Die Witfrau
27. November 2008 at 19:03 | In Blog | 11 CommentsMeine Uroma sagte immer: ‘Isch ben jo och ald lang en Witfrau.’ Sie sagte das nicht ohne einen gewissen Stolz, war sie doch lange mit ihrem ‘Schäng’ verheiratet. Und fast genau so lange war sie Witfrau, denn sie wurde 99 Jahre alt. Witfrau gefällt mir fast ein bisschen besser als Witwe, und trotzdem machte ich mich auf die Suche nach dem Ursprung dieses Wortes. Es kommt von dem althochdeutschen Wort ‘wituwa’ und das bedeutet ‘die (ihres Mannes) Beraubte’. Na, wenn das nicht passt.
Neulich wurde ich gefragt, wie lange man denn wohl in dem Status ‘Witwe’ verharre. Ich sagte, dass ich das nicht wisse, aber vermute, es bleibe so, bis man jemals wieder heirate. Ich werde jedenfalls niemals sagen, dass ich ‘ledig’ bin. ‘Alleinerziehend’ reicht ja schon. Nichts gegen Alleinerziehende, aber in dem Geschäft bin ich neu, und gewöhnt habe ich mich daran noch nicht.
Heute begegnete ich auf der Straße einer alten Dame, sie war ganz in schwarz gekleidet bis runter zu den Strümpfen und Schuhen. Es war leicht zu vermuten, dass wir etwas gemeinsam haben, auch wenn man es mir nicht ansieht, weil ich eben nicht in schwarz unterwegs bin. Ich lächelte sie trotzdem an, und sie lächelte ganz vorsichtig zurück.
Heute begegnete ich im Supermarkt einem Bekannten, der mich fragte, wie es bei uns denn so laufe. Ich musste eine Millisekunde lang überlegen, ob ich ihm die Wahrheit sage, denn er hatte selber Krebs; wir lernten uns kennen, als er mitten in der Chemo steckte. Da Lügen doof ist, erzählte ich, was passiert war. Es entspann sich ein gutes Gespräch und er war genau so betroffen wie interessiert. Über diesem Gespräch vergaßen wir beide, dass wir eigentlich zum Einkaufen dort waren.
Heute schlich ich weiter durch den Supermarkt und stellte fast erschreckt fest, dass bald Weihnachten sein wird. Wir sollten Plätzchen backen, einen Adventskranz aufhängen, die Wohnung ein wenig nett dekorieren. Müßig zu sagen, dass mir dazu der Nerv fehlt. Ich mach’s trotzdem, natürlich, für die Kinder. Und vielleicht am Ende auch für mich.
Heute rief ich nicht meinen alten Freund Mark an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, denn mit der schlechten Nachricht, von der er noch nichts weiß, wollte ich ihm nicht seinen Feier-Abend verderben.
Heute fing mein Tag ganz traurig an und später ist er doch noch nett und lustig geworden.
Und heute freute ich mich auf den kommenden Samstag. Mit gemischten Gefühlen wohl, aber mit der Aussicht darauf, dass der 29. November ungeachtet aller Dinge immer noch Michaels Geburtstag ist, und den werden wir daher gebührend feiern.
- Andrea
11 Kommentare »
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Andrea, wenn ich in Köln wohnte, und nicht hier bei Berlin, dann würde ich kommen und Dir Deine Wohnung weihnachtlich dekorieren. Ich habe das heute hier gemacht und dabei an Euch gedacht, wie es Euch in diesem Advent gehen wird, ob Ihr dazu überhaupt „in Stimmung“ seid und wie doof anders es sein wird.
Trotz allem wünsche ich Euch einen besinnlichen Advent, aber vorher noch einen guten Geburtstags-Samstag!
Ganz liebe Grüße aus Teltow, Carmen
Kommentar von Carmen — 27. November 2008 #
Witfrau ist gut, liebe Andrea.
Das Wort hat eine gewisse Würde, die sehr gut zu deiner Art paßt, mit dem Schicksal umzugehen. Es steht dir gewissermaßen. Und nein, ledig bist du nicht.
Meine kleine Tochter hat am 28. Geburtstag und eine liebe Freundin am 29. Meine Mama, die vor 10,5 Jahren an Krebs gestorben ist, hatte am 18.11. – am 18. habe ich bereits an euch gedacht, an den nächsten beiden Tagen werde ich es auch wieder tun.
Ganz viele Grüße
unbekannterweise
aus dem Sauerland nach Köln,
Steffi
Kommentar von Steffi — 27. November 2008 #
Hallo, liebe Andrea,
Witfrau find ich auch passender. Witfrau hat auch etwas Weises, find ich. Eine Weisheit, die man erlangt, wenn man das getragen hat und immer noch trägt, was einem das Leben abverlangt. Dann erreicht man eine Art von Weisheit, unabhängig vom Alter.
Witfrau ist der Bezeichnung Ehefrau auch ähnlicher. Ich finds stimmiger, auch wenn der Begriff veralterter ist.
Nee und ‘ledig’ ist vollkommen daneben. Diesen Zustand hast du spätestens auf dem Standesamt unwiderruflich abgegeben.
Ich wünsch dir eine friedliche Nacht und guten, tiefen Schlaf
Alles Liebe
Delie
Kommentar von Delie — 28. November 2008 #
Liebe Andrea,
ich denke, Witfrau ist man sein Leben lang. Sogar falls man danach noch einmal heiraten sollte. Es ist ähnlich wie geschieden, das ist ja auch nicht ungeschehen zu machen, nur weil man wieder mit jemand anderes zusammen ist. Ja, ich weiß, blöder Vergleich, sorry. Aber ich habe schon öfter in Anzeigen gelesen verwitwete soundso. Da standen dann drei Namen in der Anzeige: der Geburtsname, der verwitwete und der neu geheiratete …
Übrigens, danke für den/das Blog. Ich lese noch nicht so lange hier, bin kurz vor Michaels Tod über irgendeinen Link hierher gekommen … und immer noch/wieder beeindruckt.
Liebe Grüße
cat
Kommentar von catsoul — 28. November 2008 #
Liebe Andrea,
Witfrau finde ich auch viel netter als Witwe. Es passt einfach.
Ja, und Weihnachten ist so eine Sache. Wenn man alles vermisst was damit zusammen haengt, dann ist das alles nicht so toll. Frag doch einfach Deine Kinder was sie dekorieren moechten und ob ihnen danach ist oder nicht. Heile Welt ist vorbei und Deine Kinder wissen das ja auch. Vielleicht macht Ihr es einfach ganz anders dieses Jahr oder genau wie immer.
Geburtstag feiern ist ganz wichtig. Mein Bruder waere heute (27.11.) 30 geworden. Und ich habe mit meinen Kindern eine Kerze angezuendet.
Normaler Weise backen wir Waffeln, weil Falko die so gerne mochte, da aber heute hier Thanksgiving war, hatte ich absolut keine Zeit dafuer.
Aber es ist doch immer schoen unsere Lieben, die viel zu fueh gegangen sind, zu feiern.
Ich druecke Dich!
Liebe Gruesse aus Charlotte
Alexandra
Kommentar von Alexandra — 28. November 2008 #
Liebe Andrea,
Du bist genauso wenig ledig, wie ich nur zwei Kinder habe (auch wenn ich das immer wieder zu hören bekomme). Und wir feiern Adrians Geburtstag auch gebührend, denn wie Du richtig sagst, es IST der Geburtstag.
Viele liebe Grüße,
Katrin
Kommentar von Katrin — 28. November 2008 #
Liebe Andrea,
deine Uromm war wohl eine Wortkünstlerin? *Witfrau* ist genau die passende Bezeichnung für alle Frauen, die ihre Ehemänner verloren haben – sie nimmt das Neutrum aus dem Status. Fehlte nur noch, dass es „das“ Witwe hieße …
Alle guten Wünsche weiterhin
edda.
Kommentar von edda. — 28. November 2008 #
Witfrau ist gut! Liebe Andrea, lange war ich nicht hier und ich werde mal alles nachlesen, wie es euch ergangen ist die letzten Tage. Wir hatten kein I-net und ich war krank, aber nuja. Ich habe auch noch nichts dekoriert, wie kann man auch krank werden vorm 1. Advent tsss. Ich wünsch euch für morgen alles Liebe und schick dir viele liebe Grüße! Heike aus dem Sauerland
Kommentar von Heike — 28. November 2008 #
hallo andrea,
witfrau ist eine sehr gängige bezeichnung hier aufm land, als beziehungsstatus geben die meisten älteren damen im stammbogen witfrau an.
sehr selten einmal lese ich witwe.
ich finde diese bezeichnung auch „ehrwürdiger“ und nutze sie meistens.
und ich finde, ledig wirst du nie mehr sein.
vg, petra
Kommentar von petra — 28. November 2008 #
Liebe Andrea,
auch ich habe nach der Totgeburt unseres Sohnes die Bezeichnung für Eltern eines verstorbenen Kindes erfahren: verwaiste Eltern…
Du bist Witfrau und Deine Söhne Halbwaisen…
Ich finde keine Bezeichnung für Trauernde, die einen geliebten Menschen verloren haben, besonders ansprechend, weil sie so trostlos und einseitig klingen. Du bist doch noch so viel mehr als Witfrau, Du bist liebende Mutter, geliebte Tochter und mehr als geschätzte Freundin von vielen Menschen und bestimmt noch sehr vieles mehr UND Du hast Deine große Liebe Michael viel zu früh verloren.
Aber natürlich erfüllt die Bezeichnung Witfrau bzw. Witwe zum einen einen rein bürokratischen und zum anderen wahrscheinlich auch einen gesellschaftlichen Zweck, um die Lebenssituation eines Menschen möglichst einfach zu erklären.
Mit Weihnachten kann ich dieses Jahr auch nicht viel anfangen, obwohl ich dieses Fest immer sehr gerne gefeiert und auch immer gerne unser zu Hause weihnachtlich dekoriert habe. Dieses Jahr kann und will ich das nicht, es würde mich nur daran erinnern wie es eigentlich sein könnte, eigentlich sein sollte!
Für Außenstehende mag es so erscheinen, als mache ich damit alles noch viel schwieriger, noch schwerer zu ertragen, als würde ich mich in meinem Kummer suhlen, aber so ist es nicht. Weihnachten dieses Jahr nicht wie gewohnt zu feiern ist wirklich kein Beinbruch. Das wirklich Furchtbare ist mir ja schon passiert und es wird nicht besser dadurch, wenn ich an meinen Gewohnheiten für solche Festtagen festhalte, außer ich glaube, dass es mir gut tun würde. Für mich würde es aber nur der Beruhigung anderer dienen, auch Weihnachten zu feiern und das ist nun wirklich nicht meine Aufgabe.
Jeder sollte die Möglichkeit und die Freiheit haben seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen, wie er/sie mit der Trauer umgeht. Natürlich hast Du zwei Kinder, die vielleicht gerne etwas Weihnachtsstimmung verspüren würden, daher finde ich es gut, wenn Du Dich mit ihnen berätst und ihr eine gemeinsame Lösung findet, wie ihr dieses Jahr Weihnachten erleben möchtet.
Du machst alles schon ganz richtig, indem Du auf Dein Herz hörst…
Ich wünsche Euch alles Liebe und Gute für die kommende Zeit, und dass ihr Michaels Geburtstag heute so rund wie möglich verbringt.
In Gedanken viel bei Euch
Nadine
Kommentar von Nadine — 29. November 2008 #
liebe andrea,
ich habe die bezeichnung „witfrau“ noch nie gehört und finde ihn spontan 1000x besser als „witwe“. man bleibt auch in der begrifflichkeit eine frau – was man auch ist.
und ich finde es gut, dass der begriff zeigt, dass die ehe für immer hält. bei einer scheidung wird sie von innen heraus beendet. da ist man definitiv nicht mehr verheiratet.
als witfrau hast du deinen mann ein leben lang in und bei dir. und das finde ich mehr als angemessen.
bewegte grüße
nina
Kommentar von nina — 1. Dezember 2008 #