebracht, und das lag nicht an meinem elenden Husten. Bevor die Geschenke verteilt wurden, gab Elisabeth wunderschöne Regenbogenkerzen aus. Jeder zündete eine an und es gab eine weitere extra für Michael. Alle schauten in das warme Licht der Kerzen und niemand sagte einen Ton. So eine schöne Geste. Und sie liefen, die Tränen. Als es dann nach den Geschenken Sekt für alle gab, gab es auch ein Glas für Michael, das wir schließlich reihum leerten, jeder einen kleinen Schluck.
Auch das Abendessen verlief wie immer. Es wurden fade und gute Witze erzählt und es wurde stundenlang darüber diskutiert, ob der Meerrettich nun scharf genug sei oder nicht und wie man die Schärfe durch die Art der Zubereitung beeinflussen könne. Um halb elf waren wir alle platt wie die Flundern, die anderen fuhren nach Hause und ich ging mit den Jungs nach oben uns Gästezimmer.
Dort lag ich im Bett, neben mir schnarchten selig die Jungs, die den Tag mit ihren Cousins und Cousinen sehr genossen hatten. Und weil wir sonst auch nie zeitgleich ins Bett gingen, weil Michael sich unten immer noch mit seinen Eltern unterhielt, wartete ich jede Sekunde darauf, dass er reinkäme. Und wartete. Und er kam nicht. Wie auch. Das war eins der kleinen Ersten Male, die die Summe so unendlich schwer machten.
Genau so erging es mir am nächsten Morgen beim Frühstück. Ich saß in der Küche und wartete. Aber er kam nicht rein, frisch rasiert, sagte nicht „Guhnmooooohn“ und fragte nicht, ob der Kaffee schon fertig sei. Weil ich dachte, es zerreisst mich, sagte ich seinen Eltern, wie ich empfinde und so weinten wir gemeinsam, was in allem Blöden auch irgendwie schön war.
Später am Vormittag fuhr ich mit den Kindern in die Stadt. Nicht mit dem schicken BMW mit Michael als Chauffeur, sondern zum ersten Mal mit dem Bus. Auf dem Weg zu Haltestelle erteilte mir der Große die Absolution dafür, dass ich so viel weinen muss. Das gute Kind.
Wir überlebten auch die Busfahrt. Gingen die kleine Einkaufsstraße entlang und trafen dann Michaels Freunde aus Urzeiten in dem Café, in dem sich eben wie immer alle nach Weihnachten und auch sonst an Samstagen treffen. Dort verabredeten wir, dass Karsten und Gottlob am Nachmittag zum Kaffee kommen sollten. Die kamen dann auch und es war so schön, alle möglichen Anekdoten aus Michaels wilder Jugend zu hören, Erinnerungen an die diversen Bands, die die Jungs hatten, an vergeigte Kriegsdienstverweigungsgespräche und vieles mehr.
Heute ging es dann schon ein wenig besser, und ich konnte beim Mittagessen im Restaurant ohne zu weinen denken, dass Michael seine größte Freude an dem leckeren Rehbraten gehabt hätte und natürlich an dem schwäbischen Kartoffelsalat. Und wie er auf jeden Fall der letzte gewesen wäre, der mit Essen fertig wird, weil er gerne langsam und genussvoll aß und außerdem immer Unmengen.
Nun sind wir gut wieder zu Hause gelandet, nach einer sehr entspannten Zugfahrt und Papas privatem Chauffeurservice. Und ohne meine Schwiegerleute verletzen zu wollen, bin ich heilfroh, dass wir wieder hier sind. Es war schön in K/T, aber es war auch eine sehr harte Zeit, der vielen kleinen Ersten Male wegen. Im Moment bin ich noch nicht mal stolz darauf, diesen Schritt gewagt zu haben. Der Unterschied war einfach zu groß. Während ich hier schrittweise immer besser damit zurecht komme, dass Michael nicht mehr da ist, merkte ich die große Lücke dort umso stärker. Und das piekte, tat weh. Jemanden vermissen, der nicht mehr wiederkommen wird, ist echt echt fies.
Ich saß dort am Rand des Lochs, ganz lange zuweilen, aber reingestürzt bin ich nicht. Nicht dort.
- Andrea
Merry Christ-Mess
23. Dezember 2008 at 20:23 | In Blog | 34 CommentsDer Tag fing wirklich messy an.
Erst kamen wir überhaupt nicht in die Hufe und verließen das Haus erst weit nach elf Uhr. Dann zogen wir, das Hackentaxi im Schlepp, quer durch die ganze Südstadt und suchten einen Weihnachtsbaumverkauf. Es GAB keinen!!! War ja klar, wenn die Muddi zum allerersten Mal selbst mit den Jungs loszieht, um ein feines Bäumchen zu ergattern. Die Kinder waren sofort hochelektrisch und machten sich große Sorgen darüber, wie wir nun an einen Baum kommen sollten. Die rettende Idee hatte schließlich mein Vater, der mit uns nach Rondorf fuhr, wo wir Carl-Friedrich fanden, einen prächtigen Nordmann. Und leckere Kekse gab’s gratis dazu.
Vorher waren wir noch auf dem Friedhof. Nicht lange, da ich augenblicklich in die Depression verfiel, die mich am Baum in dieser Form niemals ereilt. Als ich die Flur wieder verließ, kam ich mir vor wie in einer Filmszene, in der der Off-Sprecher sagt: „Und dies war der Moment, als Andrea beschloss, diesen Ort nie wieder aufzusuchen …“
Tja, Weihnachten. Es läuft nicht richtig rund, natürlich. Ich hatte große Freude daran, Geschenke für Freunde und Familie auszusuchen und zu verpacken und freue mich auch darauf, nachher noch die Päckchen für die Jungs, meine Eltern und mich selber zu schnüren. Keine Lust hatte ich auf Weihnachtspost und so schickte ich nur eine einzige Mail an Martina und Heike, die ihre Männer auch in diesem Jahr an den Krebs verloren haben. Auch habe ich mir wirklich Mühe damit gegeben, einige Weihnachtslieder auf dem Flügel zu spielen, aber als ich später dieses Video fand, wurde mir klar, dass es nur eine Katastrophe werden kann. Wenigstens kann ich besser singen als er, das Motto lautete immer: Michael, du bist ein Juwel, aber wenn du singst, wird die Milch sauer.
Und weil ich meinen Masochismus gerne teilen möchte und die Jungs es erlaubt haben, darf der geneigte Leser auf das Foto klicken und ein wenig Geduld mit der Ladezeit des Videos dahinter haben:
Schon der Weg dahin, die von Michael höchstselbst notierten Blätter so zu lesen, als könne ich Klavier spielen, war ein Drama. Und Jens, den ich gebeten hatte, mir mit den Akkorden zu helfen, hat auch ‘nur’ drei Anläufe gebraucht, die richtigen schwarzen Tasten zu treffen. Und lachte sich kaputt darüber, dass Michael es ausgerechnet so kompliziert machen musste, der alte Jazzpianist.
Davon abgesehen, dass Michael morgen nicht mit den Kindern die Großeltern abholen wird, damit in der Zwischenzeit das Christkind kommen kann, wollen wir alles so machen, wie wir es eben immer machen. Anstoßen (auf ziemlich viele Leute in diesem Jahr), Klavier spielen und singen, Geschenke auslosen und auspacken und dann das gute Essen genießen.
Aber die Lücke am Flügel, das fehlende Sektglas, ein paar Päckchen weniger unterm Baum und der leere Platz am Tisch, all das wird nicht zu füllen sein. Ich hoffe, es sind noch ausreichend Taschentücher im Haus.
- Andrea
Man nehme …
19. Dezember 2008 at 22:26 | In Blog | 24 Comments… das eigene Haar in die Hand und ziehe es kräftig nach oben und verpasse sich außerdem einen ordentlichen Tritt in den Allerwertesten.
Am Mittwoch Abend fing ich an, mich selbst aus dem Sumpf zu holen. Es war wirklich nicht leicht, mich für die Weihnachtsfeier meines Arbeitgebers aufzubrezeln, aber ich tat es. Fuhr in die Stadt, schaute kurz bei Jens vorbei und wanderte dann wenig mutig zu dem unglaublich fantastischen Hotel, in dem immer gefeiert wird. Ich wurde von vielen Leuten herzlich begrüßt und war ein bisschen stolz auf mich, dass ich diesen Schritt gewagt hatte. Aber so richtig war es nicht, und ich ging nach dem Hauptgang. Übrigens nur mit literweise Wasser, ich verzichtete auf den guten Rotwein.
Am Donnerstag Morgen zog und trat ich noch einmal. Obwohl ich kinderfrei hatte und problemlos den halben Tag hätte ünseln oder mir die Decke über den Kopf ziehen können, zog ich mich vernünftig an und fing an, Dinge zu tun, von denen ich noch vor ein paar Tagen gedacht hatte, ich würde sie in diesem Leben nicht mehr schaffen. Dazu gehören solche profanen Dinge wie spülen oder die Post bearbeiten, ein wenig Ordnung ins Chaos bringen und kurz über Weihnachten nachdenken. Und weil der 18. des Monats war, sortierte ich Hosen und Pullis aus Michaels Schrank und brachte sie Thomas – dem mit der Daunenjacke – weil er sich diese Sachen auf meine Nachfrage hin ganz vorsichtig gewünscht hatte.
Heute war es ähnlich. Tausend Dinge tun, nur um nicht wieder im Sumpf zu landen. Kurz dachte ich, jetzt ist es wieder so weit, nämlich als ich beim Zahnarzt warten musste und deswegen schon aufgeregt und schlecht gelaunt war. Aber als der gute Mensch dann versuchte, mich für das Weiterführen des Studiums zu motivieren, ging es wieder. Mit der Versicherung, mir jederzeit einen Motivationstritt mit spitzen Schuhen oder wahlweise Lehrbücher und Schädel (Plastik!) abholen zu dürfen, ging ich nach Hause. Dort fand ich einen Haufen Kinder vor, eigene und fremde, Durchgangsbahnhof eben. Wir gingen alle mit dem Hund in den Park, lunchten dort und spielten Tischtennis. Ich zuckelte mit dem Hund zum Baum und sammelte danach alle Kinder wieder ein, nur um zu Hause weiterzumachen mit Ziehen und Treten. Schief tanzen und laut singen hilft übrigens ungemein gegen Löcher und Sümpfe.
Wir bekamen heute und in den letzten Tagen außerdem eine gefühlte Milliarde fantastischer Pakete und haben nun süße Leckereien bis wir platzen oder mindestens bis Juli. Ich habe mich bei allen Schenkenden persönlich bedankt und hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass sie den Dank erwartet haben.
Ich weiß, wo die Leiter steht, die aus dem Loch führt. Ich kenne auch jemanden, der sie für mich festhält, damit ich nicht die Sprossen entlang wieder nach unten rutsche. Aber manchmal sehe ich die Leiter vor lauter Dunkel nicht. Das zu akzeptieren ist nicht meine Stärke. Fürs Erste schütte ich das Loch zu, aber die Füllung ist locker, und ich weiß, dass ich eines Tages wieder über das Loch laufen und reinfallen werde.
Noch fünf Mal schlafen, dann könnte es so weit sein …
- Andrea
Alles im Griff?
17. Dezember 2008 at 12:50 | In Blog | 42 CommentsNichts habe ich im Griff. Echt nicht.
Die Feier gestern war schön, wir saßen bis halb zwei in der Küche.
Ich habe eine Tonne toller Geschenke bekommen und doch …
Alle Freunde waren hier und doch …
Es gab so viele Glückwünsche, hier und im BZ, per Post und per E-Mail und doch …
Ich sitze mitten im Sumpf. Achte kein bisschen auf mich, schlafe zu wenig, esse zu wenig, trinke viel zu viel und rauche viel zu viel. Das ist nicht gesund, das tut mir nicht gut und doch denke ich, es geht nicht anders. Mir ist dauernd kalt, von innen, da hilft keine Wärmflasche. Einsamkeit ist wirklich eklig. Kannte ich noch nicht. Auf die Erfahrung könnte ich auch gerne verzichten. Es gibt kein Patentrezept dagegen. Oder habe ich es nur noch nicht gefunden? Selbst wenn Leute um mich rum sind, ist mir immer noch kalt.
Und es geht mir schon wieder auf die Nerven, es dauert mir schon zu lange, ich habe keine Geduld, wie sonst im Leben auch. Ungeduld sollte meine zweiter Vorname sein. Reinfallen lassen ins tiefe Loch, gut. Nicht mehr rauskommen, schlecht. Im Selbstmitleid versinken, noch viel schlechter. Antriebslos sein, indiskutabel.
Für diese paar Sätze habe ich eine halbe Stunde gebraucht und es selbst nach dieser Zeit nicht geschafft, alles so auszudrücken, wie ich es eigentlich wollte.
Herzlich Willkommen in der Depression.
- Andrea
Dreitausend Ecken
16. Dezember 2008 at 10:06 | In Blog | 54 CommentsAlles ist viel zu eckig.
Heute ist mein Geburtstag und außerdem unser Hochzeitstag, der sechste wär’s gewesen, wenn da nicht etwas Elendes dazwischen gekommen wäre. Schon gestern Abend fragte ich mich, ob es wirklich eine gute Idee war, an meinem Geburtstag zu heiraten. Die Idee dahinter war, dass Michael so niemals im Leben unseren Hochzeitstag vergessen würde (Männer sollen da im Allgemeinen sehr vergesslich sein, habe ich mir sagen lassen). Der Große sagte heute morgen dazu, dass der Michael doch sowieso irgendwann gestorben wäre, vielleicht so mit hundert Jahren und dann wäre ich doch auch an meinem Geburtstag traurig gewesen. Zauberkind.
Die Kinder haben es mir heute morgen wirklich so schön gemacht. Sie brachten mir Tee ans Bett und außerdem Kekse, denn einen Geburtstagskuchen gab es nicht. Und sie haben mir wunderschöne Geschenke gemacht, drei Bilder und zwei selbstgemachte Weihnachtskugeln mit Glasmosaik und Sternchen. Die glitzern wie verrückt, wenn man sie gegen das Licht hält. Der Kleine hatte mir schon vor Tagen ‘angedroht’, dass ich mit Sicherheit heulen würde, wenn ich die Geschenke auspacke, und so war es dann auch.
Und Anna, mein Kopfherzbauchalles, hatte ein Päckchen geschickt, damit ich auch ja nicht am Geburtstagsmorgen ohne Geschenk im Bett sein müsste. Tausend zauberhafte Dinge waren darin, und Liebe auch.
Als ich später den Kleinen zur Schule brachte, stand meine Mutter auf dem Balkon. Sie hatte eine Kerze in der Hand und sang Happy Birthday quer über die Straße. Diese Goldfrau, und doch kam es nicht ganz tief in meinem Herzen an, wo es eigentlich hingehört. Habe ich jemals an meinem Geburtstag so viel geweint? Ich glaube nicht.
Eben sprach ich mit Anna und sagte, dass eins der vielen Dinge, die da zusammen kommen ist, dass ich mich sonst immer so sehr auf meinen Geburtstag freue, dass das mein Tag ist und ich schon Wochen vorher deswegen total elektrisch bin. Und dass ich einfach weiß, dass dieser Tag heute nicht so wird, dass ich mich gar nicht darauf freuen konnte. Und sie sagte:
„Weisst du
es ist trotzdem dein Tag
es ist nämlich der Tag, an dem du geboren wurdest,
was ein verdammter Glücksfall war,
und
heute
ist dieser Tag eben sehr besonders DU
genauso besonders, wie dein Leben in letzter Zeit verläuft
besonders emotional
und ja,
auch besonders wärks,
aber immer noch dein Tag.“
Ich sollte mir das auf den Arm tätowieren.
Später am Nachmittag kommen Gäste und ich wünsche mir, dass der Tag trotz aller Widrigkeiten schön wird. Schön mit Ecken drin.
- Andrea
Die große Frage nach dem Warum
11. Dezember 2008 at 20:58 | In Blog | 19 CommentsEigentlich komme ich inzwischen ganz gut durch unseren Alltag. Abgesehen von einer ekligen Erkältung geht es mir gut. Ich war heute viel mit dem Hund unterwegs, außerdem einkaufen und was man halt so macht.
Auch die Jungs sind fröhlich, sie hatten heute einen tollen Tag mit den Großeltern im Phantasialand und erzählten am Abend ganz elektrisch von allem, was sie dort erlebt hatten. Sie hatten auch Fotos und kleine Filme gemacht, die wir gemeinsam anschauten und alles war schön.
Alles war schön bis zu dem Moment, als ich später am Abend meinen Schubladenschrank aufräumte. Darin befindet sich in der Hauptsache Büromaterial, Stifte, Umschläge, solche Dinge eben. Aber darin befand sich auch ein großer Umschlag aus dunkelblauem Stoff.
In dem Umschlag fand ich Michaels Tauchschein von 1997. Außerdem meinen Kalender von 1998, den ich von vorne bis hinten durchlas und in dem viele Erinnerungen aus der Schwangerschaft mit dem Großen aufgezeichnet sind. Zuletzt fand ich ein Heftchen. Ich kannte dieses Heftchen, aber ich habe es schon lange nicht mehr in den Händen gehalten.
In diesem Heftchen hatte Michael seine Gedanken aus dem Herbst 1997 aufgezeichnet. Er schrieb über die Tage, bevor wir uns kennenlernten und über unsere erste gemeinsame Zeit. In solchen Momenten schleicht sich die Traurigkeit von hinten an, sie umgreift mich wie zwei riesige schwarze Hände und überwältigt mich fast, es gibt kein Entkommen. Dazu das Gefühl, ungeliebt zu sein, das Gefühl von Einsamkeit und großer Leere. Es ist zum Davonlaufen.
Und heute wurde diese dunkle Traurigkeit wieder begleitet von der großen Frage nach dem Warum. Warum musste uns so etwas passieren? Warum musste das überhaupt passieren? Warum ihm, warum den Kindern, warum mir, warum uns allen? Diese müßige Frage, die ich fast hasse, weil ich weiß, dass es darauf keine sinnvolle Antwort gibt.
Michael schrieb in dieses Heftchen: „Der Sinn des Lebens besteht darin, ihn nicht zu suchen.“
Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann, nicht mehr nach Antworten auf das Warum zu suchen.
- Andrea
Im Trauercafé
8. Dezember 2008 at 21:21 | In Blog | 10 CommentsVor ein paar Tagen flatterte eine Einladung ins Haus. Das Mildred-Scheel-Haus bietet in regelmäßigen Abständen ein Trauercafé für Angehörige an. Ich wusste das gar nicht, freute mich und ging hin.
Ich nahm einen anderen Weg dorthin, fuhr nicht mit dem Bus wie sonst, wenn ich Michael dort besuchte, sondern ging den längeren Weg durch das Bettenhaus der Uniklinik. Vor dem Haus hielt ich inne, überlegte, wann ich zuletzt dort war und fand es ehrlich seltsam, nun wieder hineinzugehen. Im Treppenhaus musste ich grinsen und an Michael und Jens denken, der eine mit Klaustrophobie, der andere mit Krebs, und sie suchten das Klavier. Und als ich das Klavier im oberen Stockwerk sah, war ich nicht sicher, ob ich lachen oder weinen sollte.
Im Café angekommen fühlte ich mich zunächst etwas fehl am Platze, denn ich war mit Abstand die jüngste Teilnehmerin. Aber ich traf dort Sr. Dorthe vom APD, die mich herzlich begrüßte und wir unterhielten uns dann erst mal über alles, was so passiert war. Sie fragte nach der Schief, zu der ich sie eingeladen hatte, zu der sie aber nicht kommen konnte, weil sie an dem Tag Dienst hatte. Wir plauderten und plauderten und alles war sehr nett.
An unserem Tisch saßen noch drei weitere Menschen. Ein Herr, der seine Schwägerin mitgebracht hatte, erzählte, wie es war, als er zum ersten Mal nach dem Tod seiner Frau die Waschmaschine bedienen musste und damit zunächst überhaupt nicht zurecht kam. Wir haben viel geschmunzelt darüber. Ein anderer Herr saß schweigend mit am Tisch, und ich überlegte, wie man ihn dazu bewegen könne, etwas zu sagen.
Der Herr mit der Waschmaschine übernahm dies dann und der Mann erzählte von seiner Frau. Ich mag nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich musste denken, dass wir wirklich froh sein können, wie bei uns alles gelaufen ist. Was vermeintlich gut gemeinte Dinge anrichten können und wie Trauer auch aussehen kann, nämlich dunkel und fast hässlich. Und so sehr ich mit dem Mann und seiner Geschichte mitfühlte, so sehr musste ich denken, dass ich dankbar bin für alles Runde, was wir hatten und haben.
Ich habe gar nicht viel von uns erzählt, habe lieber dem Mann zugehört, der sonst kaum jemanden hat, mit dem er über all das reden kann und der das im übrigen heute zum ersten Mal tat.
Und im Januar gehe ich wieder hin.
- Andrea
Abschied vom Inselbett
6. Dezember 2008 at 14:54 | In Blog | 21 CommentsEine Entscheidung wurde gefällt. Ich habe mir ein neues Bett gekauft.
Es gab mit den Kindern einiges an Diskussionen im Vorfeld. Der Kleine war total entsetzt, als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal davon sprach, dass ich ein neues Bett haben möchte. Schließlich ist er mit diesem Bett aufgewachsen, er kennt es nicht anders. Und es war doch auch Papas Bett und außerdem unsere Insel, vor allem, als es noch im Wohnzimmer stand. Ganz oft habe ich vor allem ihm erklärt, warum ich diese Veränderung brauche. Warum ich nicht damit zurecht komme, weiterhin in diesem Bett zu schlafen, mit dem vielen Platz neben mir, der nicht mehr ausgefüllt wird. Dass ich nicht wie meine Urgroßmutter für die nächsten 30 Jahre neben einem immer frisch bezogenen Bett schlafen möchte, in dem eben niemand liegt.
Die Lösung war letztendlich ganz einfach: Das ‘Go’ geht nicht ganz, denn der Kleine bekommt Michaels Lattenrost, ein ganz wunderbares Ding, das man oben und unten verstellen kann. Das wird sicher lustig.
Jeder Wechsel zum Thema „Bett“ hatte in meinem Leben etwas Besonderes. Ich erinnere mich daran, dass ich nach einem echt ungemütlichen Schlafsofa ein 1,20 Meter breites Bett bekam, welch fantastisches Format. Und ich zog damit in der Wohnung meiner Eltern in mein eigenes kleines Schlafzimmer von gerade mal 6 qm Größe. Dieses Bett zog dann mit in meine erste eigene Wohnung, um dort von Michaels größerem Bett abgelöst zu werden, das er aus seiner Düsseldorfer Wohnung mitgebracht hatte. Ein Umzug von 90 qm mit feinstem Parkettboden auf 60 qm mit üsseligem Teppich und ohne Heizung. Ich glaube, so etwas kann man nur aus Liebe tun oder wenn man vollkommen irre ist.
Das Inselbett, so wie es bis heute morgen noch hier war, habe ich seinerzeit alleine aufgebaut, in der 36. Woche schwanger mit unserem Kleinen und mit einem extremen Nestbautrieb. Ich wollte es fertig haben, bevor das Baby geboren wird, damit wir alle vier genug Platz zum Schlafen haben würden. Davon hatte ich drei Tage lang Rückenschmerzen, und der Kleine ließ sich noch gute drei Wochen Zeit. Ich habe das alte ‘Go’ heute alleine abgebaut, das neue ‘Go’ alleine aufgebaut und warte nun auf die Rückenschmerzen.
Nun ist es weg, das große Bett, das ‘Go’, das Inselbett. Kurz übers Aufbewahren nachgedacht und es dann doch weggegeben, des Runden wegen.
Ich hatte schon an dem Abend, als es zurück ins Zimmer geräumt wurde, ein weißes Laken über das Kopfteil gehangen, damit es anders aussieht. Und gegen die Entsetzlichkeit der freien Fläche neben mir lagen immer zwei Kissen dort, der Länge nach verteilt.
Es musste gehen, das Inselbett, weil es so nie wieder aussehen wird:

Das Zimmer.
Es war unser Schlafzimmer.
Es war sein Krankenzimmer.
Es war sein Sterbezimmer.
Es war sein Abschiedszimmer.
Es war eine düstere Abstellkammer.
Es war eine Lounge nach der Urnenbeisetzung.
Es war ein Übergangsschlafzimmer.
Jetzt ist es mein Zimmer.
Mit einem neuen Bett, das auch wieder eine Insel für die Gestrandeten der Nacht sein wird, eine kleinere wohl, aber immer noch wie umgeben von warmem türkisblauem Wasser. Mit neuer Farbe ab Januar. Mit meinem Mädchenschnickes. Und mit seiner E-Box im Schrank und seiner E-Schublade in der neuen Kommode.
Es ist wunderschön. Es ist doof. Es ist schoof.
Es ist ein Schritt.
Danke, Michael!
-Andrea
Eine Nikolausgeschichte
5. Dezember 2008 at 22:15 | In Blog | 11 CommentsDie Kinder schlafen selig in ihren Betten, und auch das Gastkind hat in den Schlaf gefunden.
Gerade dachte ich, dass ich auf keinen Fall vergessen darf, alle Schuhe, die vor der Tür stehen, zu befüllen und dass der bereitgestellte Keks gegessen und die Milch ausgetrunken werden müssen.
Und da fiel mir eine Geschichte ein:
Der Große war gerade zweieinhalb Jahre alt, als Michael zum Nikolaus besonders cool sein wollte. Er hatte sich an die Geschichte von Marliese erinnert, die zum Nikolaus immer Mehl ausstreute, damit es so aussehe, als habe der Nikolaus in der Nacht an seinen Schuhen Schnee mit ins Haus getragen. Bei Philip hat das immer wunderbar funktioniert.
Michael befüllte in dieser Nacht also die Schuhe und streute Mehl aus, taperte durch, damit es auch ja wie Fußspuren wirke und wir waren ganz elektrisch, was der Große wohl am Morgen dazu sagen würde.
Der Tag brach an, der Große kletterte aus seinem Bett. Ging zu seinen Schuhen und fand die Schokolade und die kleinen Geschenke. Kam zurück ins Schlafzimmer und sagte: „Papaaaa, wer hat denn da dath danze Mehl auf den Boden gethtreut?“
Von wem das Kind diesen Realismus geerbt hat, hat niemals jemand rausgefunden. Aber wir haben darüber jedes Jahr zu Nikolaus herzlich gelacht. Jetzt lache ich halt alleine darüber, und wie jedes Jahr werde ich morgen beim Frühstück diese Geschichte zum Besten geben. Und die Kinder werden sich schepps lachen. Oder wir werden weinen, mal sehen.
-Andrea
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