Vier Samstage

15. November 2008 at 12:50 | In Blog | 8 Comments

Heute ist der vierte Samstag ohne Michael. Ob die Zeit zwischen Freitag Abend und Samstag Abend für uns immer eine Bedeutung haben wird? Schon in den Wochen vor seinem Tod war diese Zeit etwas besonderes, weil wir uns dann mit den Freunden trafen und für diese Zeit auch die Party geplant hatten, die dann nicht mehr stattfand. Es ist eine besondere Zeit und ich wünsche mir, dass sie besonders bleibt.

Gestern haben wir zusammen mit Moni, Willi, Marliese und Klaus gekocht. Meine Schwiegermutter hatte uns Geld gegeben, damit wir zusammen einen schönen Abend haben können. Es gab leckerstes Essen, guten Wein und viel Gespräch. Es war schön, auch mal über Dinge aus der Außenwelt zu reden, aber wir sprachen auch ganz viel über Michael, über den Verlauf seiner Krankheit, über die Zeit der Diagnose und über die Reaktionen, die das bei allen ausgelöst hat.

Später legten wir Cat Stevens auf, sangen das Lied laut mit und es lief dann weiter in Dauerschleife, leiser wohl, aber immer noch laut genug, dass man die ein oder andere Zeile mitsingen konnte. Wir saßen bei Kerzenlicht am Tisch, die Stimmung war schön und es war viel Wärme da.

Und genau in diesem Moment spürte ich, dass Michael da war. Er war bei uns, in uns, hinter mir, überall in der Küche. Ich fühlte das später noch einmal, als wir vorne in der Küche standen und uns verabschiedeten. Ein unbeschreibliches Gefühl, schön auf jeden Fall und sehr sehr warm. Nah, obwohl er weg ist. Ich freute mich unheimlich. Jetzt, wo ich es aufschreibe, kommen mir die Tränen. Es sind glückliche Tränen, keine traurigen.

Am Abend vorher hatte Graciella mich noch gefragt, ob ich fühle, dass er hier ist. Ich verneinte das, weil ich das Gefühl bis gestern Abend einfach nicht hatte.

Heute, an diesem vierten Samstag, gehe ich mit den Kindern zum Baum. Wir wissen, dass es sieben Tage dauert, bis das, was wir von Michael in die Erde gegeben haben, in den Baum übergegangen sein würde. Ob wir ihn heute mit anderen Augen betrachten werden? Umarmen ist jetzt auf jeden Fall noch besser als vorher.

- Andrea

8 Kommentare »

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  1. Hallo,
    ich les jetzt schon ne lange Zeit mit und wußte nie wirklich was ich schreiben sollte!
    Aber jetzt … Ich find es richtig schön, dass du Michael gespürt hast! Das wird dir bestimmt noch einigemale so gehen! Und ich hab es gewußt, dass dieser Tag kommt an dem du ihn ganz deutlich spürst! Genieß es!
    Ich wünsch dir und den Jungs einen schönen Tag und weiterhin viel Kraft!
    Liebe Grüße
    Martina

  2. Liebe Andrea,
    oh ist das schön zu lesen! Du kannst spüren dass er da ist.
    Ich freu mich sehr für Dich!
    Und ich hab mich heut total gefreut, dass Dein Schaugarten wieder dabei ist :-) ))
    Liebe Grüße
    Bettina

  3. „und genau in diesem Moment spürte ich, dass Michael da war. Er war bei uns, in uns, hinter mir, überall in der Küche. Ich fühlte das später noch einmal, als wir vorne in der Küche standen und uns verabschiedeten. Ein unbeschreibliches Gefühl, schön auf jeden Fall und sehr sehr warm…“

    Genau das meinte ich. Schön, dass er bei dir ist.

    Alles Liebe

    Otto

  4. Ich war mal in Kalifornien im Sequoia-National-Park. Ganz früh morgens im November und habe diese wahrlichen Riesen, die Riesen Mammut-Bäume, umarmt.
    Da war, da ist so viel Kraft zu spüren (gewesen).
    Und so viele davon – es war wirklich wie in einer Kathedrale, wie es schon lange vorher jemand beschrieben hatte.
    Ich finde es passt alles so gut – ist eben rund.
    Ein schöner, weiser, kraftvoller Platz den ihr Michael gegeben habt. So kraftvoll wir auch ihr seid, wie eure Beziehung war und ist und immer sein wird.
    Und dann kann man auch noch immer hingehen und ihn und alles umarmen. Sich trösten lassen, Kraft geben lassen, erinnern. All das eben.
    So schön das Bild.

    Hermann Hesse hat ja ein ganzes Buch über Bäume geschrieben – kennst du das?
    Hier ist eines der Gedichte daraus:

    Der Blütenzweig

    Immer hin und wider
    Strebt der Blüzenzweig im Winde,
    Immer auf und nieder
    Strebt mein Herz gleich einem Kinde
    Zwischen hellen, dunklen Tagen,
    Zwischen Wollen und Entsagen.

    Bis die Blüten sind verweht
    Und der Zweig in Früchten steht,
    Bis das Herz, der Kindheit satt,
    Seine Ruhe hat
    Und bekennt: voll Lust und nicht vergebens
    War das unruhvolle Spiel des Lebens.

    Liebe Andrea, mögen dich und deine Jungs weiterhin viele kraftvolle Momente begleiten und stärken.

  5. Ach wie schön, ich wusste es, dass Du Michael irgendwann spürst :-) ))

    Liebe Grüße

    Dago *quatscht immer mit dem Opa*

  6. Ja auch ich habe Dir gewünscht, dass Du es bald einmal spürst.

    Das ist das was, die Apostel auch an Ostern erlebt haben.

    Leider wurden aus den Kirchen dieses Gespür für so etwas vertrieben wurde.

  7. Liebe Andrea,

    mir fuhr gerade ein wohliger Schauer über den Rücken wie ich Deine Zeilen las.
    Wie schön für Dich.
    Michael ist da.
    Herzlichst, Eva – Maria

  8. …denn wir bestehen aus Energie, werden zu Energie und werden immer Energie bleiden, auch wenn wir augenscheinlich sterben. Und JA, Energie, die spuert man genauso, wie Du es beschreibst:)

    Und ich freu mich schon auf Dein Buch, mit dem Du Dir dann Dein Medizin-Studium finanzieren kannst. Und irgendwann wuerd’ ich gerne mal wieder meine Vorweihnachtszeit in Koeln verbringen und Dich dann auf einen Gluehwein einladen. Dauert noch ein paar Jahre… aber vielleicht nach dem 2. Staatsexamen :) )))) vielleicht unter dem Baum ???

    lg
    Thaimo


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