Ein Geburtstag der besonderen Art
29. November 2008 at 11:58 | In Blog | 26 Comments11:52 Uhr
Da ist er also, der zweite Tag der ‘Ersten-Male-Tage’.
Michael wäre heute 47 Jahre alt geworden, und zumindest ich habe letztes Jahr nicht darüber nachgedacht, dass jene Geburtstagsfeier die letzte sein würde, die wir mit ihm zusammen feiern. Aber wir feiern ja trotzdem, und ich wünsche mir, dass er bei uns sein wird, später am Baum oder heute Abend in der Küche.
Am Morgen gab es zwar viele Leute im Bett, so wie sonst an den Geburtstagsmorgen, aber der, der die Geschenke bekommen hätte, war heute nicht dabei. Wir haben trotzdem ein Geburtstagslied gesungen und versucht, uns an den Geburtstag im letzten Jahr zu erinnern.
Ich werde jetzt das Essen für die Feier vorbereiten. Der Blogeintrag wird später fortgeführt.
***
Wenn ich von etwas noch mindestens sechs Wochen lang zehren kann, dann ist das diese Party. Es war so fantastisch, dass es eigentlich kaum Worte gibt, um alles zu beschreiben.
Nachdem ich das Essen vorbereitet, den Tisch eingedeckt und alles, was an Kerzenhaltern in dieser Wohnung zu finden ist, bestückt hatte, machten wir uns auf den Weg zum Baum. Trafen alle Freunde und zogen gemeinsam durch den Park. Dort angekommen gab es natürlich wieder Musik und natürlich wieder Ramazotti aus den Medizingläschen und natürlich haben wir gesungen, auch ‘Happy Birthday’. Wir waren erst nach vier Uhr dort und blieben bis zur Dämmerung. Bäume kann man umarmen, sagte ich das je?
Wir gingen dann zu uns nach Hause, sammelten unterwegs noch die liebe Anne ein, mit der Michael vor unserer gemeinsamen Zeit zusammen war, und es trudelten noch mehr Gäste ein. Binnen kurzer Zeit war die Küche rappelvoll, es war wunderschön warm von all den Kerzen und die Stimmung war so schön. Die Kinder, die sich auch Gäste eingeladen hatten, tobten durch die Wohnung. Wir aßen das beste Essen und tranken den leckersten Rotwein.
Es gab auch Geschenke. Jens und sein Sohn brachten zwei weiße Rosen mit und der Kleine hatte beim Bäcker extra ein Butterhörnchen geordert und außerdem ein Bild für Michael gemalt, der sich freuen soll, auch wenn er in die Wolken gestiegen ist. Man muss dieses Kind einfach lieben. Alles das lag und liegt auf dem Flügel.
Später am Abend versammelten wir uns am Flügel, wo Jens und Alpin spielten und sangen, und wer wollte, der sang mit. Ob’s der ganze Wein war, oder ob es das Klavierspiel war, oder ob es das Schoofe an sich war, ich weiß es nicht, aber ich weinte. Weil alles so toll war. Und weil alles so blöd war ohne Michael, der diese Feier mindestens genau so großartig gefunden hätte.
Wir feierten für eine gefühlte Ewigkeit. Es war die allerbeste Geburtstagsparty der Welt.
- Andrea
Die Witfrau
27. November 2008 at 19:03 | In Blog | 11 CommentsMeine Uroma sagte immer: ‘Isch ben jo och ald lang en Witfrau.’ Sie sagte das nicht ohne einen gewissen Stolz, war sie doch lange mit ihrem ‘Schäng’ verheiratet. Und fast genau so lange war sie Witfrau, denn sie wurde 99 Jahre alt. Witfrau gefällt mir fast ein bisschen besser als Witwe, und trotzdem machte ich mich auf die Suche nach dem Ursprung dieses Wortes. Es kommt von dem althochdeutschen Wort ‘wituwa’ und das bedeutet ‘die (ihres Mannes) Beraubte’. Na, wenn das nicht passt.
Neulich wurde ich gefragt, wie lange man denn wohl in dem Status ‘Witwe’ verharre. Ich sagte, dass ich das nicht wisse, aber vermute, es bleibe so, bis man jemals wieder heirate. Ich werde jedenfalls niemals sagen, dass ich ‘ledig’ bin. ‘Alleinerziehend’ reicht ja schon. Nichts gegen Alleinerziehende, aber in dem Geschäft bin ich neu, und gewöhnt habe ich mich daran noch nicht.
Heute begegnete ich auf der Straße einer alten Dame, sie war ganz in schwarz gekleidet bis runter zu den Strümpfen und Schuhen. Es war leicht zu vermuten, dass wir etwas gemeinsam haben, auch wenn man es mir nicht ansieht, weil ich eben nicht in schwarz unterwegs bin. Ich lächelte sie trotzdem an, und sie lächelte ganz vorsichtig zurück.
Heute begegnete ich im Supermarkt einem Bekannten, der mich fragte, wie es bei uns denn so laufe. Ich musste eine Millisekunde lang überlegen, ob ich ihm die Wahrheit sage, denn er hatte selber Krebs; wir lernten uns kennen, als er mitten in der Chemo steckte. Da Lügen doof ist, erzählte ich, was passiert war. Es entspann sich ein gutes Gespräch und er war genau so betroffen wie interessiert. Über diesem Gespräch vergaßen wir beide, dass wir eigentlich zum Einkaufen dort waren.
Heute schlich ich weiter durch den Supermarkt und stellte fast erschreckt fest, dass bald Weihnachten sein wird. Wir sollten Plätzchen backen, einen Adventskranz aufhängen, die Wohnung ein wenig nett dekorieren. Müßig zu sagen, dass mir dazu der Nerv fehlt. Ich mach’s trotzdem, natürlich, für die Kinder. Und vielleicht am Ende auch für mich.
Heute rief ich nicht meinen alten Freund Mark an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, denn mit der schlechten Nachricht, von der er noch nichts weiß, wollte ich ihm nicht seinen Feier-Abend verderben.
Heute fing mein Tag ganz traurig an und später ist er doch noch nett und lustig geworden.
Und heute freute ich mich auf den kommenden Samstag. Mit gemischten Gefühlen wohl, aber mit der Aussicht darauf, dass der 29. November ungeachtet aller Dinge immer noch Michaels Geburtstag ist, und den werden wir daher gebührend feiern.
- Andrea
Erinnerungen
25. November 2008 at 21:45 | In Blog | 10 CommentsMeine Zeit verbringe ich mit Räumen, Sortieren, Kümmern oder ’süßem’ Nichtstun.
Und wann immer ich durch die Wohnung renne, hier und da etwas wegräume und da und dort etwas wische, kommen mir Erinnerungen. Heute sind es vorrangig Erinnerungen an die letzten Stunden mit Michael.
Wie er im Pflegebett lag, nichts mehr sagen konnte und kaum noch reagierte, und wie sich ein Dekubitus an einigen Stellen breitmachte, vor dem ich immer so einen Horror hatte.
Wie er versuchte, sich umzudrehen und wie wir ihm nicht helfen durften, weil jede Berührung trotz aller Medikation starke Schmerzen bei ihm verursachte. Und wenn wir es doch taten, ihn in der Bewegung unterstützen, immer sagten wir: Micha, ich helfe Dir nur, ich bin ganz vorsichtig und will Dir nicht wehtun. Und er jammerte trotzdem.
Wie er den ganzen Samstag noch hier war, in seinem schönen grünen Langarmshirt und den anderen Sachen, und wie die Menschen Zeit mit ihm verbrachten und ihren ganz persönlichen Abschied vollzogen.
Wie die Kinder reingingen und nach einer Zeit der Zurückhaltung mutiger wurden und ihn anfassten und feststellten, dass er ganz kalt und hart war.
Wie sich ein Leichnam anfühlt, denn etwas kälteres zum Anfassen gibt es auf dieser Welt nicht .
Wie die Tür zeitweise zu war, weil entweder jemand mit ihm allein sein wollte oder weil jemand erst nach einer langen Zeit des Überlegens zu ihm reinwollte.
Wie er auch im Tod noch so schön war.
Bilder.
Bilder, die Gedanken und Gefühle auslösen. Ein fotografisches Gedächtnis ist ein Kreuz zuweilen, und dann wieder bin ich froh darüber, dass ich es habe.
- Andrea
Aufräumarbeiten
24. November 2008 at 09:43 | In Blog | 5 CommentsMir kommt es so vor, als sei ich nur noch mit Aufräumen beschäftigt.
Ich habe ja schon vor einiger Zeit ein paar von Michaels Dingen aussortiert. Habe Kleidung verschickt für ein Projekt, das ganz großartig wird, das aber noch geheim ist, hihi. Habe Dinge verschenkt. Nicht nur die St.-Martins-Jacke, nein, auch die Freunde bekamen etwas. Willi bekam Michaels Handtuch, denn ihm war aufgefallen, dass es nicht mehr am Haken im Bad hing. Er erzählte mir, dass er Michael an dem Montag Morgen, an dem er ihn zum letzten Mal vom Inselbett ins Pflegebett verfrachtet hatte, das Handtuch gereicht hatte, damit er sich nach seinem (auch letzten …) Toilettengang die Hände abtrocknen konnte. Keine Frage, dass Willi dieses Handtuch bekommen musste.
Marliese bekam auch Handtücher, nämlich die, mit denen sie Michael in seiner letzten Woche nach dem Waschen im Pflegebett immer abgetrocknet hatte. Und Moni wünschte sich eine CD von Chick Corea, die sie auch bekam.
Für Klaus, Lars und Claudia fand sich an dem Abend nichts, aber zumindest für zwei dieser Freunde habe ich schon etwas gefunden, über das sie sich bestimmt freuen werden. So bekommt jeder einen kleinen Schatz zur Erinnerung.
Gestern habe ich Michaels Papierkram aussortiert. Ein armlanger Stapel ausgedruckte und mühevoll bearbeitete Aktiencharts aus der Zeit, als er sich mit diesem Thema noch stundenlang beschäftigte. Großen Erfolg hatte er mit dieser Geldjonglage nie, und ich erinnerte mich daran, dass er irgendwann einmal sagte, dass dieses endlose Streben nach Reichtum vielleicht ein bisschen Schuld daran hatte, dass er krank wurde. Man weiß es nicht. Aber es reichte für mich traurig darüber zu sein, dass ich ihn niemals darin gebremst hatte, obwohl es mir reichlich auf die Nerven gegangen war, dass dafür er so viel Zeit investierte.
Heute dann machte ich mich daran, meinen Schrank aufzuräumen und Sachen rauszulegen, die ich bei eBay verkaufen möchte. Und ich wagte es, ein paar von meinen Dingen in seine Schrankhälfte zu räumen. Seine Unterwäsche und Socken hatte ich schon vor ein paar Tagen für Gulliver aussortiert, es war also Platz in den Schubladen. Gestern noch hatte ich mich gefragt, ob es eigentlich schmerzärmer wäre, alle seine Dinge auf einmal wegzugeben, aber heute gefällt es mir besser, dass seine und meine Sachen vorerst zusammen im Schrank liegen.
Das ist noch lange nicht alles. Es ist immer noch viel von seiner Kleidung hier, und was ich mit all den alten Videobändern von seiner Arbeit als Cutter machen soll, die zu Hunderten im Keller liegen, ist mir derzeit noch ein großes Rätsel. Kommt Zeit, kommt Idee.
- Andrea
Sterben ist eine teure Angelegenheit
23. November 2008 at 10:44 | In Blog | 8 CommentsEingewickelt in den weltallerschönsten Puschelschal (er ist selbstgestrickt, lila, warm, weich, wundervoll und ein Geschenk meiner Freundin Anna – die ‘große’, nicht die ‘kleine’, denn ich habe das große Glück gleich zwei Annas zu haben), rätsele ich über den Sinn von Friedhofsgebühren.
Sterben ist teuer. Wenn man seine Lieben angemessen und würdevoll verabschieden will, dann kostet das den Gegenwert eines vernünftigen Kleinwagens. Oder eines zweiwöchigen Familienurlaubs auf Sardinien. Die Kosten für den Bestatter sind vollkommen in Ordnung, er hat viel für uns getan und ist jeden Cent wert. Aber dass die Stadt sogar einen Posten „Aushändigung der Urne an den Bestatter (bzw. Postversand)“ mit 25 Euro berechnet, oder dass sie für die Urnenbeisetzung 378 (!) Euro berechnet, obwohl sie faktisch nicht mehr geleistet hat, als ein Loch ausheben, fiesen Kunstrasen auslegen und hinterher das Loch mit zwei Eimern Sand zuschütten zu lassen, das lässt einen doch zweifeln, oder? Ich habe ganz kurz darüber nachgedacht, die Stadt anzuschreiben und meinerseits das Tragen der Urne und das Einlassen in die Erde zurückzuberechnen. Komische Welt.
Davon abgesehen schwanke ich zwischen ‘Alles ist gut’ und schwerem Vermissen. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich weniger an den kranken Michael denke als viel mehr an den gesunden. Trotz der langen Zeit, in der er mir bei nichts mehr helfen konnte, in der ich alles schon alleine gemacht habe, denke ich häufig, wie schön es wäre, wenn er noch hier wäre und mir dies oder das abnehmen könnte. Oder wenn wir zu viert etwas zusammen unternehmen könnten, und sei es nur eine gemeinsame Hunderunde.
Und wenn ich dann wie gestern nachmittag im Café einen Vater mit seinem Sohn sehe, der auf dem Schoß sitzt und wie sie sich unterhalten, dann muss ich schon mal für ein paar Minuten den Laden verlassen. Neid ist ein Gefühl, das mir für gewöhnlich fremd ist. Aber in solchen Momenten bin ich neidisch. Auf den Jungen, weil er einen Papa hat, der sich kümmert. Auf den Vater, weil er sich um seinen Sohn kümmern kann. Und auf die Frau, die gar nicht dabei ist, die es aber mit Sicherheit gibt und die ihre große und ihre kleine Liebe später am Tag wieder in die Arme schließen kann. Kleine Lieben habe ich auch, aber die große nicht mehr. Nie mehr. Das piekt. Sehr.
Meine kleinen Lieben hatten einen tollen Tag gestern, sie waren von der Kölner Krebsinitiative eingeladen worden, zum FC-Spiel ins Stadion zu gehen. Sie wurden abgeholt, dort mit Leckereien versorgt und auch wieder nach Hause gebracht. Am Abend hatte ich dann zwei durchgefrorene, aber sehr glückliche Jungs wieder zu Hause. Müßig zu erwähnen, dass sie zu Hoffenheim hielten
- Andrea
Einfach mal alles vollhassen
20. November 2008 at 21:50 | In Blog | 16 CommentsObwohl ich heute wirklich einen schönen Tag hatte, könnte ich in diesem Augenblick alles vollhassen. Ich hab so viele Dinge vom Tisch gefegt, mit Versicherungen telefoniert, mich wieder mal um unsere Rente gekümmert, Papiere wegsortiert. Und ich war mit dem Hund draußen, mit einem leckeren Kaffee am Baum, und ich habe ein paar Tropfen von meinem Kaffee auf den Baum geträufelt, weil Michael auch so gerne Latte Macchiato mochte. Außerdem waren die Kinder bei meinen Eltern, ich hatte also frei und konnte tun und lassen, was ich wollte. Wunderbar.
Aber irgendetwas schwelt in mir. Eben hörte ich ‘Wo fängt dein Himmel an’ von Philipp Poisel, schaute ein Foto von Michael an und wollte am liebsten laut rumschreien. Geht nicht, die Kinder schlafen. Vielleicht ist das jetzt die Wut, nach der mich meine Psychotherapeutin schon letzte Woche fragte? Wo ich antwortete, ich sei überhaupt nicht wütend, nicht ein fitzelkleines Bisschen. Jetzt bin ich wütend, auf alles und jedes, das mich umgibt. Vielleicht sollte ich zum Ausgleich ein Telefonbuch zerreißen.
Heute am Mittag war ich nicht wütend, eher dachte ich leicht amüsiert darüber nach, einen „Praktischen Leitfaden zum Umgang mit einer frischen Witwe“ zu verfassen. Ich will mich über den Blogkommentar, in dem eine Leserin fragte, wie man es denn nun am besten machen solle, wenn man einem Trauernden begegnet, keineswegs lustig machen. Ich habe wirklich überlegt, was ich dazu schreiben könnte. Und wie der Zufall es so wollte, traf ich Frau S., und sie machte es genau richtig.
Sie ist die Mutter einer Klassenkameradin aus der Grundschule, kennt mich also seit einer halben Ewigkeit, und wir trafen uns vor meiner Haustür. Sie sagte: „Mensch, Andrea, ich habe gehört, was passiert ist. Mein Beileid!“ Und weil sie so offen und so ehrlich war, habe ich sie umarmt, mich bedankt und gesagt, wie alles war und ist. Die Begegnung dauerte ungefähr vier Minuten, aber sie war genau richtig. War nicht schwer, hat auch gar nicht wehgetan. So einfach ist das. Sie hat sich getraut, und leicht ist ihr das nicht gefallen, das konnte ich in ihrem Gesicht lesen. Aber sie tat es, sie ist nicht einfach weitergegangen, was kein Problem gewesen wäre, weil ich mit dem Rücken zu ihr stand und die Tür aufschloss.
Ein Lächeln reicht auch. Es darf gerne ein geknicktes Lächeln sein, und ich kann dann genickt zurücklächeln. Oder fröhlich. Oder etwas sagen. Wie es eben gerade passt.
So, wo ist das Telefonbuch?
- Andrea
Spurensuche
19. November 2008 at 17:56 | In Blog | 12 CommentsAlle Erlebnisse, die ich vor zwei Tagen hatte und die Kommentare, die dazu kamen, haben mir etwas gezeigt. Fast muss man allen Bekloppten, die mir an diesem Montag persönlich begegneten, dafür dankbar sein, denn sie zeigten mir, worauf es wirklich ankommt, zeigten mir, wie ich eigentlich bin. Vielleicht war es nur die Summe der Ereignisse, die dazu geführt hat, dass mich das alles so geärgert hat.
Meine Haare sind immer noch scheiße und ich kann gut damit leben, denn sie sind es auch, wenn ich nicht gerade Witwe geworden bin. Ich mag mich trotzdem. Avancen von widerlichen Handwerkern blocke ich für gewöhnlich mit den passenden Worten ab. Beim nächsten Versuch dann. Und wenn ich noch mal auf *zosch*-Damen treffe, werde ich sie anlächeln, denn das ist doch immer noch die beste Art, jemandem die Zähne zu zeigen.
Ein Kommentar, der zu dem Eintrag kam, hat mir am besten gefallen: „Warum soll ICH mir in dieser Situation noch ein dickes Fell zulegen, damit andere sich in meiner Gesellschaft wohlfühlen können?“ Genau so ist es doch. ICH habe schließlich meinen Mann verloren, das ist schlimm und doof genug, da muss ich mich nicht auch noch um die Belange und die Befindlichkeiten anderer Menschen kümmern. Recht so, weitermachen!
Heute war ich auf Spurensuche. Ohne jede Absicht, es ergab sich einfach so. Bei uns gegenüber ist ein Internetcafé, in dem Michael oft war und dessen Inhaber ein sehr netter Mensch ist. Ich ging vorbei, war schon ein paar Schritte an dem Laden vorbei gelaufen und ging wieder zurück. Betrat das Café und erzählte, was passiert war. Und der Inhaber erzählte, wie er Michael kennengelernt hatte, wie er auf ihn gewirkt hat. In diesem Gespräch fiel mir wieder das spanische Café ein, wo es ja genau so war. Die Leute dort kannten Michael viel besser als die Kinder und mich, weil er eben öfter dort war. Es ist ein schönes Gefühl, dass ich an Punkte gehen kann, wo die Menschen Michael kannten und die etwas über ihn zu berichten wissen. Auch das Gespräch mit unserer Hausärztin am Abend vor der Schief war so eine Spurensuche. Ein Spurenfinden eher, denn sie erzählte Dinge über Michaels Wesen, die mir bis dato unbekannt waren.
Später gönnte ich mir einen Kaffee beim Bäcker um die Ecke. Ich saß draußen und las – natürlich – die Todesanzeigen in der Tageszeitung, als mir auffiel, dass wir an diesem Platz gesessen hatten, im Juli, und dort hatten wir unseren letzten Streit. Danach gab es keinen mehr, weil für Streit in der Situation, die folgte, kein Raum mehr war. Sich ein Bewusstsein zu schaffen für Dinge, auch für Dinge, über die man nicht gerne nachdenkt, weil sie unangenehm sind, das ist ganz wichtig für mich. Ich konnte glücklich lächelnd nach Hause gehen.
- Andrea
Und ich dachte, mir passiert so etwas nicht
17. November 2008 at 23:33 | In Blog | 34 CommentsHeute war einer dieser Tage, die mich an der Draußenwelt ein wenig zweifeln ließen.
Ich bin ein sehr umgänglicher Mensch, habe ein offenes Ohr für verschiedene Ansichten und Lebensweisen, sage meine Meinung, wo sie angebracht ist und halte meine Klappe, wo es nötig ist. Das bin ich. Jeder, der mich ein bisschen kennt, weiß das. Ich bin aber auch: Witwe. Und mir scheint, dass dieser Umstand, Zustand, Familienstand bei einigen Menschen etwas auslöst, ungeachtet dessen, wie ich selber damit umgehe.
Am Morgen brachte ich den Kleinen zur Schule und ging später in das Café, wo die schon erwähnten Südstädter sich treffen. Ich betrat den Laden, den Hund an der einen und den Einkaufswagen an der anderen Hand. Ich war in normaler Kleidung unterwegs, eben in den Sachen, die ich immer trage. Dazu gehört so gut wie nie die Farbe schwarz. An einem Tisch saßen diverse Damen und man hörte förmlich das *zosch* ihrer Köpfe, die sich zu mir drehten. Ich grüßte freundlich aus der Ferne, niemand grüßte zurück. Aber ihre Blicke, sie klebten an mir.
Ich ging zu ‘meinen’ Leuten und wir plauderten so nett und sprachen unter vielem anderen über die Erdsache und das Sterben an sich, es war wirklich gut. Als ich ging, ignorierte ich die Damen am *zosch*-Tisch.
Später am Mittag rief mein Vater an und erzählte mir von diesem und jenem, und unter anderem auch von einer Frau aus der Nachbarschaft. Sie habe ihn angesprochen, weil sie ja nun gar nicht wisse, was sie zu mir sagen solle, wenn sie mich treffe. Diese Frau kennt mich, seit ich acht Jahre alt bin, sie hat mich in der Pubertät als die größte Zicke der Südstadt erlebt und sie erlebte mich danach, als ich nett sein konnte, wenn ich wollte. Und jetzt weiß sie nicht, was sie zu mir sagen soll, wenn sie mich sieht. Mein Vater sagte: Versuch es einfach mal mit der Frage ‘Wie geht’s Dir?’ und dann sagt sie dir das schon. Man darf gespannt sein.
Der widerliche Dachdecker, der am Nachmittag hier war, um die kaputte Regenrinne zu begutachten, ist eigentlich nicht einen der Buchstaben wert, die ich jetzt schon über ihn geschrieben habe. Fakt ist, dass ich auf sein Angebot, ihn direkt auf seinem Handy anzurufen, wenn nochmals irgendetwas ist, in diesem Leben nicht eingehen werde.
Gekrönt wurde der Tag dann davon, dass mich jemand fragte, wann ich eigentlich zuletzt etwas für mich getan habe, man könne ja an meinen Haaren sehen, dass da irgendwas nicht stimmig sei. Es mag sein, dass das nicht so gemeint war, wie es bei mir ankam, aber es passte so sehr in diesen Tag, dass ich vor lauter Freude brechen könnte.
Es sind aber nicht nur doofe Dinge an diesem Tag passiert, es gab auch etwas sehr, sehr schönes. Neben der Kaffeebud hatte Michael noch ein anderes Lieblingscafé. Wir nannten es das „spanische Café“ oder „den Spanier“, nachdem es lange Zeit „der Italiener“ war, nur weil Michael diese beiden Sprachen nicht auseinander halten konnte. Er verbrachte mit dem Hund dort zehntausend mal mehr Zeit, als die Kinder oder ich es je taten. Vor einiger Zeit war ich mit den Kindern dort und erzählte, dass Michael gestorben ist. Die Inhaber waren sehr traurig, und dann waren wir lange nicht dort, weil ich nicht aus dem Haus gehen konnte. Heute morgen traf ich die Frau und sie sagte, ihr Mann habe etwas für die Kinder gekauft. Wir verabredeten, dass ich mit den Jungs am Abend vorbeikomme.
Das taten wir dann auch. Der Mann hatte für die Jungs Adventskalender gekauft, die Freude war groß. Wir wurden außerdem zu Getränken eingeladen und der Hund bekam eine Extra-Portion Leckerli. Die Frau sagte dann noch zu mir, dass sie selber den Vater ihrer Tochter verloren habe, als sie gerade 39 und das Kind sieben Jahre alt war. Und wenn ich jemals mit ihr reden wolle, über das alles, dann solle ich jederzeit vorbeikommen. Ich fühlte, dass dies von Herzen kam.
Ich bin also Witwe. Sehr attraktiv, aber mit scheiß Haaren. Eine Person, mit der man besser erst gar nicht spricht, auch wenn man sie vor vier, sechs, acht Wochen noch mochte. Eine Frau, die sich von sehr widerwärtigen Handwerkern antesten lassen darf.
Ich bin die Frau, die weiß, wohin sie gehen kann, wenn es ein wenig Wärme und Zuneigung benötigt, Wärme und Zuneigung ohne jeden Hintergedanken.
- Andrea
Auf dem Südgottfried
16. November 2008 at 21:35 | In Blog | 15 CommentsHeute war ich zum ersten Mal seit der Beisetzung auf dem Friedhof (mein Vater nennt ihn ‘Südgottfried’, keine Ahnung wieso, aber ich mag es). Graciella fuhr mit, wir hatten es bei unserem Mädchenabend am Donnerstag so abgesprochen.
Zuerst besuchten wir das Grab ihrer Eltern, es ist ganz in der Nähe von Michaels Grab. Auf dem Weg dorthin fielen mir Momente vom Tag der Urnenbeisetzung ein. Die Trauergesellschaft, die gerade von einer Beisetzung zurückkam und die uns auf dem Hauptweg begegnete. Wie ich kurz dachte, was die Leute wohl gerade denken, wenn sie uns hier mit der Urne im Arm langlaufen sehen. Das Ehepaar, das unseren Trauerzug einfach überholte und sich zwischen dem Friedhofsangestellten und uns in den Weg einreihte, nur um von dem Friedhofsmenschen dafür angemeckert zu werden. Mit Recht, denn wenn schon Konvention, dann aber bitte richtig. Ich hätte so etwas im Leben nicht gemacht, weil es respektlos ist. Und wieder, wie wir zu Anfang viel zu schnell gegangen waren.
Wir erreichten das Grab von Graciellas Eltern. Sie stellte eine Kerze, die man – inklusive Feuerzeug, wie praktisch – am Automaten am Eingang ziehen kann, in die Laterne und wir befreiten die Steinplatte von abgefallenen Nadeln und Blättern.
Wir gingen auch auf die anliegende Flur mit den Kindergräbern. Viele der Gräber waren schön gestaltet, aber einige auch sehr vernachlässigt. Ich fragte mich, ob es großer Schmerz oder große Gleichgültigkeit ist, die die Eltern bewegt, das Grab nicht zu pflegen.
Auch wenn ich die Konventionen auf Friedhöfen nicht mag, so mag ich doch keine ungepflegten Gräber. Allein deswegen habe ich für Michael eine ‘pflegefreie’ Grabstelle gewählt, auf die man Blumen stellen kann, wenn man denn möchte, aber bei der keine Hecken oder sonstiges Gestrüpp das Grab überwuchern werden.
Als wir Michaels Grab erreichten, waren meine Eltern schon dort. Wir hatten uns dort verabredet, um gemeinsam mit dem Auto zurückzufahren. Meine Mutter pusselte am Sandhügel herum, zupfte Laub weg, richtete die paar Blümchen, die noch von der Beisetzung im Hügel steckten und ich fragte mich kurz, ob ich darüber nun sauer sein sollte, weil das doch eigentlich mein Job wäre, wenn ich denn schon mal dorthin gehe. Ich entschied mich dagegen.
Ich blieb kurz am Grab stehen, freute mich darüber, wie schön seine Holztafel im Gegensatz zu den sonst dort zu findenden Holzkreuzen ist und merkte, dass Zwiesprache nicht möglich war. Ich ging dann über das Gräberfeld, um mir die anderen Grabsteine anzugucken. War ich bis dato noch davon überzeugt, dass es ein massiver abgeschrägter Stein werden sollte, so kam ich jetzt ganz schnell davon ab. Auf zwei Gräbern waren schlichte, aber schöne Steinplatten aufgelegt, eine trug ein Messingschild mit dem Namen der Verstorbenen, bei der anderen war der Name eingraviert. Auf solchen Steinplatten hat man aufgrund des begrenzten Raums der Grabstelle auf jeden Fall die besten Möglichkeiten, etwas zu gestalten oder aufzustellen (immer davon ausgehend, dass die Sachen auch gestohlen werden können, denn befestigen darf man dort außer dem Stein nichts).
Und wenn kein Stein, sondern nur eine Platte auf dem Grab sein wird, so wird es vor allem die Möglichkeit geben, eine von Michaels Ideen umzusetzen: Er wollte einen Briefkasten auf seinem Grab haben, wo jeder, der möchte, eine Nachricht auf Papier hinterlassen kann. Ob es wohl Schatullen aus schwerem Stein gibt?
- Andrea
Vier Samstage
15. November 2008 at 12:50 | In Blog | 8 CommentsHeute ist der vierte Samstag ohne Michael. Ob die Zeit zwischen Freitag Abend und Samstag Abend für uns immer eine Bedeutung haben wird? Schon in den Wochen vor seinem Tod war diese Zeit etwas besonderes, weil wir uns dann mit den Freunden trafen und für diese Zeit auch die Party geplant hatten, die dann nicht mehr stattfand. Es ist eine besondere Zeit und ich wünsche mir, dass sie besonders bleibt.
Gestern haben wir zusammen mit Moni, Willi, Marliese und Klaus gekocht. Meine Schwiegermutter hatte uns Geld gegeben, damit wir zusammen einen schönen Abend haben können. Es gab leckerstes Essen, guten Wein und viel Gespräch. Es war schön, auch mal über Dinge aus der Außenwelt zu reden, aber wir sprachen auch ganz viel über Michael, über den Verlauf seiner Krankheit, über die Zeit der Diagnose und über die Reaktionen, die das bei allen ausgelöst hat.
Später legten wir Cat Stevens auf, sangen das Lied laut mit und es lief dann weiter in Dauerschleife, leiser wohl, aber immer noch laut genug, dass man die ein oder andere Zeile mitsingen konnte. Wir saßen bei Kerzenlicht am Tisch, die Stimmung war schön und es war viel Wärme da.
Und genau in diesem Moment spürte ich, dass Michael da war. Er war bei uns, in uns, hinter mir, überall in der Küche. Ich fühlte das später noch einmal, als wir vorne in der Küche standen und uns verabschiedeten. Ein unbeschreibliches Gefühl, schön auf jeden Fall und sehr sehr warm. Nah, obwohl er weg ist. Ich freute mich unheimlich. Jetzt, wo ich es aufschreibe, kommen mir die Tränen. Es sind glückliche Tränen, keine traurigen.
Am Abend vorher hatte Graciella mich noch gefragt, ob ich fühle, dass er hier ist. Ich verneinte das, weil ich das Gefühl bis gestern Abend einfach nicht hatte.
Heute, an diesem vierten Samstag, gehe ich mit den Kindern zum Baum. Wir wissen, dass es sieben Tage dauert, bis das, was wir von Michael in die Erde gegeben haben, in den Baum übergegangen sein würde. Ob wir ihn heute mit anderen Augen betrachten werden? Umarmen ist jetzt auf jeden Fall noch besser als vorher.
- Andrea
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