So viele Gedanken
20. Oktober 2008 at 22:17 | In Blog | 32 CommentsSo viele Gedanken, wie ich in den letzten Tagen Stunden und Tagen hatte, habe ich noch nie gehabt.
Es mischen sich die Organisation der Abschiedsfeier (und, bitte, heißen Herzensdank, liebe Moni, denn ohne Dein Hirn und Deinen Einsatz wäre alles ganz ganz anders), Dinge, die davor noch zu erledigen sind, mal an die Kinder und sich selbst denken, Erinnerungen aus Vor-Krebs-Zeiten hochholen, die in letzter Zeit einfach total in Vergessenheit geraten waren und was nicht noch alles.
Gab es vorher eine Draußen- und eine Drinnenwelt, so gibt es jetzt die Zwischenwelt. Schon gibt es sie, es fühlt sich unwirklich an, weil heute erst Montag ist. Reingeschubst in eben jene, sich darin sowohl sehr gut als auch weiterhin sehr fremd fühlen. Seltsam und schwer zu beschreiben. Laut bleibt sie in jedem Fall.
Ich habe heute über gefühlte hundert Stunden (faktisch waren es rund drei oder vier) versucht, einen passenden Text für Michaels Anzeige in der Zeitung zu finden. Es gelang mir nicht. Ich hatte die Fakten zusammenbekommen, aber ich war nicht in der Lage, einen Text zu finden, der passen würde. Später, als es mir dann endlich mit einem Anschubser von Marliese gelungen war, kam mir folgender Gedanke:
Ich bin ein ganz großer Fan von Todesanzeigen. Die Samstagszeitung wird zuerst genau dort aufgeschlagen, ich lese alle Anzeigen und frage mich, welche Motivation dahintersteckt. Manchmal kann man herauslesen, dass es Familienfehden gab. Manchmal sind die Anzeigen ganz abgedreht. Manchmal zum Mitweinen schön. Und manchmal sind sie auch ganz lieblos. Und genau das galt es zu verhindern. Ich denke, dass ich es ganz gut hinbekommen habe. Die fertige Anzeige ist jedenfalls traumhaft schön, das Layout wurde beim Bestatter gemacht.
Am Nachmittag war ich mit Moni und den Kindern zum Sarg auskleiden und bemalen in der Werkstatt des Bestatters. Wir haben Michaels Nackenhörnchen und den Bettbezug in den Sarg gelegt, in dem er seine letzten Stunden verbracht hat. Außerdem gab es Muscheln aus England und aus Juist, Walnüsse aus dem Römerpark, unser „Wir werden siegen“-Schild, sein Lieblings-T-Shirt, das einen eigenen Blogeintrag wert wäre, einen kleinen Tischtennisschläger plus Ball und ein Butterhörnchen mit auf den Weg.
Unser Großer hatte vorgestern die Idee, Fotos so auf den Sarg zu kleben, dass das ‘Gesicht’ nach innen zeigt. Das haben wir übernommen und haben die Fotos von uns, die Michael im MSH dabeihatte und die dann neben seinem Pflegebett an der Wand klebten, innen auf den Sargdeckel geklebt. Anschließend haben wir drei mit Acrylfarben Handabdrücke auf den Sarg gemacht, zuerst einfarbig, dann wurden die Kinder mutiger und haben Farben gemischt, es gibt sogar Gold mit schwarzen Leopardenflecken. Sie haben mit ihren Farbhänden auch die sechs Griffe so angefasst, als würden sie den Sarg tragen. Das Ding sieht so schön aus, dass man es fast nicht aushalten kann.
Der Abend war dann auch noch sehr schön. Mein Vater war hier und wir hatten endlich mal Zeit, über alles zu reden. Die Kinder kamen dazu, obwohl sie längst im Bett hätten sein sollen, sie erzählten ihrem Opa von der Bemalung und wir kramten auch noch schöne Erinnerungen hervor und schrieben sie auf die Karten für die Momente-Box, in der wir solche Sachen sammeln.
In diesem Augenblick sitze ich alleine am Rechner, die Kinder schlafen in ihren eigenen Betten, ich höre schöne Musik und lasse den Abend ausklingen. Ungewohnte Freiheit.
- Andrea
Eine Geburt, in die andere Richtung
19. Oktober 2008 at 09:32 | In Blog | 52 CommentsIn den vergangenen Tagen haben wir während unserer Wache an Michaels Bett ganz viele Parallelen zum Beginn des Lebens gefunden. Es gab so etwas wie Wehen, es gab so etwas wie Kindspech, es gab das Warten, es gab die Frage, warum Michael nun gerade unruhig ist oder Töne von sich gibt. Hatte er gerade Schmerzen oder fühlte er sich alleine? Wie bei einem Baby, bei dem man nicht weiß, warum es gerade schreit, und es dauert seine Zeit, bis man das richtig interpretieren kann. Es gab noch so viele Dinge mehr, dass ich sie gar nicht mehr aufzählen kann. Uns wurde klar, dass das Leben ein Kreis ist, dass Geburt und Tod ganz nahe Verwandte sind.
Über den Tag gestern waren ganz viele Menschen hier, um sich von Michael zu verabschieden. Man saß allein an seinem Bett oder auch zu mehreren. Man erzählte Erinnerungen oder war einfach still. Ich hatte entschieden, dass er am späten Nachmittag abgeholt werden soll, hatte Angst davor, ihn aus dem Haus gehen zu lassen, das Bedürfnis, ihn noch länger hierzubehalten, aber auch das Gefühl, es sei nun an der Zeit, ihn rauszugeben. Der Zeitpunkt war dann genau richtig, 17 Stunden nach seinem Tod.
Um fünf Uhr haben sich noch einmal alle Freunde, die in der letzten Woche geholfen haben, an seinem Bett versammelt. Marliese, Klaus, Moni, Willi, Lars, Jens, Anna. Ich habe mich bei allen bedankt für ihre großartige Hilfe und alle waren sich einig, dass man in der Zeit nicht nur gegeben hat, sondern auch viel nehmen konnte. Um halb sechs kamen die Herren vom Bestattungsinstitut und legten Michael auf die Bahre. Sie trugen ihn runter und wir gingen alle mit, standen auf der Straße, als er ins Auto gelegt wurde und winkten ihm hinterher.
Es war sehr komisch, Michael von unserer Drinnenwelt in die Draußenwelt zu begleiten, wo so viele Leute ihrem normalen Alltag nachgingen. Ihn in die Südstadt bringen und aus der Südstadt rausfahren lassen. Wir standen auf der Straße, bis der Wagen um die Ecke bog und aus unserem Blick wegfuhr.
Wir sind dann wieder raufgegangen, haben im Zimmer gesessen, auf dem Sofa und auf Michaels Bett verteilt. Wir tranken Ramazotti und erzählten und lachten, und ich glaube, dass es nicht nur für mich so etwas wie eine Befreiung war. Die Stimmung war so wundervoll in diesen Momenten.
Später stellte ich das Pflegebett um. So wie es stand, war es nicht gut für uns. Immer, wenn ich an dem Zimmer vorbeiging, schaute ich rein, so wie ich es immer tat, als er noch drinlag. Und nun guckte ich und dachte, da fehlt was. Deswegen habe ich das Bett anders gestellt und nun ist es besser.
Am Abend trafen sich alle bei Moni und Willi, es gab Michaels Lieblingsessen: Gulasch mit Spätzle. Da die Kinder am Nachmittag mit Freunden ins Schwimmbad gegangen waren und erst spät nach Hause kamen, und weil ich nach dann 38 Stunden wach sein wirklich nicht mehr aus dem Haus wollte, brachte Moni für Anna, die Kinder und mich etwas von dem Essen vorbei. Wir aßen im Inselbett, und alles war schön.
Natürlich gibt es hier auch viele Tränen, viele – auch dunkle – Gedanken, sich Zurücksehnen nach den alten Zeiten. Wir vermissen Michael; den gesunden und auch den kranken. Aber nie hatte ich bisher ein wirklich schlechtes Gefühl, es ist immer richtig für mich. Die Kinder trauern auf ihre Weise, sehr verhalten meist, ich denke, sie brauchen noch eine Zeit, ihre Zeit. Der Kleine hat gestern seinen Freund angerufen und erzählt, dass sein Papa gestorben ist. Sie waren sich einig, dass das doof ist.
- Andrea
Über Wege und Ziele
18. Oktober 2008 at 10:28 | In Blog | 206 CommentsDer Weg war steinig, aber es war ein guter Weg. Alles ist so gegangen, wie es sich nicht nur Michael gewünscht hat: Zu Hause mit seiner Familie und seinen Freunden, ohne Schmerzen und ganz in Ruhe.
Michael ist heute Nacht um 0:50 Uhr seinen Weg zu Ende gegangen.
Rückblickend betrachtet war es magisch. Seine Mutter saß an seinem Bett, sein Bruder Joachim, Jens, Anna und ich waren in der Küche. WG-Abendessen, wie so oft in den letzten Tagen. Irgendwann, ich glaube, es war gegen halb elf, gingen wir alle vier gleichzeitig zu Michael. Seine Atmung hatte sich verändert. Wir waren alle im Raum und es war klar, was nun kommen würde. Niemand hat ein Wort darüber verloren, es war nicht nötig.
Zu Anfang war er unruhig, tönte beim Ausatmen. Das Tönen ließ nach, der Atem wurde ruhiger, immer ruhiger und weniger. Ich setzte mich zu ihm aufs Bett, fühlte nach seinem Herzen, es schlug nicht mehr. Er atmete einmal und wir dachten, dass er jetzt gegangen ist. Ein paar Sekunden später atmete er aber noch mal, und das war sein letzter Atemzug in dieser Welt. Er hatte es geschafft, am siebten Tag, und er sah dabei so friedlich aus und tut es jetzt noch.
Ich war ganz ruhig in diesem Moment, überhaupt nicht traurig, eher zufrieden, dass es so gelaufen war. Wir machten das Fenster weit auf, damit seine Seele den Weg nach draußen finden konnte. Wir froren entsetzlich dabei, es war so kalt draußen, in dieser schönen sternenklaren Nacht.
Es war mir ein Bedürfnis, alle ‘Krankensachen’ aus dem Zimmer zu räumen. Räume reinigen, um sich selbst zu reinigen. Ich stellte Kerzen und Teelichter auf die Fensterbank, es war so schön in diesem Zimmer, das mal unser Schlafzimmer war und das jetzt sein Abschiedszimmer ist.
Nach einiger Zeit tranken wir in der Küche ein Glas Wein auf Michael. Und ich habe einen großen Topf Spaghetti gekocht, nachts um halb drei, weil Essen jetzt erlaubt und sehr nötig war.
An Schlaf war und ist nicht zu denken, ich bin bei Stunde 29 in diesem Augenblick.
Aber alles ist rund, immer noch rund, und es wird rund bleiben.
Gute Reise, mein Engel, Du warst ein toller Mann und der beste Vater, den man haben kann. Und hast in den letzten Tagen so viel Stärke bewiesen. Nie hätte ich gedacht, dass du so einen Marathon schaffen würdest.

- Andrea
Runter, runter, rauf, runter, rauf
17. Oktober 2008 at 19:23 | In Blog | 26 CommentsSo geht mein Tag heute.
Heute morgen habe ich den Kleinen zur Schule gebracht und bin dann noch ein wenig durch die Südstadt gelaufen. Auf dem Weg liegt ein Bestattungsunternehmen und ich hatte das Bedürfnis, mir das anzusehen und mich zu informieren. Das Gespräch dort war sachlich. Dienstleister eben. Und ich dachte, bevor wir am Ende gar keinen haben, nehmen wir eben den da. Als ich nach Hause kam, erzählte ich meinen Leuten hier davon.
Über den restlichen Tag war ich sehr aufgewühlt, traurig, unzufrieden, nicht im Reinen mit mir.
Das änderte sich, als Moni das Heft in die Hand nahm. Sie kennt einen Bestatter in Köln, machte kurzfristig einen Termin und wir fuhren am späten Nachmittag hin. Was ich dort erlebte und hörte, war hundertfünfzig Mal kein Vergleich zu dem, was am Morgen war. Der Bestatter unterhielt sich lange mit uns, zeigte Möglichkeiten auf, zeigte uns die Räumlichkeiten, das Sarglager, die Vorbereitungsräume. Ich hatte bei all dem nicht eine Sekunde lang ein blödes Gefühl. Im Gegenteil, ich wusste, dass das jemand ist, dem man einen geliebten Menschen bedenkenlos anvertrauen kann. Als wir wieder nach Hause fuhren, fühlte ich mich aufgekratzt und zugleich so glücklich, dass mir ein großes Stück Angst genommen worden war.
Wenn Michael nun gehen wird, weiß ich, wie es danach sein wird. Rund und stimmig, so wie es für uns gut ist und daher passend in das, was wir hier schon die ganze Zeit über machen. Nicht mehr so abstrakt und absurd, wie ich es heute morgen noch fand.
Nach meiner Zeitrechnung der Drinnenwelt ist heute der sechste Tag. Sechs Tage, in denen schon so viel passiert ist, und Michael denkt scheinbar nicht im Traum darüber nach, sich auf den Weg zu machen. Bestimmt gefällt es ihm, wie hier alles ist, wie er umsorgt und betüddelt wird, wie wir mit ihm reden, für ihn Musik machen, wie wir um ihn herum sind. Es ist okay so, rund und stimmig.
- Andrea
Von draußen Sonne und Krach…
17. Oktober 2008 at 13:55 | In Blog | 9 Commentsvon innen ein niemals enden wollender Gefühlswirbelsturm. Von einem Extrem ins nächste.
Während wir bei Michael sitzen, wird unten mal eben der halbe Chlodwigplatz weggerissen. Zumindest hört es sich so an. Michael hat weniger Atosil bekommen und ist daher etwas mehr bei uns, in dieser Welt-, und ebenfalls nicht sonderlich begeistert von dem Getose da draußen.
Wir warten auf Michaels Mutter und seinen Bruder, die heute zu Besuch kommen.
Heute morgen hat Andrea Fotokisten rausgekramt und wir waren alle sehr berührt von den Bildern. Michael ist nicht nur ein richtig guter Fotograf, sondern er macht auch als Motiv eine wirklich gute Figur.
Es war sehr schön als Jens Klavier gespielt hat, unter anderem dieses Lied:
„But I see your true colors
shining through
I see your true colors
and that’s why I love you
so don’t be afraid to let them show
your true colors
true colors are beautiful
like a rainbow…“
Es geht hier viel um Wirklichkeit. Wirkliche Momente, Gefühle, Worte, Gedanken, Menschen…
Wirkliches sein.
Ganz viel Echtheit.
- Anna
Aus dem Paralleluniversum
16. Oktober 2008 at 14:10 | In Blog | 41 CommentsEs gibt eine Draußenwelt.
Es ist die normale Welt, in der die Menschen zur Arbeit gehen, zur Bahn laufen, um sie noch zu erreichen, in der sie einkaufen gehen und einfach ihren Alltag leben. Ich war gestern mit Anna in dieser Draußenwelt, habe ihr gezeigt, wo ich gerne Kaffee trinke und solche Orte. Sie waren mir fremd, obwohl sie mir doch so vertraut sind.
Es gibt eine Drinnenwelt.
Die Drinnenwelt ist hier bei uns, sie ist ohne jede Zeit, ohne Alltag und sie beginnt hinter unserer Wohnungstür. Manchmal ist es komisch, in dieser Drinnenwelt so profane Dinge zu tun, wie mal eben durch die Küche zu wischen, den Raum reinigen, um sich selber zu reinigen.
In dieser Drinnenwelt gibt es keine Regeln. Jeder hier handelt nach dem, was Herz und Bauch gerade möchten. Es gibt Tränen und es gibt viel Lachen. Erinnerungen werden ausgegraben und man erzählt sie sich gegenseitig. Man lernt mehr über die Menschen, mit denen man so viel Zeit verbringt, und immerzu ist da das Gefühl der Wärme und der Liebe.
Michaels Nacht war ruhig, er ist sehr gut eingestellt mit den Medikamenten. Als ich ihm heute morgen um acht Uhr seine Medis gab, war er für eine Zeit so wach wie schon seit Tagen nicht mehr. Er kommunizerte mit mir, mit Blicken, mit den Händen. Als später am Morgen die erste reine Mädelslounge bei ihm stattfand, mit drei schönen Frauen an seiner Seite, da hat er sogar mehrmals gelächelt. Das waren wunderschöne Momente und Moni sagte zu ihm, er habe jetzt drei Frauen auf einen Schlag glücklich gemacht.
Alles ist so stimmig und im Schlimmen und Unerträglichen so schön. Wenn ich sehe, wie Moni mit ihm spricht, wie Anna ihm den Mund befeuchtet, wie Jens seine Hand hält, wie meine Eltern sich sorgen, wie Klaus jetzt bei ihm sitzt und ihm Dinge erzählt, dann läuft mir das Herz über, ein ums andere Mal.
- Andrea
Abendstimmung in Köln
15. Oktober 2008 at 21:31 | In Blog | 36 CommentsManchmal findet man zwischen allem schlimmen etwas schönes. So auch im Moment.
Während ich hier schreibe, sitzen Michas Brüder und Klaus bei ihm am Bett. Michael schläft.
Andrea liegt im Inselbett und sagt gerade, dass ich schnell schreiben soll, weil ihr so viele Dinge einfallen die es zu besprechen gibt. Eben war sie noch bei drei, jetzt ist sie bei vier und JETZT hat sie Nr. 3 vergessen.
Ihr seht, die Stimmung in Köln ist schön gerade. So schön wie es im Schlimmen sein kann.
Schlaft alle gut!
- Anna
P.S. Andrea ist bei sieben (!), ich leg mich jetzt zu ihr!
Getragen werden
15. Oktober 2008 at 13:55 | In Blog | 54 CommentsGetragen werden. Das ist mein Gefühl in dieser Zeit. Keine Sekunde des Tages alleine sein, und sich doch zurückziehen können, wenn es nötig ist. Weinen und schreien, wenn es an der Zeit ist und lachen, wenn es an der Zeit ist. Alle Menschen, die bei uns sind, Freunde und Brüder, sie sind großartig, tragen Michael, mich und auch noch sich selber. Sie gehen an ihre Grenzen und halten doch aus. Ich liebe sie alle.
So ist es hier.
Heute morgen bin ich zusammengebrochen. Die Nacht war wieder unruhig, die Wohnung ist so hellhörig und ich schlafe so schlecht bis gar nicht, dass ich jeden Maunzer und Stöhner von Michael höre. Diese Geräusche, sie machen mich irre, auch wenn ich weiß, dass sie nicht zwingend durch Schmerzen verursacht werden. Eigentlich wollte ich ins Bad um nach ich weiß nicht wievielen Tagen endlich mal zu duschen. Ich kam aber nicht von der Bettkante hoch und habe viel weinen müssen. Für die nächsten zwei Stunden habe ich mir die Decke über den Kopf gezogen und viel mit Anna geredet. Diese Wunderfrau, ich bin so froh, dass sie hier ist. Herz aus Gold.
Über Tag ist Michael immer ruhiger als nachts. Ich denke, dass er in der Dunkelheit mehr Angst hat, auch wenn das Licht brennt. Er ist voller Angst, kann nicht loslassen. Dass sein Körper noch funktioniert, grenzt für mich ans Unfassbare. Das Warten ist noch lange nicht vorbei, sagt mein Bauch.
- Andrea
Warten….
15. Oktober 2008 at 09:52 | In Blog | 66 CommentsWarten auf…
Ja, worauf eigentlich?
Wir warten darauf, dass Michael gehen darf, dass Seele und Körper Frieden schließen.
Als ich gestern hier ankam war ich berührt und beeindruckt von dem Bild das sich mir bot.
Michael ist eingebettet in Liebe, Freundschaft, Fürsorge. Nie allein, immer ist jemand am Bett um seine Hand zu halten, um die bösen Geister in seinen Gedanken zu verscheuchen, um leise mit ihm zu sprechen.
Michael ist sehr unruhig, ein bisschen in einer anderen Welt und dann doch wieder hier.
Ich wünsche ihm diese andere Welt so sehr, dieses gehen und loslassen können.
Wir warten darauf, dass Michael loslässt.
- Anna
Der Tanz geht weiter
14. Oktober 2008 at 10:48 | In Blog | 161 CommentsSeit sechs Uhr. Moni und Willi haben mich geweckt, weil sie dachten, Michael habe Schmerzen. Ich habe ihm noch mal was gegeben, um acht dann die normale Dosis. Die beiden haben in meinen Augen Großes geleistet, diese Nacht durchzustehen.
In der Zwischenzeit haben die Kinder gefrühstückt. Diese Kinder. Der Große ist heute Nacht aufgewacht, legte sich ins Inselbett. Ich konnte nicht bei ihm bleiben und als ich wieder zurückkam, hatte er mir einen Zettel geschrieben: „Ich geh noch eine CD hören. PS: Gute Nacht“. Heute morgen war alles so normal im Unnormalen und die Jungs waren etwas verwundert, als ich sagte, sie sollen heute lieber bei den Großeltern schlafen. Sie wollten das gar nicht so richtig, aber ich sagte, dass ich das nur mache, weil ich sie schützen will. Als sie zur Schule gingen, haben sie Michael Tschüss gesagt, so wie sie es an jedem Morgen tun. Mir läuft das Herz über.
Michael ist gerade etwas ruhiger, mein Papa und Lars sitzen bei ihm, erzählen ihm was, lesen ihm was vor, befeuchten seinen Mund und beruhigen ihn, wenn er schnauft.
Bevor ich hier ins Zimmer gegangen bin, um eine Pause zu machen – eine Pause, um hier zu schreiben und mit Anna zu reden und um vielleicht gleich noch ein wenig zu schlafen – habe ich mich zu Michael ans Bett gesetzt. Habe ihm gesagt, dass ich ihn freigebe. Dass er gehen soll, wenn er möchte. Dass ich immer auf die Kinder aufpasse, diese tollen Kinder, die er gemacht hat. Ich denke, dass er mich gehört hat. Aber ich weiß es nicht.
Ich heule seit acht Uhr. Es soll aufhören. In mir sind so viele widersprüchliche Gefühle und Gedanken, aber in der Summe möchte ich, dass es aufhört. Für ihn. Und für uns.
- Andrea
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