Sterben ist eine teure Angelegenheit

23. November 2008 at 10:44 | In Blog | 8 Comments

Eingewickelt in den weltallerschönsten Puschelschal (er ist selbstgestrickt, lila, warm, weich, wundervoll und ein Geschenk meiner Freundin Anna – die ‘große’, nicht die ‘kleine’, denn ich habe das große Glück gleich zwei Annas zu haben), rätsele ich über den Sinn von Friedhofsgebühren.

Sterben ist teuer. Wenn man seine Lieben angemessen und würdevoll verabschieden will, dann kostet das den Gegenwert eines vernünftigen Kleinwagens. Oder eines zweiwöchigen Familienurlaubs auf Sardinien. Die Kosten für den Bestatter sind vollkommen in Ordnung, er hat viel für uns getan und ist jeden Cent wert. Aber dass die Stadt sogar einen Posten „Aushändigung der Urne an den Bestatter (bzw. Postversand)“ mit 25 Euro berechnet, oder dass sie für die Urnenbeisetzung 378 (!) Euro berechnet, obwohl sie faktisch nicht mehr geleistet hat, als ein Loch ausheben, fiesen Kunstrasen auslegen und hinterher das Loch mit zwei Eimern Sand zuschütten zu lassen, das lässt einen doch zweifeln, oder? Ich habe ganz kurz darüber nachgedacht, die Stadt anzuschreiben und meinerseits das Tragen der Urne und das Einlassen in die Erde zurückzuberechnen. Komische Welt.

Davon abgesehen schwanke ich zwischen ‘Alles ist gut’ und schwerem Vermissen. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich weniger an den kranken Michael denke als viel mehr an den gesunden. Trotz der langen Zeit, in der er mir bei nichts mehr helfen konnte, in der ich alles schon alleine gemacht habe, denke ich häufig, wie schön es wäre, wenn er noch hier wäre und mir dies oder das abnehmen könnte. Oder wenn wir zu viert etwas zusammen unternehmen könnten, und sei es nur eine gemeinsame Hunderunde.

Und wenn ich dann wie gestern nachmittag im Café einen Vater mit seinem Sohn sehe, der auf dem Schoß sitzt und wie sie sich unterhalten, dann muss ich schon mal für ein paar Minuten den Laden verlassen. Neid ist ein Gefühl, das mir für gewöhnlich fremd ist. Aber in solchen Momenten bin ich neidisch. Auf den Jungen, weil er einen Papa hat, der sich kümmert. Auf den Vater, weil er sich um seinen Sohn kümmern kann. Und auf die Frau, die gar nicht dabei ist, die es aber mit Sicherheit gibt und die ihre große und ihre kleine Liebe später am Tag wieder in die Arme schließen kann. Kleine Lieben habe ich auch, aber die große nicht mehr. Nie mehr. Das piekt. Sehr.

Meine kleinen Lieben hatten einen tollen Tag gestern, sie waren von der Kölner Krebsinitiative eingeladen worden, zum FC-Spiel ins Stadion zu gehen. Sie wurden abgeholt, dort mit Leckereien versorgt und auch wieder nach Hause gebracht. Am Abend hatte ich dann zwei durchgefrorene, aber sehr glückliche Jungs wieder zu Hause. Müßig zu erwähnen, dass sie zu Hoffenheim hielten ;)

- Andrea

8 Kommentare »

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  1. Wo doch Hoffenheim unser Nachbardorf ist ;) – und auch mein Töchterlein natürlich Feuer und Flamme ist und sich diebisch gestern gefreut hat.

    *seufz*, diese Gebühren…. und man kann sich nicht einmal dagegen wehren, leider :(

    Ja, das piekt…. leider immer wieder.

    Ich sende dir liebe Grüße
    Karen mit Krümel Julia

  2. Liebe Andrea,

    trotz Deines Schmerzes schreibst Du immer so wundervolle Geschichten, die einem grundsätzlich die Tränen in den Augen stehen lassen. Dein Humor ist ein ganz Besonderer! Warum solltest Du nicht der Stadt das Tragen und Einlassen der Urne in Rechnung stellen? Es ist wirklich ein Witz, was die Bürokraten so kassieren.

    Du bist wirklich eine warmherzige tolle Person! Ich mag Dich gern trösten, dass Dein Michael jeden Deiner Schritte bewacht, kann es aber nicht. Er ist trotzdem nicht da.

    (((Andrea)))
    Ich drück Dich mal ganz dolle und schicke Dir liebe Grüsse hier aus dem vielen Schnee!

    Und dass Deine Jungs zu Hoffeneim hielten, ist doch klar, oder?

    Liebe Grüsse, Ingrid

  3. Liebe Andrea,

    selbst mit dem Tod wird noch abgezockt *schüttel*. Mir unverständlich. Danke, daß Du mal aufzeigst, was die Stadt so berechnet. Darüber redet ja nie einer.
    Ich habe richtig mit Dir „gelitten“ wie Du die Geschichte mit dem Sohn beschrieben hast.
    Ansgars Papa lebt, aber er hat seit acht Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr. Sie schreiben sich, aber Ansgar hat seither nicht die Liebe körperlich von seinem Vater spüren dürfen durch eine Umarmung, durch Gespräche.
    Ich habe jedoch keine große Liebe erfahren und muß mich diesem Schmerz nicht stellen. ((Andrea))
    Herzlichst, Eva – Maria

  4. Liebe Andrea,

    deine Jungs haben einige Jahre lang ihren Papa haben und lieben dürfen. Das hat ganz bestimmt den Grundstein gelegt, später selbst liebevolle Väter zu werden. Ein großes Erbe, das Michael hinterlassen hat.

    Ansonsten drück ich dich mal ganz lieb.

    Alles Liebe
    Deli

  5. Wer zu dem Thema ein gut recherchiertes Buch lesen möchte:

    „Todsichere Geschäfte“ von Michael Schomers.
    http://www.amazon.de/Todsichere-Gesch%C3%A4fte-Bestatter-Versicherungen-Hinterbliebene/dp/343030038X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1227462238&sr=8-1

    Kann ich nur empfehlen.

  6. Hallo Andrea,
    ja, das Sterben kostet Geld ohne Ende… Das habe ich bei meiner Oma mit Entsetzen festgestellt, als ich die Rechnungen gesehen habe… Soll ich dir was sagen? Ich WÜRDE die der Stadt einen Brief schreiben und die Gegenrechnung stellen… Mal sehen, was sie antworten!
    He, Hoffenheim ist doch klasse! Der Stolz des Kraichgaus (ist bei uns in der Nachbarschaft :-) !).

    Alles Liebe
    Sonja

  7. [...] Sterben ist eine teure Angelegenheit Eingewickelt in den weltallerschönsten Puschelschal (er ist selbstgestrickt, lila, warm, weich, wundervoll und ein [...] [...]

  8. Und da sagt man immer „Nur der Tod ist umsonst“….so ein Blödsinn.
    Das Bezahlen fängt doch schon an bevor ein Mensch geboren wird.

    So ist das reale Leben….

    Nur gut, dass man für seine Gedanken (noch) nichts bezahlen muss.

    ;o)


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