Einfach mal alles vollhassen
20. November 2008 at 21:50 | In Blog | 16 CommentsObwohl ich heute wirklich einen schönen Tag hatte, könnte ich in diesem Augenblick alles vollhassen. Ich hab so viele Dinge vom Tisch gefegt, mit Versicherungen telefoniert, mich wieder mal um unsere Rente gekümmert, Papiere wegsortiert. Und ich war mit dem Hund draußen, mit einem leckeren Kaffee am Baum, und ich habe ein paar Tropfen von meinem Kaffee auf den Baum geträufelt, weil Michael auch so gerne Latte Macchiato mochte. Außerdem waren die Kinder bei meinen Eltern, ich hatte also frei und konnte tun und lassen, was ich wollte. Wunderbar.
Aber irgendetwas schwelt in mir. Eben hörte ich ‘Wo fängt dein Himmel an’ von Philipp Poisel, schaute ein Foto von Michael an und wollte am liebsten laut rumschreien. Geht nicht, die Kinder schlafen. Vielleicht ist das jetzt die Wut, nach der mich meine Psychotherapeutin schon letzte Woche fragte? Wo ich antwortete, ich sei überhaupt nicht wütend, nicht ein fitzelkleines Bisschen. Jetzt bin ich wütend, auf alles und jedes, das mich umgibt. Vielleicht sollte ich zum Ausgleich ein Telefonbuch zerreißen.
Heute am Mittag war ich nicht wütend, eher dachte ich leicht amüsiert darüber nach, einen „Praktischen Leitfaden zum Umgang mit einer frischen Witwe“ zu verfassen. Ich will mich über den Blogkommentar, in dem eine Leserin fragte, wie man es denn nun am besten machen solle, wenn man einem Trauernden begegnet, keineswegs lustig machen. Ich habe wirklich überlegt, was ich dazu schreiben könnte. Und wie der Zufall es so wollte, traf ich Frau S., und sie machte es genau richtig.
Sie ist die Mutter einer Klassenkameradin aus der Grundschule, kennt mich also seit einer halben Ewigkeit, und wir trafen uns vor meiner Haustür. Sie sagte: „Mensch, Andrea, ich habe gehört, was passiert ist. Mein Beileid!“ Und weil sie so offen und so ehrlich war, habe ich sie umarmt, mich bedankt und gesagt, wie alles war und ist. Die Begegnung dauerte ungefähr vier Minuten, aber sie war genau richtig. War nicht schwer, hat auch gar nicht wehgetan. So einfach ist das. Sie hat sich getraut, und leicht ist ihr das nicht gefallen, das konnte ich in ihrem Gesicht lesen. Aber sie tat es, sie ist nicht einfach weitergegangen, was kein Problem gewesen wäre, weil ich mit dem Rücken zu ihr stand und die Tür aufschloss.
Ein Lächeln reicht auch. Es darf gerne ein geknicktes Lächeln sein, und ich kann dann genickt zurücklächeln. Oder fröhlich. Oder etwas sagen. Wie es eben gerade passt.
So, wo ist das Telefonbuch?
- Andrea
16 Kommentare »
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Liebe Andrea,
schön, daß die Mutter Deiner ehemaligen Klassenkameradin sich so verhalten hat.
Ist schon irgendwie traurig, daß viele Menschen sich so komisch verhalten, weil Du Witwe bist.
Ich wünsche Dir mehr Erlebnisse wie mit dieser Mutter.
Herzlichst, Eva – Maria
P.S.: Hast Du es geschafft, daß Telefonbuch zu zerreissen?
Kommentar von Eva-Maria — 20. November 2008 #
Liebe Andrea,
da bin ich aber froh, dass Dich diese Wut nun doch ereilt hat. Die ist wichtig und die ist gesund, sonst landet man nämlich geradewegs in die Depression rein.
Und die wirst Du nicht nur heute, sondern öfters spüren. Laß sie raus und zereiss das Telefonbuch oder was anderes….
Alles Gute Elli
Kommentar von Elli — 20. November 2008 #
Hallo Andrea,
ich hoffe für Dich und den Paketzusteller, dass nicht halb Kölle die Telefonbücher bei euch deponiert. (smile)
Ich kann das Gefühl gut nach vollziehen mit dieser „Wut“ im Bauch, lass sie raus, am besten mit einem leckeren Kaffee am Baum. Brüll ihn an, umarme ihn, lehn dich an, Natur hilft oft die Seele heilen.
Liebe Grüße
Sylvia
Kommentar von Sylvia Wollny — 20. November 2008 #
ich habe eins von düsseldorf, köln, aachen, …
such dir eins auch..
ich denke nicht, dass es eine patentlösung für die behandlung von trauernden gibt. vielleicht auf den bauch hören und die etikette vernachlässigen..
liebe grüße
zö
Kommentar von zö — 20. November 2008 #
Guten Abend Andrea,
sei wütend, schrei ihn an, weine verfluche alles und nichts.
Das haben uns die Südländer voraus, sie können richtig klagen, schreien und jammern.
Du bist eine Südstädterin, versuch es…
Liebe Gedanken und Grüße,
Pamela
Kommentar von Pamela — 20. November 2008 #
Nimm doch die Berliner Telefonbuchausgabe mit Münchner Rathaus auf dem Cover. Dann hast du am Ende auch noch was zum Schmunzeln….
Kommentar von Roland — 21. November 2008 #
huhu Andrea
Der Leitfaden heisst wahrscheinlich Intuition, hm? Ich hab mal das dickste und fetteste Fettnäpfchen im ganzen Hotzenwald erwischt, als ich in einer solchen Situation ein paar liebe und persönliche Worte an eine Nachbarin schrieb.
Ich bin meinem Willen und nicht meinem Gefühl gefolgt. Die wollten das nicht und waren tief angegriffen. Der übliche 2-Zeiler und eine „statt Blumen-Note“ hätte es sein müssen.
Die Trauer um meinem Pa dagegen, holt mich erst jetzt – nach 5 Jahren und durch deinen Michael – ein.
Davor war es stets fröhlich, es war gut, es war richtig, es war in Ordnung. Es war ein geerdetes Gefühl, neben dem langen Abschied grosse Nähe gefunden zu haben, die ein ganzes Leben vorher so sehr vermisst war. Und jetzt kommen die Tränen…puuh
lieber Gruss
Heike
Kommentar von Heike — 21. November 2008 #
Meine Liebe, bestimmt ist die Wut gut
Schön, dass es Leute um Dich gibt, die passend reagieren, die umarmst Du halt einmal öfter!
Ich denk immer an Dich, auch wenn ich wenig schreibe.
(((Tink)))
Bussi
Esther
Kommentar von Esther — 21. November 2008 #
Sehr hilfreich, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann, ist auch das Verdreschen einer Matratze.
Liebe Andrea, diese Wut ist gesund und gut und muß dringend raus. Und wenn dann eben ein Telefonbuch Dein Ventil ist, ist das total in Ordnung.
Viele liebe Grüße,
Katrin
Kommentar von Katrin — 21. November 2008 #
Liebe Andrea,
was soll ich sagen: alles vollkommen lehrbuchmäßig, das mit der Wut.
Ach, Frau, du machst aba auch immer alles richtig ;. Immer? Alles? Na, meistens fast alles.
Schluss mit Bauchpinseln, ich grüß dich und *winker*, denn ich muss nun in die Arbeit. TGIF!
edda.
Kommentar von edda. — 21. November 2008 #
Ich hätte noch zwei Telefonbücher von Berlin anzubieten, die sind ein bißchen dicker und reichen, um viel Wut daran abzuarbeiten
.
Kommentar von dasmiest — 21. November 2008 #
Hallo Andrea,
„auf den Bauch hören und die Etikette vernachlässigen“ finde ich wunderbar. Lass alles „geschehen“ die Wut, die Trauer, auch mal schmunzeln…..
Es dauert immer etwas bis man bereit dazu ist alle Gefühle zuzulassen, ich habe das erlebt und darauf „geschissen“ (sorry) was andere über mich gedacht haben. Ich muss nicht die Erwartungen anderer Leute erfüllen sondern ich muss klar kommen mit dem Erlebten. Und wenn jemand nicht damit klar kommt wie ich damit umgehe soll er wegschauen, die Klappe halten – sich einfach raushalten.
Lieben Gruß
Birgit
Kommentar von Birgit — 21. November 2008 #
ich hätte unser kleines dorftelefonbuch hier – groß genug für eine handtasche. so für unterwegs zum zerreissen…falls mal nötig
(alles gute. von herzen.)
Kommentar von amidelanuit — 21. November 2008 #
zur wut fällt mir was ein.. ich bin auch zwischendurch richtig wütend und was ich dann hasse, ist, wenn mir jemand sagt, dass das eine gute wut ist. ich will keine richtige wut, ich will eine wütende wut, eine ungerechte, zerstörerische wut! und dann sitzt meine therapeutin gegenüber und lächelt und sagt, ja, seien sie mal richtig wütend. und *puff* ist die wut weg *lach*
wer will schon gut wütend sein?? ich hätt gerne, dass dann jemand sagt, dass ich aufhören soll, wütend zu sein, dass meine wut doof ist, DANN könnte ich so wirklich wütend sein!
also: ich find scheiße, dass du wütend bist ! ;o)))
alles liebe
sandra
Kommentar von Sandra — 22. November 2008 #
Ich habe das auch mal erlebt, also – so was ähnliches … Eine ganz furchtbare Geschichte im Bekanntenkreis, bei der ich wohl als eine der wenigen offen gefragt habe, wie es denn nun gehen würde – anstatt die furchtbare Geschichte tot zu schweigen. Und ich merkte richtig, wie froh mein Gegenüber über diese ehrliche Reaktion war.
Kommentar von textelle — 23. November 2008 #
Ein wenig erstaunt war ich, als ich diesen Eintrag nach 4 Tagen Abwesenheit gelesen habe; denn genau gestern habe ich auf der Fahrt nach Hamburg eben auch dieses Lied von Philip Boisel gehört, und einen Moment lang war ich sicherlich nicht mehr auf der Straße mit meinen Gedanken. Ein Lied, dass einen in den Bann zieht, traurig macht, wütend macht, alles macht. Ich werde es auch posten auf meinem blog, „es“ findet einfach die Worte, die man manchmal selber nicht hat.
Alles Gute Dir.
Kommentar von Claudia — 24. November 2008 #