Spurensuche

19. November 2008 at 17:56 | In Blog | 12 Comments

Alle Erlebnisse, die ich vor zwei Tagen hatte und die Kommentare, die dazu kamen, haben mir etwas gezeigt. Fast muss man allen Bekloppten, die mir an diesem Montag persönlich begegneten, dafür dankbar sein, denn sie zeigten mir, worauf es wirklich ankommt, zeigten mir, wie ich eigentlich bin. Vielleicht war es nur die Summe der Ereignisse, die dazu geführt hat, dass mich das alles so geärgert hat.

Meine Haare sind immer noch scheiße und ich kann gut damit leben, denn sie sind es auch, wenn ich nicht gerade Witwe geworden bin. Ich mag mich trotzdem. Avancen von widerlichen Handwerkern blocke ich für gewöhnlich mit den passenden Worten ab. Beim nächsten Versuch dann. Und wenn ich noch mal auf *zosch*-Damen treffe, werde ich sie anlächeln, denn das ist doch immer noch die beste Art, jemandem die Zähne zu zeigen.

Ein Kommentar, der zu dem Eintrag kam, hat mir am besten gefallen: „Warum soll ICH mir in dieser Situation noch ein dickes Fell zulegen, damit andere sich in meiner Gesellschaft wohlfühlen können?“ Genau so ist es doch. ICH habe schließlich meinen Mann verloren, das ist schlimm und doof genug, da muss ich mich nicht auch noch um die Belange und die Befindlichkeiten anderer Menschen kümmern. Recht so, weitermachen!

Heute war ich auf Spurensuche. Ohne jede Absicht, es ergab sich einfach so. Bei uns gegenüber ist ein Internetcafé, in dem Michael oft war und dessen Inhaber ein sehr netter Mensch ist. Ich ging vorbei, war schon ein paar Schritte an dem Laden vorbei gelaufen und ging wieder zurück. Betrat das Café und erzählte, was passiert war. Und der Inhaber erzählte, wie er Michael kennengelernt hatte, wie er auf ihn gewirkt hat. In diesem Gespräch fiel mir wieder das spanische Café ein, wo es ja genau so war. Die Leute dort kannten Michael viel besser als die Kinder und mich, weil er eben öfter dort war. Es ist ein schönes Gefühl, dass ich an Punkte gehen kann, wo die Menschen Michael kannten und die etwas über ihn zu berichten wissen. Auch das Gespräch mit unserer Hausärztin am Abend vor der Schief war so eine Spurensuche. Ein Spurenfinden eher, denn sie erzählte Dinge über Michaels Wesen, die mir bis dato unbekannt waren.

Später gönnte ich mir einen Kaffee beim Bäcker um die Ecke. Ich saß draußen und las – natürlich – die Todesanzeigen in der Tageszeitung, als mir auffiel, dass wir an diesem Platz gesessen hatten, im Juli, und dort hatten wir unseren letzten Streit. Danach gab es keinen mehr, weil für Streit in der Situation, die folgte, kein Raum mehr war. Sich ein Bewusstsein zu schaffen für Dinge, auch für Dinge, über die man nicht gerne nachdenkt, weil sie unangenehm sind, das ist ganz wichtig für mich. Ich konnte glücklich lächelnd nach Hause gehen.

- Andrea

12 Kommentare »

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  1. Liebe Andrea,

    ich habe mir die Kommentare vom letzten Eintrag nochmal durchgelesen.

    Du hast Recht, in vielen – wohl auch in meinem (sorry) – bitten die Schreiber um Verständnis für das doofe Verhalten Deiner Mitmenschen um Dich herum.

    Und es ist wahr, Du solltest Dir kein dickes Fell aneignen. Zähne zeigen ist gut.

    Michael begegnet Dir regelmäßig, schaut von oben runter, läßt Dich sogar neue Dinge erfahren von Menschen, die ihn häufig gesehen haben. Diese Spurensuche ist was besonderes.

    Herzlichst, Eva – Maria

  2. hi andrea,
    hierzu fällt mir folgendes ein.
    ich weiss nicht, ob du dich noch erinnerst, dass ich dir das mal erzählt habe!
    irgendwann erzählte mir meine schwiegermutter, die ja auch in der südstadt wohnt, dass morgens immer ein mann mit seinen zwei kindern zu hütten frühstücken kommt, und dass das immer so nett aussieht.
    irgendwann konnte ich dann die verbindung ziehen.
    lass dich auf jeden fall nicht von den anderen ärgern, du machst das schon richtig!
    doofe menschen gibt es überall, auch hier laufen genügend davon rum!
    versuche euch am wochenende etwas wärme zu schicken, denn es soll ja ziemlich kalt werden bei euch.
    einen lieben gruss yvi

  3. Hallo Andrea,

    ich hab Dir das „dicke Fell“ empfohlen, damit es Dich wärmt und schützt, nicht, damit Dich es den Leuten leichter fällt, Dich zu streicheln ;) Zähne zeigen gehört also wohl irgendwie auch zum Bild ;)
    Ich mag Hunde sehr gern, drum nimm mir das Bild bitte nicht übel. Bin auch ganz schnell wieder still und freue mich einfach, dass Du so schöne Spuren gefunden hast.
    Viele Grüße,
    Eva

  4. Hallo.
    vor 2 stunden bin ich über dieses Blog gestolpert. Ich begann mit dem *zosch*- Eintrag, weil dieser verlinkt war. dann habe ich den allerersten Eintrag gelesen und alle weiteren bin zum heutigen. Oft hatte ich Tränen in den Augen, obwohl ich täglich mit sterbenden, leidenden Menschen zu tun habe. Deren Schicksale sind trotz der physischen Nähe so viel weniger emotional.
    Vielen Dank für diesen Einblick. Ich wünsche Ihnen sehr viel Kraft für die kommende Zeit und finde es großartig, wie Sie die Situation meistern. Seien Sie stolz auf sich.

    Alles Liebe.

  5. Hallo,
    ich bin ebenfalls erst gestern über diesen Blog gestolpert.
    Ich las den gestrigen Eintrag… stolperte über „Witwe“?!… und fing dann an, den Blog von hinten nach vorne zu lesen.
    Es hat mich umgehauen: dieser Kampf, diese Zuversicht, diese Ehrlichkeit, dieser Mann und natürlich auch diese Frau. ;-) Beinahe hätte ich vergessen, meine Tochter vom Kiga abzuholen.
    Was mich besondes beeindruckt, sind Ihre Freunde, mensch, Andrea, darüber können Sie sich wirklich wirklich freuen, so ein tolles Umfeld zu haben!
    Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute und ich werde sicherlich noch öfter hier reinschauen, nicht zuletzt wegen Ihres brillianten Schreibstiles und Ihrer sympatischen Art, weniger aus Voyeurismus…
    - Wiebke

  6. Hallo Andrea,

    genau ein dickes Fell brauchst du nur für die warmen Ohren im Winter und sonst nichts – Basta! =)

    Für viele Menschen stellt es ein Problem dar, jemanden in einer Außnahmesituation normal zu behandeln.

    Vielleicht haben die Leute auch einfach nur Angst etwas dummes zu sagen oder sie werden sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewußt und dass schürt zusätzlich Ängste ……………………. natürlich ist das nicht dein Problem, sondern das der anderen!

    Du hast selbst genug Dinge die du verarbeiten musst, da können dir die inneren Ängste der anderen in diesem Moment egal sein!

    Ich finde du gehst einen guten Weg und bin froh, dass du viele liebe Menschen um dich hast, die dir beistehen.

    Übrigens musste ich über den Ausspruch „Ich bin attraktiv, aber mit scheiß Haaren“ wirklich lachen, zeigt es doch, dass du deinen Humor nicht verloren hast. Humor war schon immer ein stärkendes Mittel, auch wenns uns noch so dreckig geht.

    Liebe Grüße
    Jen

  7. Hallo Andrea,

    schön, dass es sich bei dir/euch immer wieder schnell zum Guten wendet.

    Dennoch glaube ich, dass es nicht nur die „Anderen“ sind, die nicht wissen wie sie sich verhalten sollen, wofür ich durchaus auch Verständnis habe, und da spreche ich aus eigener Erfahrung. Es gibt aber auch „Witwen“, die gar nicht angesprochen werden wollen in der ersten Zeit, weder so noch so, die sich erst einmal hinter ihrem aufzubauenden dicken Fell verschanzen und erst dann wieder hervortreten, wenn sie soweit sind und dann gestärkt sich all diesen Situationen stellen können. Wann das ist, das ist doch sehr, sehr unterschiedlich.

    Woher sollen die „Anderen“ wissen, wie es wer denn gern hätte. Auch sind leider die meisten Menschen nicht feinsinnig genug, Zeichen zu erkennen, und dann – so wie du schreibst, wie du selbst bist – zu wissen, wann man was sagt und wann man die Klappe hält.

    Schreib doch bitte einmal, wie es deinen Kindern geht.

    In diesem Sinne liebe Grüße

    Cosima

  8. Liebe Andrea,

    konnte die letzten Tage nicht lesen, weil ich im Stress untergegangen war.
    Wollte Dir nur schreiben, dass es so schön ist von Dir zu lesen und Dir danken. Dein Blog gibt mir sehr viel.
    Ich denke oft an Euch.
    Lieben Gruß
    Karin

  9. Liebe Andrea,

    ich stimme Dir völlig zu, dass man sich als „Betroffener“ nicht auch noch ein „dickes Fell“ zulegen muß – man hat schon genug Last zu tragen, sollen doch die anderen, Nicht-Betroffenen sich überlegen, wie man mit einem Betroffenen umgeht, und sich ein bißchen Mühe geben, und einem ein bisserl Last abnehmen.

    Ich glaube auch, dass die meisten Menschen das sehr gerne für einen Betroffenen tun würden. Nur – und das ist auch mein Problem – was sage ich, wie verhalte ich mich?

    Wenn ich sage „ich kann so gut verstehen, wie Du Dich fühlst“, verletze ich dann, weil „Du hast ja überhaupt keine Ahnung, schließlich habe *ich* einen engen Angehörigen verloren und nicht *Du*?“

    Wenn ich sage „wie geht es Dir?“, verletze ich dann, weil „Wie soll’s mir schon gehen, dumme Frage, besch*en natürlich!“

    Wenn ich sage „als damals meine Mutter starb …“, will man sowas als Betroffener in dieser Situation überhaupt hören?

    Wenn ich vor lauter Verlegenheit einfach ein Alltagsthema anspreche, nur um nicht zu schweigen, bin ich dann nicht zu ignorant?

    Wenn ich erzähle, was für ein wunderbarer Mensch der Verstorbene doch war, und was für ein Mist es ist, dass er jetzt nicht mehr da ist, und wenn das dann auf offener Straße zu Tränen führt, ist das dann für den Betroffenen nicht vielleicht sogar unangenehmer, als wenn ich einfach den Mund gehalten hätte?

    Man überlegt, was man sagen könnte, findet aber auf die Schnelle nur Dinge, die auch nach hinten losgehen könnte. Kein Wunder, dass viele aus lauter Verlegenheit den Betroffenen lieber „übersehen“ – Fettnäpfchen-Hürdenlauf würde ich das mal nennen… Sie meinen es nicht böse, es ist Verlegenheit, Unwissenheit…

    Vielleicht kannst Du ein paar Tipps geben, was man Deiner Meinung nach sagen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass man jemanden auf die Füße tritt oder unangenehm berührt. Mir ist klar, jeder reagiert da anders, und was für den einen Betroffenen ok ist, das ist für den nächsten nicht ok, aber vielleicht läßt sich ja was finden, das man fast allen Betroffenen sagen kann, wenn man ihnen begegnet, ohne dabei zu verletzen und ohne dabei unnötig auf die in der Öffentlichkeit eventuell sehr unerwünschte Tränendrüse zu drücken…? Ich glaube, da könnte nicht nur ich, sondern auch einige Mitleser noch was lernen.

    Wie wäre es mit „Ich habe gehört, was Du gerade durchmachst, und möchte Dir anbieten, dass Du Dich bitte einfach meldest, wenn ich irgendwas für Dich tun kann, oder wenn Du einfach nur mal jemanden zum zuhören oder reden brauchst.“ Wenn man das aber zu jemanden sagt, den man eigentlich nur vom Sehen kennt, kommt das doch auch bescheuert…

    Oder wie käme bei entfernten Bekannten ein Standard-Beileid, und im Anschluß daran einfach wieder „normale Themen“ – Normalität eben? Ist das angemessen, oder zu ignorant? Zumindest besser als die andere Strassenseite, oder…?

    Wie kommt bei jemandem, den man nur vom Sehen kennt, und von dessen Schicksalsschlag man nur zufällig erfahren hat, einfach nur ein normales „Grüß Gott“ oder „Hallo“, eben so wie vor dem Schicksalsschlag auch? Einfach weil es „seltsam“ wäre, den Betroffenen im Vorbeigehen „anzuhalten“, um ein Beileid auszusprechen, wenn man doch früher auch nur einfach „Grüß Gott“ gesagt hat?

    Ja, man zermartert sich als Nicht-Betroffener durchaus das Gehirn, und weil man solche Situationen eigentlich doch eher selten hat, ist es einfach schwierig, angemessen zu reagieren.

    Liebe Grüße,

    Angela (unbekannterweise)

  10. Liebste Deda,

    war ein schöner Morgen bei Dir. Grüss mir nochmal die Jungs ganz lieb!
    Lass´Dich bitte nicht als Freudscher Berater in allen Lebenslagen vor die Karre spannen. Die Leute sollten wissen, wie sie sich zu verhalten haben; nämlich natürlich. Und wenn sie das nicht können, brauchen sie Dich nur in Ruhe zu lassen.

    Pass´auf Dich auf,
    un losse schwade,
    Annnie

  11. Hallo Andrea,

    ich lese seit Monaten still Deinen Blog – meistens doch sehr bedrückt angesichts der Erlebnisse und Erfahrungen, aber immer beeindruckt von der Stärke, die aus all Deinen Zeilen spricht.

    Du hast mich gelehrt, einige Dinge auf dieser Welt mit anderen (Deinen?) Augen zu sehen. Ich möchte Dir einfach mal danken für Deine Offenheit – danken dafür, daß Du in dieser Form andere, viele wildfremde Menschen teilhaben läßt.

    Ich wünschte mir, es gäbe mehr Menschen, die so klar sind wie Du es bist. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Gute für Deine Zukunft und die Deiner beiden Jungs. Und ja – ich würde das Ganze gern als Buch auf meinem Nachttisch haben, und ich würde es sicher oft zur Hand nehmen und wieder und wieder lesen, mit Dir lachen und weinen.

    Gruss

    Christine

  12. Liebe Andrea,

    “Warum soll ICH mir in dieser Situation noch ein dickes Fell zulegen, damit andere sich in meiner Gesellschaft wohlfühlen können?” Genau so ist es doch.

    Ja, so ist es!
    Allen, die Verständnis für diejenigen einfordern oder zumindest anmahnen, die damit überfordert sind, auf einen trauernden Menschen zuzugehen, sei folgende simple Frage gestellt: Was, um Himmels Willen, ist so schwer daran, einen Menschen zu fragen, wie es ihm geht? Was ist so schwer daran, zu sagen „Es tut mir leid.“?

    Mehr verlange ich gar nicht, und mehr verlangst du sicher auch nicht, Andrea.

    Es müssen doch überhaupt nicht die „richtigen“ Worte sein. (Was sind schon die richtigen?) Aber ist es zuviel verlangt, von seiner Umwelt zu erwarten, dass wenigstens zur Kenntnis genommen wird, dass etwas Schreckliches passiert ist? Das ist doch das Wenigste!

    Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht: Nach dem Tod meiner Mutter gab es gottseidank eine sehr große und warmherzige Anteilnahme.
    Aber es gab sie auch, die Unfähigen, die Gefühlskrüppel – ja, sorry, ich muss das so hart sagen: Leute, die es nicht fertigbrachten, auch nur irgend etwas zu sagen. Da war die Frau im Kindergarten, die ich jeden verdammten Tag traf. Und sie bringt es nicht fertig, wenigstens zu sagen, dass es ihr leid tut.
    Wo, bitteschön, soll man mit solchen Leuten weitermachen?

    Ich habe radikal aussortiert. Leute, die es nicht auf die Kette kriegen, anzuerkennen, dass ich einen geliebten Menschen verloren habe, die können mich grad mal gerne haben.

    Wie gesagt: Ich möchte gar nicht, dass mir irgendwelche elaborierten Trauersprüche entgegengeschmettert werden. Ich habe überhaupt keine konkreten Erwartungen, was jemand sagen soll. Aber es soll wenigstens zur Kenntnis genommen werden, dass ein Mensch gestorben ist, ein Mensch, den ich sehr geliebt habe.

    Und insofern kann ich deine Gefühle absolut verstehen, Andrea – zumal der Verlust des Ehemannes, also des Menschen, mit dem man gelebt hat, mit dem man sein Leben geteilt hat, ungleich schwerer zu verkraften, ungleich existentieller ist als der Tod der Mutter.

    Liebe Grüße
    Anja


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