Auf dem Südgottfried

16. November 2008 at 21:35 | In Blog | 15 Comments

Heute war ich zum ersten Mal seit der Beisetzung auf dem Friedhof (mein Vater nennt ihn ‘Südgottfried’, keine Ahnung wieso, aber ich mag es). Graciella fuhr mit, wir hatten es bei unserem Mädchenabend am Donnerstag so abgesprochen.

Zuerst besuchten wir das Grab ihrer Eltern, es ist ganz in der Nähe von Michaels Grab. Auf dem Weg dorthin fielen mir Momente vom Tag der Urnenbeisetzung ein. Die Trauergesellschaft, die gerade von einer Beisetzung zurückkam und die uns auf dem Hauptweg begegnete. Wie ich kurz dachte, was die Leute wohl gerade denken, wenn sie uns hier mit der Urne im Arm langlaufen sehen. Das Ehepaar, das unseren Trauerzug einfach überholte und sich zwischen dem Friedhofsangestellten und uns in den Weg einreihte, nur um von dem Friedhofsmenschen dafür angemeckert zu werden. Mit Recht, denn wenn schon Konvention, dann aber bitte richtig. Ich hätte so etwas im Leben nicht gemacht, weil es respektlos ist. Und wieder, wie wir zu Anfang viel zu schnell gegangen waren.

Wir erreichten das Grab von Graciellas Eltern. Sie stellte eine Kerze, die man – inklusive Feuerzeug, wie praktisch – am Automaten am Eingang ziehen kann, in die Laterne und wir befreiten die Steinplatte von abgefallenen Nadeln und Blättern.

Wir gingen auch auf die anliegende Flur mit den Kindergräbern. Viele der Gräber waren schön gestaltet, aber einige auch sehr vernachlässigt. Ich fragte mich, ob es großer Schmerz oder große Gleichgültigkeit ist, die die Eltern bewegt, das Grab nicht zu pflegen.

Auch wenn ich die Konventionen auf Friedhöfen nicht mag, so mag ich doch keine ungepflegten Gräber. Allein deswegen habe ich für Michael eine ‘pflegefreie’ Grabstelle gewählt, auf die man Blumen stellen kann, wenn man denn möchte, aber bei der keine Hecken oder sonstiges Gestrüpp das Grab überwuchern werden.

Als wir Michaels Grab erreichten, waren meine Eltern schon dort. Wir hatten uns dort verabredet, um gemeinsam mit dem Auto zurückzufahren. Meine Mutter pusselte am Sandhügel herum, zupfte Laub weg, richtete die paar Blümchen, die noch von der Beisetzung im Hügel steckten und ich fragte mich kurz, ob ich darüber nun sauer sein sollte, weil das doch eigentlich mein Job wäre, wenn ich denn schon mal dorthin gehe. Ich entschied mich dagegen.

Ich blieb kurz am Grab stehen, freute mich darüber, wie schön seine Holztafel im Gegensatz zu den sonst dort zu findenden Holzkreuzen ist und merkte, dass Zwiesprache nicht möglich war. Ich ging dann über das Gräberfeld, um mir die anderen Grabsteine anzugucken. War ich bis dato noch davon überzeugt, dass es ein massiver abgeschrägter Stein werden sollte, so kam ich jetzt ganz schnell davon ab. Auf zwei Gräbern waren schlichte, aber schöne Steinplatten aufgelegt, eine trug ein Messingschild mit dem Namen der Verstorbenen, bei der anderen war der Name eingraviert. Auf solchen Steinplatten hat man aufgrund des begrenzten Raums der Grabstelle auf jeden Fall die besten Möglichkeiten, etwas zu gestalten oder aufzustellen (immer davon ausgehend, dass die Sachen auch gestohlen werden können, denn befestigen darf man dort außer dem Stein nichts).

Und wenn kein Stein, sondern nur eine Platte auf dem Grab sein wird, so wird es vor allem die Möglichkeit geben, eine von Michaels Ideen umzusetzen: Er wollte einen Briefkasten auf seinem Grab haben, wo jeder, der möchte, eine Nachricht auf Papier hinterlassen kann. Ob es wohl Schatullen aus schwerem Stein gibt?

- Andrea

15 Kommentare »

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  1. andrea,

    ein steinmetz fertigt dir sicher eine solche schatulle an.

    sicher kannst du mit ihm zusammen michaels idee verwirklichen.

    mit einem abschließbaren deckel, damit kein witzbold die schatulle ausräumt.
    manche leute können ja leider alles brauchen…

    vg, petra

  2. Ein Briefkasten auf einem Grab, wieder so eine wunderbare Idee. Ich hoffe ich merke sie mir.

  3. Liebe Andrea,

    was für ein Schritt! Du warst auf dem Südgottfried (tut mir leid, ich muß schmunzeln bei dem Namen – vielleicht lag das im Sinne des Namenerfinders).
    Zu manchen Leute (wie z.B. dem Ehepaar) fällt mir echt nichts mehr ein. Die haben ja echt Nerven! Aber auch daß Menschen auf dem Friehof stehlen – ich kann da auch nur den Kopf schütteln.
    Ich bin mir sicher, daß Du einen schönen Grabstein für Michael aussuchen wirst. Und die Idee mit der Schatulle finde ich einzigartig – und das paßt doch wieder ins Runde ….
    Liebe Grüße, Eva – Maria

  4. Liebe Andrea,
    ich finde die Schatulle eine schöne Idee. Als ich gestern auf dem Friedhof war, habe ich so wunderschöne Ideen gesehen.Unter anderem eine Steinplatte auf einem Urnengrab, wo ein kleiner Spalt in der Mitte offen ist, wo Blumen gepflanzt waren. Ein Lichtblick im Stein
    VG
    Sarah

  5. liebe andrea,

    ja, es gibt briefkästen aus stein;
    auf dem grab meiner menschen steht so einer und heißt *sehnsuchtspost*.
    ich finde es eine sehr schöne idee.

    ganz lieber gruz,
    carmen

  6. Es muß weder tiefer Schmerz noch Gleichgültigkeit sein. Manchen Leuten sagen Gräber eben nichts, sie finden ihre Angehörigen dort nicht wieder. Oder sie wohnen inzwischen ganz woanders, oder sind der Grabpflege körperlich nicht gewachsen, oder, oder, oder… Das Grab meiner Mutter war auch für meinen Vater und mich kein Heiligtum und kein Ort der Besinnung, sondern lediglich eine verwaltungstechnische Notwendigkeit. Sonst nichts. Wir waren beide froh, als es dieses Jahr im Frühjahr endlich „abgelaufen“ war.

  7. Schön solche „guten“ Einträge von den letzten Tagen zu lesen.
    Die Idee mit dem Briefkasten finde ich sehr schön und ich hoffe sehr, dass sie sich verwirklichen lässt.
    -T

  8. liebe Grüße an Dich und die Kinder..

    Zwiesprache kann ich mit meinen Lieben auf dem Friedhof nur führen, wenn ich allein ans Grab gehe.
    Nicht, wenn ich dort in Gesellschaft bin.

    …. Lesegast: Christel

  9. eine überaus interessante idee mit diesem briefkasten. ich denke auch, entweder gibt es sie fertig oder eben ein steinmetz fertigt einen an.

  10. hallo andrea,

    die idee mit dem postkasten ist sehr schön :o )

    meine tante lässt auch gerade einen grabstein für meinen onkel fertigen, es wird eine skulptur sein, die

  11. upps, entschuduldigung.

    diese skulptur wird meinen onkel darstellen, in einer für ihn typischen pose.

    sie iwrd aus marmor sein und unser steinmetz hat uns dafür einen bildhauer in italien vermittelt.

    also, ich denke du kannst diesen briefkasten auf jeden fall bei einem steinmetz machen lassen.

    viele grüßse sendet,
    jelena

  12. Ich weiß es nicht was es ist, wenn man ein Grab nicht pflegt. ES ist vielleicht auch ganz große Nüchternheit. Eine eigene Totenstarre oder Schock, der sich da nicht erkannt wenig bis gar nicht auflöst. Da unten sind meine Toten nicht. Sie sind um mich herum und ich darf mich an sie erinnern und noch einmal an meine Trauer, wenn ich lese und auch schreibe.
    Die Lebenden sind wichtiger, war immer meine Devise und die meiner Mutter auch. Das wir darüber die Beziehung zu uns selbst verloren haben, habe ich hier deutlich erkennen können.
    Geteiltes Leid ist halbes Leid.

  13. Im jüdischen Glauben, legen die Besucher der Grabstätten einen Stein auf das Grab. Das finde ich einen sehr schönen Brauch.
    Auch die Idee mit dem Briefkasten finde ich sehr schön.
    Wenn ich das für mich überdenke, dann hätte ich damit kein Problem, wenn sich Menschen Briefe anderer nehmen. Ganz im Gegenteil, es kann ihnen helfen zu sehen, wie andere Trauerarbeit leisten, oder Gedanken an geliebte Menschen niederschreiben. So ganz nach dem Prinzip: Lass einen Brief da, oder nimm dir einen.

  14. Liebe Andrea,

    die Schatullenidee finde ich richtig gut. Erkundige Dich nur vorher bei der Friedhofsverwaltung, was genau erlaubt ist.

    Zum „Nichtpflegen“ von Gräbern: Ich habe das Grab meines Kindes lange nur sehr ungerne gepflegt, und nach 6 Jahren haben mit mit Absprache des Amtes das Grab flachgemacht und Gras eingesät.

    Mir war es damals wichtig, dass ich wusste, wo mein Kind beerdigt ist. aber nicht mehr und nicht weniger.

    Die Erinnerung habe ich bei mir.

    Liebe Grüße von Birgit

  15. briefkasten – michael, was für eine wunderbare idee!

    ich brach(/breche bei jedem besuch) in finnland mit allen konventionen, als ich ein glas lieblingssekt/wein ans grab stellte. die blicke kannst du dir vorstellen ;)

    bei den folgebesuchen trinke ich auch eins mit – mein gott, sind das sososo schöne momente!


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