Erinnerungen

25. November 2008 at 21:45 | In Blog | 10 Comments

Meine Zeit verbringe ich mit Räumen, Sortieren, Kümmern oder ’süßem’ Nichtstun.

Und wann immer ich durch die Wohnung renne, hier und da etwas wegräume und da und dort etwas wische, kommen mir Erinnerungen. Heute sind es vorrangig Erinnerungen an die letzten Stunden mit Michael.

Wie er im Pflegebett lag, nichts mehr sagen konnte und kaum noch reagierte, und wie sich ein Dekubitus an einigen Stellen breitmachte, vor dem ich immer so einen Horror hatte.

Wie er versuchte, sich umzudrehen und wie wir ihm nicht helfen durften, weil jede Berührung trotz aller Medikation starke Schmerzen bei ihm verursachte. Und wenn wir es doch taten, ihn in der Bewegung unterstützen, immer sagten wir: Micha, ich helfe Dir nur, ich bin ganz vorsichtig und will Dir nicht wehtun. Und er jammerte trotzdem.

Wie er den ganzen Samstag noch hier war, in seinem schönen grünen Langarmshirt und den anderen Sachen, und wie die Menschen Zeit mit ihm verbrachten  und ihren ganz persönlichen Abschied vollzogen.

Wie die Kinder reingingen und nach einer Zeit der Zurückhaltung mutiger wurden und ihn anfassten und feststellten, dass er ganz kalt und hart war.

Wie sich ein Leichnam anfühlt, denn etwas kälteres zum Anfassen gibt es auf dieser Welt nicht .

Wie die Tür zeitweise zu war, weil entweder jemand mit ihm allein sein wollte oder weil jemand erst nach einer langen Zeit des Überlegens zu ihm reinwollte.

Wie er auch im Tod noch so schön war.

Bilder.

Bilder, die Gedanken und Gefühle auslösen. Ein fotografisches Gedächtnis ist ein Kreuz zuweilen, und dann wieder bin ich froh darüber, dass ich es habe.

- Andrea

10 Kommentare »

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

  1. Liebe Andrea,

    seit einiger Zeit lese ich Deine Geschichte hier schon mit und bin bei jedem Eintrag erneut berührt. Sicherlich ist der frühe Tod des Partners etwas, das man niemandem wünschen möchte. Trotzdem setze ich mich seit einigen Wochen aufgrund Deiner Einträge recht intensiv mit der Möglichkeit auseinander, dass der eigene Partner oder man selbst nicht 80, 90 oder 100 Jahre alt wird. Ich bin bereits dabei, meine Prioritäten im Leben aufgrund dieser Gedanken neu zu ordnen – mit manchen Dingen darf man nicht zu lange warten, weil sie dann nicht mehr möglich sein werden. Ich habe auch angefangen, mein eigenes Testament zu verfassen – obwohl ich noch nicht einmal 30 Jahre alt bin. Es ist nicht so, dass ich meinen Tod herbeireden will, aber der Gedanke an die Möglichkeit des Todes hat bei mir dazu geführt, die Prioritäten für mein Leben ganz anders wahrzunehmen als noch vor ein paar Wochen.

    Vielen Dank dafür, und Dir alles Gute.

  2. ich sitze hier und weine, würde gerne helfen und kann nicht. manchmal wünsche auch ich, dass ich meine gedanken einfach abstellen kann, weil alles was ich denke so weh tut. wenn es vorbei ist, bin ich wiederum auch wie du froh darüber.
    ich wünsche dir eine nicht so traurige nacht.

  3. Liebe Andrea,

    ich möchte Dich heute einfach nur drücken
    (((Andrea)))

    Du bist eine tolle Frau und hast zwei tolle Jungs!

    Liebe Grüße aus Teltow bei Berlin, Carmen

  4. Ich bin mir sicher, dass Michael jeden dieser Schritte und Gedanken mit Dir geht.
    Auch wenn wir uns nicht kenne, fühle Dich gedrückt.
    -T

  5. Du schreibst, dass es mich so dermaßen berührt und ich traurig bin aber zugleich lächeln muss, denn so wie ihr es gemeinsam erlebt (passt das Wort zum Thema Tod? Ich finde ja) habt, passiert es leider nicht oft. Gerade bei uns in der Familie vor nicht ganz einem Monat. Plötzlich.
    Oder im Krankenhaus, an Schläuchen. Oder auch im Zorn, kein Abschied, keine Aussprache. Alles schon erlebt :(
    Umso schöner ist es, zu lesen, dass ihr es so persönlich erlebt habt und dein Mann nicht alleine war in den letzten Wochen/Tagen/Stunden/Minuten.
    Ich hoffe, das ist jetzt nicht falsch angekommen. Ich finde es bewundernswert.

  6. liebe andrea,
    es ist unglaublich, wie bewußt du mit deinen gefühlen bist. ich bewundere dich sehr dafür.
    vielleicht kannst du ja ein bißchen dankbarkeit für die bilder der letzten stunden empfinden…denn irgendwann werden sie verblassen. oder?
    sei gedrückt, deine sonja

  7. Es ist schoen, dass Du das Blog als Ventil gefunden hast und weiterhin mit uns teilst, was so in Deinem Leben vorgeht. :)

  8. Liebe Andrea,

    es ist gut, dass Michael es geschafft hat,
    dass ihr es geschafft habt bei ihm zu bleiben.
    Es war ein schwieriger Weg für ihn, als Außenstehender kann man das wohl kaum in ganzem Maße nachvollziehen, und ihr habt ihn unterstützt, so weit ihr konntet, mehr geht nicht.
    So ein langer Weg – der auch noch vor euch liegt…Erinnerungen sind gut, auch wenn sie weh tun. Das Leben tut auch weh und trotzdem ist es gut.
    Schoof eben.

    Viele Grüsse von
    Sara

  9. Liebe Andrea,

    ich bin zufällig auf deinen Blog gestossen und weiss gar nicht so richtig, was ich schreiben soll. Ich wünsche dir und deinen Jungs ganz viel Kraft, Liebe und Mut.

    Mrsright

  10. Aus meiner Sicht und Erfahrung kannst du dich „glücklich“ schätzen, so Abschied nehmen zu dürfen. Mir war dies leider nicht vergönnt. Mein Mann ist in der Nacht unbemerkt von uns allen und völlig unvorhersehbar gestorben. Morgens bin ich nicht zu ihm ins Zimmer gegangen, weil ich ihn schlafen lassen wollte. Man hat mich von der Polizei nach Hause holen lassen. Der Leichenwagen stand bereits vor der Tür und Polizisten und Leichenträger standen schon „hufescharrend“ da und haben mir gesagt, ich möge Rücksicht auf sie nehmen, sie hätten auch noch andere Termine. Meiner Bitte, doch in einer Stunde wiederzukommen und mich noch mit meinem Mann allein zu lassen, konnten, wollten sie nicht nachkommen. Sie müssten ihn mitnehmen. Und ich stand da mit meiner Fassungslosigkeit, das war mit das Brutalste, was ich misher inmeinem Leben erlebt habe. Ich knapse immer noch daran.


Kommentieren

XHTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool by Borja Fernandez.
Entries and comments feeds.