Das Blog als Buch?
14. November 2008 at 13:15 | In Blog | 20 CommentsJa bitte.
Die Idee ist nicht neu, Marliese war in Michaels letzter Woche die erste, die das sagte.
Ich hab nichts dagegen, im Gegenteil. Es würde mich freuen, wenn noch einige Menschen mehr unsere Geschichte lesen würden, etwas daraus ziehen könnten.
Also, liebe Verleger, die Kontaktadresse ist charity (at) 18000-mal-hoffnung.de
Ebbe und Flut
14. November 2008 at 12:39 | In Blog | 17 CommentsEs ist etwas passiert. Ich weiß nicht, was es ist. Und ich weiß nicht, wie es kam.
Am Dienstag ging ich zu meinen Eltern (raus!) und ich nahm beide Tüten mit Michaels Schuhen und anderen Dingen mit zum Altkleidercontainer. Wuchtete sie hoch, weg waren sie. Dachte, hoffentlich kann noch jemand was damit anfangen.
Im weiteren Verlauf des Tages, ich war wohl auch nie allein, merkte ich, dass sich etwas tat. Die Zange ging weg. Zuerst war sie lockerer geworden, dann war sie weg. Ganz weg. Ich fühlte mich stark, habe mit den Jungs zusammen das Kinderzimmer entrümpelt und danach noch das Bad geputzt, und zwar jede kleine Ecke. Habe mir den Badschrank hübsch gemacht, Mädchenschrank eben. Dabei gedacht, dass ja ganz bald wieder Rasierer drinstehen würden, schließlich habe ich Söhne, und den Gedanken fand ich schön.
Das Bedürfnis, aufzuräumen, innen wie außen, habe ich mir erfüllt an diesem Tag.
Gestern morgen dann war ich mit dem Hund unterwegs (raus!), wir gingen zum Baum, aber es war zu nass und zu kalt, um sich hinzusetzen. Dann brachte ich den Hund nach Hause und ging auf unsere Einkaufsstraße (raus!), einfach so, ohne Ziel. Kaufte ein paar schöne Dinge, schaute im Lottoladen vorbei, plauderte. Und ging wieder nach Hause, nicht ohne mich zum hundertsten Mal zu fragen, was da passiert ist.
Ich fragte mich auch, ob ich nun nicht mehr um Michael weinen könnte, stellte mir vor, wie doof das wäre. Es ging dann aber ganz leicht, als ich mich an den Tag erinnerte, als wir den letzten Ausflug gemacht hatten, wie ich ihn im Rolli zum Walnussbaum geschoben und gesagt habe: Das da, das ist der Baum. Und der sagte: Ok, der ist schön.
Ich suchte ein Foto vom Flügel und fand so viele wunderbare Bilder von Michael und da liefen sie wieder, die Tränen. Dieser schöne Mann, welche Verschwendung. Es ging noch, und ich freute mich darüber. Und mir fiel ein: Drei, vier Wochen. Genau so, wie es nach der Diagnose war. Nach drei, vier Wochen hatten wir die ersten großen Ängste überstanden und konnten die Krankheit angehen. Und jetzt wieder drei, vier Wochen? Es hat etwas rundes.
Später am Nachmittag kam zuerst Inge zu Besuch und wir redeten viel. Danach kam Graciella, wir aßen alle zusammen und letztlich saßen wir bis halb zwei morgens in der Küche, tranken Wein und hechelten alle möglichen Themen durch, wie das Mädchen in Küchen eben so machen. Und auch da gab es Tränen, trotz all des Glücksgefühls, was ich endlich wieder hatte.
Ich gehe jetzt raus (raus!).
- Andrea
Das Glück ist ein Leberwurstbrötchen
12. November 2008 at 14:11 | In Blog | 20 CommentsGestern Abend nutzte ich meine gute Stimmung und räumte die Garderobe auf. Steckte Michaels Schuhpaare in einzelne Plastikbeutel und dann alle zusammen in einen großen Sack für die Altkleidersammlung. Seine australischen Blundstones bleiben. Es steht noch aus, ob sie an jemanden gehen oder ob sie einfach hierbleiben, falls derjenige, der sie haben soll, es sich anders überlegt.
Ich war nicht traurig, als ich das machte, fand es aber doch komisch, die Wohnung wieder ein Stück weit zu verändern. Dachte daran, dass sich noch viel mehr verändern wird. Dass seine Sachen schrittweise weggetan werden, allein, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Dass wir irgendwann ein neues und anderes Leben haben werden, nur mit unseren Sachen und mit seinen paar Dingen in der E-Box. Was an Materiellem bleiben wird, ist der Inhalt einer Kiste, das fühlt sich manchmal ganz schön doof und viel zu wenig an.
Und heute morgen merkte ich, dass es das eine ist, die Sachen auszuräumen, dass es aber noch mal etwas anderes ist, sie wirklich aus dem Haus zu tragen und wegzugeben. Mal sehen, ob ich gleich einen der Säcke zum Altkleidercontainer mitnehme.
Heute morgen war ich bei meiner Therapeutin. Das Gespräch war gut, hat mich zum Nachdenken angeregt, mich ein wenig aufgeräumt. Danach ging ich zum Baum, kaufte unterwegs ein Leberwurstbrötchen. Als ich den Park betrat, dachte ich, mich trifft der Schlag. Von weitem sah ich, dass vor der Nuss eine Bank stand. Die gehört da nicht hin. Aber es gab von Moni die Idee, dort eine Bank aufzustellen, und ich dachte kurz, ob das nun die Überraschung des Tages sein sollte. Als ich weiterging sah ich, dass da noch viel mehr Bänke standen, das konnte es also nicht sein. Dann sah ich die Scheinwerfer, die Stellwände und es war klar: Hier wird mal wieder ein Film gedreht, die Bänke sind Requisite. Alltag in der Südstadt eben.
Ein freundlicher Herr von der Filmcrew bat mich, nicht da und da langzulaufen. Ich sagte, dass ich mich eigentlich unter diesen Baum da setzen wollte und er antwortete, das sei ungünstig, aber ich könnte gerne eine der Bänke benutzen. Ich fragte, was denn gedreht würde und da sah ich im Hintergrund schon Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt stehen. Kölner Tatort. Ausgerechnet der Kölner Tatort, den Michael so sehr liebte und die drehen das in der Nähe der Nuss! Am liebsten hätte ich das dem Herrn erzählt, habe mich dann aber doch lieber still und leise für mich allein darüber gefreut.
Mit meinem Leberwurstbrötchen in der Hand, meinem Notizbuch auf dem Schoß und zwanzig Mal Cat Stevens auf den Ohren setzte ich mich auf die Bank vor den Baum. Ich aß das Brötchen mit Genuss, notierte mir ein paar Sachen und sang den Song laut mit. Die Sonne schien warm und ich war so glücklich, dass ich allein deswegen ein paar Tränen geweint habe.
Diese Baumidee ist das Beste, was es geben konnte in all diesem Mist. Dieser Platz bedeutet mir so viel, ich könnte Stunde um Stunde dort sitzen. So wie im letzten Sommer, als ich einmal einen kompletten Tag mit süßem Nichtstun dort verbrachte. Ich habe den Platz damals schon geliebt, aber jetzt hat er diese weitere besondere Bedeutung bekommen und das macht mich froh. Diese tolle Nuss.
- Andrea
Sankt Martin, selbstgemacht
11. November 2008 at 18:59 | In Blog | 37 CommentsIch komme gerade erst zurück aus der Draußenwelt. Heute war ich so viel unterwegs, dass ich mich in diesem Moment frage, wie das eigentlich funktioniert hat. Die Lösung ist ganz einfach: Ich war fast nie alleine.
Heute morgen brachte ich den Kleinen zur Schule. Es regnete in Strömen, wir wurden nass bis auf die Haut. Danach ging ich kurz zum Lottoladen, merkte aber, dass ich wieder ins Schwanken geriet. Später dann gab es ein großes Projekt: In die Stadt fahren und meinen neuen Personalausweis abholen. Ich zauderte, Bus fahren, liebe Güte … Dann fiel mir ein, dass meine Nachbarin zum Karneval feiern in die Stadt wollte. Ich rief sie an, erwischte sie und so musste ich nicht alleine fahren.
Später am Tag ging ich mit dem Hund raus. Ich wollte zum Baum, weil das Wetter gerade so schön war. Mich dort hinsetzen, ein wenig den Gedanken nachhängen. Dazu kam es nicht, denn ich traf Frank und wir saßen dann gemeinsam unterm Baum und plauderten über dies und das. Zusammen mit ihm schaffte ich es dann sogar, in meiner Lieblingseise zu sitzen. Den Rest des Tages verbrachte ich mit und bei meinen Eltern, so dass ich letztlich gestärkt genug war, noch eben was einkaufen zu gehen. Alleine. Und mir ging’s gut dabei.
Schritte eben. Mal sehen, wie es morgen wird.
Heute ist nun Sankt Martin, gleichzeitig die Eröffnung der Karnevalssession in dieser verrückten Stadt am Rhein. Meinen persönlichen Sankt Martin habe ich schon Anfang der Woche gemacht:
Michael hatte eine wunderschöne und richtig dicke und warme Daunenjacke. Sie hing für sehr lange Zeit ungenutzt an unserer Garderobe, und als er gestorben war, fragte ich mich, was ich bloß mit dieser Jacke anstellen sollte. Mir kam dann bald eine Idee, die ich mit den Kindern besprach, und die waren auch begeistert. Ich habe die Jacke verschenkt, und zwar an jemanden, der sie wirklich brauchen kann. Nämlich an den Mann, der den lieben langen Tag bei jedem Wetter bei uns gegenüber am Laden steht und die Obdachlosenzeitung verkauft.
Ich fragte ihn, ob er sie haben möchte; er kennt Michael und weiß, dass er krank war. Er war traurig darüber, dass Michael nun tot ist und fragte, ob es für die Kinder denn ok sei, wenn sie ihn da in dieser Jacke sehen würden. Ja, das ist ok, und auch wenn es für uns vielleicht anfangs komisch sein würde, so wüssten wir doch, dass die Jacke da im Einsatz ist, wo sie wirklich gebraucht wird. Kein guter Zweck, sondern ein besserer Zweck. Er nahm sie gern.
Gestern traf ich ihn. Die Jacke passt ihm perfekt und ich fand es kein bißchen komisch, dass er sie trug. Im Gegenteil, ich freute mich richtig, sie an ihm zu sehen. Die Kinder kamen nach Hause und sagten: Mama, der Thomas trägt die Jacke! Und sie freuten sich auch.
Ist auch ne Art von Mantel teilen.
- Andrea
Über das Rausgehen
10. November 2008 at 14:14 | In Blog | 20 CommentsHeute morgen ist mir ein weiterer Punkt eingefallen, der mich am Rausgehen hindert.
Ich brachte den Kleinen zur Schule und mir war schon wieder so elend vorher. Habe mühsam eine Banane gegessen und mich mit Kreislauftropfen gedopt, nur um diesen Weg zu überstehen. An der Schule traf ich Jens und wir gingen ein Stück zusammen. Als wir uns wieder trennten, ging mir ein Licht auf.
Normalerweise geht man durchs Leben, als könne einem niemals etwas passieren. Man denkt nicht darüber nach, ob man vielleicht gleich vom Bus überfahren wird. Oder ob hinter der dunklen Ecke jemand steht, der einem etwas über den Kopf ziehen könnte. Normalerweise ist das so.
Dieses Einfach-so-durchs-Leben gehen verloren Michael und ich schon mit der Diagnose. Der im Grunde alberne Gedanke, dass es ja doch immer ‘die anderen’ trifft, stimmte einfach nicht mehr. Jegliche Sicherheit war perdu. Es traf uns, und es traf uns hart.
Und ich glaube, dass es auch das ist, was mich vom Rausgehen abhält. Wenn ich auf der Straße bin, gucke ich mindestens fünf mal, ob kein Auto kommt. Wenn ich, so wie gestern Abend, im Dunkeln unterwegs bin, denke ich, wenn jetzt einer kommt und dir was antut, dann ist alles am Ende und die Kinder werden zu Vollwaisen. Als reichte Halbwaisen nicht schon.
Bloß: Wie ich diese Sicherheit wieder erlangen soll, ist mir derzeit noch ein Rätsel. Es kommt bestimmt einfach mit der Zeit, hm?
Bis dahin werde ich eben möglichst nicht alleine einkaufen gehen und nicht im Dunkeln unterwegs sein und dafür lieber die Gelegenheiten nutzen, wenn jemand mit mir zusammen ein Stück marschiert. Eine Krücke für meine wunde Seele.
- Andrea
Schön, schön, schön und kein bißchen doof!
9. November 2008 at 17:31 | In Blog | 20 CommentsIst es nicht wundervoll, wenn sich alles zum Guten wendet, und wenn es nur für ein paar Stunden ist?
Wir zogen also gestern alle in den Park, um den Erinnerungsplatz für Michael einzurichten. Versammelten uns an dem Baum, der es sein sollte. Das schöne an so einem Baum ist nämlich, dass man ihn umarmen kann.

Die Kinder fingen an, ein tiefes Loch zu buddeln, unter tatkräftiger Hilfe von erwachsener Seite. Wir gaben etwas von Michael in die Erde, machten das Loch wieder zu und stießen mit Ramazotti in den Medizingläsern an, genau so, wie wir es an dem Abend im Abschiedszimmer gemacht hatten, als er vom Bestatter abgeholt wurde. Alles war so rund und schön, und ich fragte mich, warum ich eigentlich noch am Mittag leise Zweifel hatte, ob das alles so richtig wäre.
Lars hatte seinen iPod mit Lautsprechern mitgebracht und wir hörten beim Buddeln ‘Spain’ von Chick Corea, sangen später ‘Father & Son’ von Cat Stevens, ‘Let it be’ von den Beatles und schließlich auch noch ‘Ich liebe das Leben’ von Vicky Leandros. Wir blieben lange am Baum stehen, unterhielten uns, sprachen über Michael und über Eckiges und Rundes.

Danach wollten wir eigentlich auf einen Kaffee ins Litho gehen, wo wir nach Michaels letztem Ausflug eingekehrt waren. Aber alle hatten großen Hunger (ich auch!), und so gingen wir nach Hause, wo Moni und Willi Spaghetti Bolognese für uns kochten. Wir aßen, sprachen und lachten und es war klasse.
Später räumten Moni, Willi, Anna, die Kinder und ich noch die Wohnung um. Das Inselbett ging zurück an seinen alten Platz, das Sofa zurück ins Wohnzimmer. Es war ein bißchen komisch, weil das Zimmer trotz des Betts so leer war. Wir hatten alle Fotos und Bilder und auch die große Sonne abgehangen, die die Kinder für Michael gemalt hatten. Mir kamen die Tränen, aber es war auch ein gutes Gefühl, dass nun im Unnormalen wenigstens die Wohnung wieder normal war. Die erste Nacht in der altenneuen Insel war ruhig, der Kleine schlief bei mir, weil Anna sein Bett belegt hatte. Ich habe mich nur einmal in der Nacht erschrocken und mich gefragt, wo ich bin. Heute morgen fühlte es sich dann aber alles normal und gut an.
Anna blieb heute noch bis zum Nachmittag. Die Kinder gingen mit meinen Eltern zum Bäcker frühstücken, weil mein Vater diese alte Sonntagstradition, die Michael mit den Kindern bis vor ein paar Wochen hatte, weiterleben lassen will. Sie kamen satt und glücklich zurück und gingen dann später zu einem Freund, wo sie den Nachmittag verbrachten. Anna und ich gingen auf einen Marsch durch die Südstadt, bis zum Baum und danach ins Café, wo wir leckere gefüllte Crêpes aßen und den gestrigen Tag nachbereiteten. Essen, Leute, wenn es geht, ist es toll!
So ist das letzte „Außenritual“ gelaufen. Es gibt noch viele Dinge hier innen zu tun, Sachen aussortieren, Dinge entsorgen. Alles zu seiner Zeit.
- Andrea
Elf Jahre
8. November 2008 at 11:54 | In Blog | 12 CommentsEigentlich hätten wir uns heute morgen nach dem Aufwachen geküsst und uns gegenseitig gratuliert, dass wir es schon so lange miteinander aushalten.
Eigentlich hätten wir vielleicht im Bett gefrühstückt und den Kindern zum millionsten Mal erzählt, wie das war, damals, an diesem Samstag im November. Dieser Zaubertag.
Eigentlich wären wir bestimmt mit den Kindern irgendwo schön essen gegangen.
Stattdessen schaffen wir – der Rest, die drei übrig gebliebenen – uns heute einen Platz im Park, an dem wir immer und zu jeder Zeit und ohne jede einzuhaltende Konvention an den Menschen denken können, mit dem wir heute nicht im Bett frühstücken, mit dem wir nicht essen gehen und der nicht lächelnd von diesem Samstag damals erzählt.
Wir werden das nicht alleine tun, alle Helferfreunde werden dabei sein. Und so traurig es ist, so sehr freue ich mich auch auf dieses letzte Ritual.
Das ist der Anfang. Ein erster Tag, ein erstes Mal. Es werden in den nächsten Wochen noch ganz viele solcher Tage kommen und ich weiß nicht, ob ich es immer noch gut finde, dass sie so schnell kommen und dann auch schnell vorbei sind. Sein Geburtstag, mein Geburtstag und unser Hochzeitstag, Weihnachten.
Alptraum.
- Andrea
Eigentlich ist es ganz einfach
7. November 2008 at 21:44 | In Blog | 19 CommentsEin seltenes Ereignis, zwei Einträge an einem Tag. Aber es kam so viel Resonanz in den Kommentaren, so viele liebe Anregungen und so viel Mitgefühl, dass ich noch ein zweites Mal schreibe.
Nachdem ich hier geschrieben hatte, telefonierte ich mit der lieben Bürofrau vom Pflegedienst. Sie wollte mir etwas sagen und es entspann sich – wie immer – ein schönes Gespräch. Sie sagte das, was hier so viele schrieben: Wie sieht’s aus mit Psychotherapie?
Ich habe eine Psychotherapeutin, ich war im Dezember 2007 einmal bei ihr, als ich mich überhaupt nicht mehr damit zurechtfand, dass es nur um Michael ging, aber kein bißchen mehr um mich. Dass ich mein Studium wegen ihm quasi schon geschmissen hatte, um Ansprüche, die ich nicht erfüllen wollte und konnte und all das. Allein das Wissen, dass ich dort hingehen konnte, hat mir sehr geholfen, das Gespräch dann noch mehr. Danach war ich nie mehr dort, weil ich einfach nicht das Bedürfnis hatte. Heute rief ich sie an, am kommenden Mittwoch habe ich einen Termin. Das wird ein gutes Gespräch werden, weil sie weiß, wovon ich rede.
Frau Simon schlug auch vor, im Haus Lebenswert nach Angeboten für die Kinder zu gucken. Darum werde ich mich nächste Woche kümmern.
Nach den Telefonaten habe ich mich ins Bett gelegt, habe Zeitung gelesen, ohne zu raffen, was drinsteht. War ganz sicher, dass ich am Nachmittag nicht zum Martinsumzug des Kleinen mitgehen würde, dass ich das niemals könnte, all die Leute, die große dunkle Draußenwelt und Tonnen von glücklichen Elternpaaren mit ihren lieben Kleinen. Wollte meine Eltern bitten, mitzugehen, damit ich weiter sumpfen kann. Ich kam nicht dazu.
Mein Vater rief an und sagte: Kind, jetzt raff Dich mal auf, komm her, Mama hat gekocht und die Jungs kommen ja eh nachher und dann sehen wir mal weiter. Dieser gute Mensch! Ich schaffte es, mich anzuziehen. Ich schaffte es, rauszugehen. Ich schaffte sogar einen Abstecher in den Buchladen, wo ich mir seichteste Lektüre kaufte. Und ich kam heil bei meinen Eltern an. Ich habe gegessen. Und ich bin sogar mit zum St. Martin gegangen, den ganzen Zug durch, mit einer Bekannten am Arm und dem Kleinen an der anderen Hand. Wir unterhielten uns und da war es schon nicht mehr so schwer. Auf dem Schulhof gab es später noch schöne Gespräche, und am Ende war es alles nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Aufs Gas treten, wenn man eigentlich bremsen will, das schrieb mir heute jemand. Das gefällt mir, und ich will das weiter versuchen.
- Andrea
Die Draußenwelt
7. November 2008 at 10:36 | In Blog | 36 CommentsIch kann fast nichts.
Ich kann den ganzen Tag zu Hause in meiner Höhle sein, in den schönsten Ünselklamotten. Ich kann am Rechner sitzen und schreiben und ich kann im Bett liegen und lesen oder dumpf fernsehen.
Ich kann nicht essen. Ich kann nicht rausgehen. Ich habe heute morgen den Kleinen zur Schule gebracht, habe es dann noch zum Zeitungsladen geschafft und beim Metzger war dann Ende. Mein Kreislauf versagte, ich musste mich hinsetzen. Bin dann schnell nach Hause gegangen, habe mich aufs Bett geworfen und geweint. Kann ich jemals wieder rausgehen? Ich habe Angst vor der Angst. Vor vielen Jahren hatte ich wegen so einer Kreislaufgeschichte mal ein echtes Angstproblem, damals ging es ums Zugfahren. Und jetzt habe ich Angst davor, dass so etwas wieder passiert, und dieses Mal ist es etwas, das ich nicht vermeiden kann. Nicht mit dem Zug fahren ist ja kein Thema. Nicht rausgehen können ist etwas anderes.
Gestern habe ich alte Videobänder gefunden, die Michael vor Jahren aufgenommen hat. Eins haben wir ganz angeschaut. Es ist von Januar 2003, Michael hat den Großen aus der Kita abgeholt und danach waren sie auf dem Spielplatz und im Café. Die Kinder waren völlig aus dem Häuschen, denn sie hatten diese Bänder noch nie oder nur vor langer Zeit mal gesehen. Es war so schoof! Dieser Mann, so kräftig und gesund, und diese Kinder, so süß, dass man es kaum aushalten kann. Der Große lernte gerade schreiben und war so stolz, dass er schon ‘Mama’ und ‘Papa’ aufs Papier brachte. Der Kleine saß daneben und kommentierte alles. Ein Fest fürs Mutterherz. Kein Fest fürs Witwenherz.
Das Band, das wir danach einlegten, musste ich nach wenigen Minuten abschalten. Der Große war gerade drei Monate alt und wir saßen beim Frühstück in unserer alten Wohnung. Michael war so jung und so schön und dieses Baby so entzückend und ich konnte mir keine Sekunde länger ansehen, wie er ihn auf dem Arm hatte, ihn küsste und dutzidutzi machte.
Das grenzt an Selbstquälerei, oder?
Heute morgen fiel mir ein, dass ich mich irgendwann vor hunderttausend Jahren ja auch schon mal von Beziehungen verabschieden musste. Dass diese Phase des Nichts-tun-Könnens und des Nichts-essen-Könnens für mich nichts unbekanntes ist. Leider ist das alles schon so lange her, dass ich mich kaum daran erinnern kann, wann und wie ich aus dieser Phase jeweils wieder rausgekommen bin. Und das hier ist außerdem etwas ganz anderes, viel stärker. Damals konnte man noch die Hoffnung haben, den Ex-Partner irgendwann noch einmal zu sehen, konnte sich an der Hoffnung festhalten, es möge sich doch noch mal alles zum Guten wenden. Ist jetzt nicht so, es gibt diese Hoffnung einfach nicht.
Im Großen und Ganzen kann ich akzeptieren, dass die Trauer dazugehört, dass Trauerarbeit was gesundes und sinnvolles ist, dass man die Trauer nicht abschalten kann, weil es keinen Schalter gibt. Aber manchmal nervt es mich auch ganz gehörig, dieses andauernde Wechselbad, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt.
Es kommen auch wieder Frühlingstage. Daran hat mich neulich jemand erinnert.
Irgendwann … irgendwann wird es anders sein.
- Andrea
heiter bis wolkig
6. November 2008 at 12:04 | In Blog | 19 CommentsGestern Abend hatte ich es geschafft, mich innerlich ein wenig aufzuräumen. Ich machte Latein-Hausaufgaben mit dem Großen, telefonierte lange, kochte dabei und aß schließlich auch etwas von dem Essen. Viel ging nicht rein, aber immerhin.
Der Kleine kam mit Kopfschmerzen nach Hause, legte sich ab und schlief zwei Stunden. Er hatte dann Temperatur, brauchte einen nassen Lappen auf seinem Kopf und Zäpfchen gegen die Kopfschmerzen. Ich erwischte mich dabei, dass ich es komisch fand, zum ersten Mal seit knapp drei Wochen die Krankenschwester zu geben. Ich hatte vergessen, für wie lange Zeit das mein täglicher Job gewesen war.
Heute morgen stand ich auf und machte die Morgenroutine für den Großen. Er ging, der Kleine und ich legten uns wieder ins Bett. Und da kam wieder die Traurigkeit, Tränen flossen, das Bewusstsein des Endlichen drängte sich nach vorne. Ich war völlig antriebslos, hatte noch nicht mal Lust, zu duschen oder gar mal ein wenig aufzuräumen. Ich sprach mit dem Kleinen über den ganzen Mist, er ist auch so traurig, und war so klein in dem Moment, dass ich noch viel mehr weinen musste.
Anna, mein Kopfherzbauchalles, schlug vor, gegen die große Zange in meinem Inneren ganz bewusst etwas zu tun. Geh duschen, sagte sie, und dann legst du ‘Get here’ von Oleta Adams auf. Zuletzt hatten wir diesen Song gehört, als es an Michaels Bett die Mädelslounge mit Anna und Moni gab. Dieser Song ist aus unseren ersten Tagen, von meinem ersten Wochenende bei ihm in Düsseldorf, und jetzt passt er besser denn je.
Ich ging in das Zimmer, das derzeit keinen Namen hat, legte die CD auf, laut, sortierte Wäsche, räumte ein wenig in meinem Schrank rum und schließlich nahm ich Michaels Shirts aus dem Schrank, meine Lieblingsshirts, nicht seine, und legte sie in die E-Box, eine Kiste, in der Sachen sind, die an ihn erinnern. Ich roch an den Shirts, sie rochen nicht nach ihm. Aber der Kissenbezug, auf dem er seine letzten Stunden hier verbrachte, der riecht immer noch nach diesem Tag. Wie konserviert man das?
Die Zange hat sich noch nicht gelöst, aber es hat gut getan, die Schleusen aufzumachen. Mit dem Hemd im Arm am Fenster zu stehen, das er an dem Tag trug, als er zum ersten Mal zu mir kam. Es ist königsblau, und es passte kein bißchen zu dem schwarzen Pulli, den er darüber trug. Die Sonne schien ins Zimmer, als ich da stand. Ich suchte nach Zeichen, aber ich fand keine.
Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein bißchen sensibler, was solche Dinge angeht, nicht so realistisch und geradeaus, wie ich eben bin. Ich neide es den anderen fast, wenn sie sagen, sie hatten den Eindruck, Michael habe ihnen ein Zeichen gegeben. Bei mir kommen keine an.
Vielleicht wird sich das ändern, wenn wir am Samstag unseren Erinnerungsplatz schaffen. Vielleicht.
- Andrea
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