Herbst

30. Oktober 2008 at 16:15 | In Blog | 17 Comments

Heute war ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten mit unserem Hund auf einer großen Parkrunde.

Der Herbst passt gut zur Trauer. Vielleicht sterben im Herbst deswegen die meisten Menschen, einfach, weil es so gut passt. Wie absurd wären jetzt Frühling oder sogar ein heißer Sommer.

Die Veränderung der Natur, fallende Blätter, farbliche Veränderung, ein sich schließender Kreislauf am Ende von Aufblühen und danach voller Pracht. Die Kälte draußen passt gut zur Kälte drinnen. Man kann sich in viele Schichten Kleidung hüllen, wie in einen wärmenden Kokon. Die Kleidung kann aber auch ein Panzer sein, der einen nach außen schützt. Und der Regen tropft passend zu den Tränen, die ich weine.

Dieser Spaziergang hat mir wirklich gut getan.

Heute morgen sind – man glaubt es kaum – endlich die Pflegesachen abgeholt worden. Ich hatte gestern noch einmal bei der Firma angerufen und gesagt, dass ich nun endgültig genug davon habe, zwölf Tage nach Michaels Tod. Dass ich außerdem schon zum dritten Mal anrufe, nur um zu hören, dass wir immer noch nicht in der Tourplanung stehen. Die sehr nette Dame sagte, sie werde den Auftrag noch mal mit dem Vermerk ‘dringlich’ eingeben. Und siehe da, am Nachmittag rief mich jemand an, der sagte, dass die Sachen heute geholt werden.

Die Herren kamen ziemlich pünktlich, kondolierten natürlich nicht und obwohl ich den Moment der Abholung so lange ersehnt hatte, fand ich diesen Schritt auf einmal ganz doof. Ich habe mich ins Zimmer gesetzt und dem einen Mann beim Abbauen des Bettes zugesehen, während der andere alle Sachen ins Auto trug. Als sie fertig und aus der Wohnung raus waren, habe ich das Fenster weit geöffnet und mich mitten in den Raum gestellt. Dann ging ich raus zum Einkaufen.

Im Flur sah ich, dass die Herren den Galgenarm und den Galgen vergessen hatten. Ausgerechnet den Galgen! Michaels Rettungsanker, an dem er sich unermüdlich festhielt, wenn er Schmerzen hatte oder sich umdrehen wollte. Und er erschrak jedesmal, wenn sein Arm von dort runterfiel, weil er wieder eingeschlafen war. Ohne den Galgen ging für ihn gar nichts, und selbst in den letzten Tagen, als er kaum noch Kraft hatte, suchte er nach dem Ding, und seine Hand wurde dann von uns hingeführt, damit er Halt finden konnte.

Zum Glück waren die Herren noch nicht weg, einer ging nochmal nach oben und holte die Sachen. Ich hielt ihm die Haustür auf, sagte ‘Stop!’ und fasste den Galgen an. Ein letztes Mal festhalten. Nie mehrs.

Es ist jetzt Zeit für das Saugen der Fußbodenritzen.

- Andrea

17 Kommentare »

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

  1. Liebe Andrea,

    wie gut, dass Du „Deinen Raum“ wiedergewonnen hast! Dass die Dinge, die für Michaels Krankheit standen und doch nicht Deine sind, weg sind. Jetzt kannst Du endlich jedes ungewollte Staubkörnchen aus den Ritzen saugen (bestimmt bist Du grade damit zugange), neuen Platz schaffen und dann alles mit guten Erinnerungen, schönen Bildern, Gedanken und natürlich all den praktischen Dingen, die Du drin haben willst, ausfüllen. Echt, und die Typen haben nicht kondoliert? Was für Blödis.

    Gestern konnte ich dank Deiner Worte dir Fotos vor mir sehen. Du musst und sollst sie gar nicht hier einstellen (wenngleich ich Deine „Versuchung“ sehr gut nachvollziehen kann). Es ist gut so, wie Du es machst und beschreibst, das sagt eigentlich viel mehr als Bilder es können.

    Ich denke immer wieder, was für einen klasse Bestatter Ihr da gefunden habt. Aber der ist „nur“ in Köln mit seinen Filialen, so wie ich auf seiner Website lese. Ich muss mal schauen, ob es hier (nahe Karlsruhe) auch solche „Berufenen“ gibt (ich werde öfters nach Bestattern gefragt und weiß nie recht, wen ich so ganz guten Herzens empfehlen kann). Eurer ist da jetzt DAS Vorbild für mich.

    Wie geht es Jonas und Laurin?

    Liebe Grüße und immer wieder Kraft und gute Gedanken für Euch von

    Petra

  2. Liebste Deda,

    weisst Du noch? Früher haben wir uns auf den Herbst gefreut. Kerzen an, warmer Milka-Kaka, dicke Socken. Und heute? Es bekriecht einen diese Kälte, die Dunkelheit, Traurigkeit.
    Mach´ Dir eine dicke Kerze an, einen warmen Kakao (vielleicht mit Schuss?) und drücke Deine Söhne an Dein grosses Herz.

    Ich drücke Dich fest an meines,
    Annie

  3. (((((Tinka)))))

    wortlos, sprachlos, hilflos
    Chris

  4. Liebe Andrea,
    da mir heute so zum Weinen ist, weine ich mit Dir.
    Deine Worte berühren mich sehr.
    LG Anja

  5. Ich habe immer einen Kloß im Hals bei Deinen wunderschön geschriebenen Berichten. So ehrlich, so wahr, so treffend.
    Und weil ich daraus ganz viel mitnehme. Achtung, Ehrfurcht und Respekt vor dem Sterben und vor allem vor Euch als der Familie, die Ihr das Leben auf ganz andere Art nun weitermeistern müsst.

  6. Liebe Andrea,
    seit Tagen will ich dir schreiben und danken, dass du uns weiterhin an deinen Gedanken und Erlebnissen teilhaben lässt. Es fällt mir schwer meine Gedanken und Wünsche für Dich in Worte zu fassen.
    Darum kopier ich dir ein Gedicht hier herein, was es eher trifft.

    Die Brücke

    Lange stand ich vor der schmalen Holzbrücke,
    die sich mit ihrem sanften Bogen spiegelte.
    Es war eine Brücke zum Hin- und Hergehen,
    hinüber und herüber: Einfach so,
    des Gehens wegen und der Spiegelungen.

    Die Trauer ist ein Gang hinüber und herüber:
    Hinüber , dorthin, wohin der andere ging.
    Und zurück, dorthin wo man mit ihm war.

    Und dieses Hin- und Hergehen ist wichtig.
    Denn da ist etwas abgerissen.
    Die Erinnerung fügt es zusammen, immer wieder.
    Da ist etwas verlorengegangen.
    Die Erinnerung sucht es auf und findet es.
    Da ist etwas von einem selbst weggegangen.
    Man braucht es. Man geht ihm nach.
    Man muss es wiedergewinnen, wenn man leben will.

    Man muss das Land der Vergangenheit erwandern,
    hin und her, bis der Gang über die Brücke auf einen neuen Weg führt.

    (Jörg Zink)

    Du hast meine Hochachtung.

    Herzliche Grüße
    Karin (3116)

  7. Liebe Andrea!

    Bewußt durchgehen ist so hilfreich und heilend. Du machst all das so gut. Ich denke viel und mit großer Sympathie und Respekt an dich, an euch.

    Ich hänge mal ein Gedicht an, das ich einige Monate nach dem (Krebs-)Tod meiner Mutter geschrieben habe:

    Jetzt ist die Zeit für Trauernde gekommen.
    Früh fällt die Nacht in einen grauen Tag.
    Vom dunklen Weiß der schneematschnassen Felder
    erhebt sich Krähenflügelschlag.
    Nichts schwächt die Trauer ab, nichts leuchtet,
    nichts hält Melancholie in uns zurück.
    Im stillen Kahl- und Kälterwerden
    genesen und heilen wir ein Stück.

    Viele Grüße,

    Steffi

  8. Liebe Andrea,

    panta rhei

    So ist es. Mein Mantra zur Zeit, auch aus Abschiedsgründen.

    Ich drück dich unbekannterweise

    ManouHH

  9. Liebe Andrea,
    heute ist auch hier an der Ostsee, am offenen Meer, die Herbststimmung hereingebrochen. Es ist windig, kalt, regnerisch und doch so bunt mit den ganzen Blättern….Ich weine heute mal mit Dir, weil auch ich im Oktober vor vielen Jahren den damals wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren habe. Noch immer denke ich, was war das für ein besonderer Mensch, der immer noch vermisst wird. Liebe hat er uns gegeben, und viel viel mehr.
    Ich denke an Euch und wenn Euch 3 mal nach Ostseeluft schnuppern ist, wir haben hier eine Ferienwohnung, die für Euch immer offen steht, uns meine Mädels sind genauso alt wie Deine Jungs, das würde schon passen;-)
    Viele liebe Grüße
    Tina (Kugelnr.61)

  10. [...] damit haben auch die Köln-Blogger heute die letzte Chance, ihren ausgedruckten Flyer abzugeben und im Sinne von Andrea und Michael Gutes zu tun und für eine Spende für das Mildred Scheel Haus in Köln zu [...]

  11. Ich drücke Dich. Bewundere Dich und Deinen Mut. Diese „nie mehrs“ auszuhalten und zu erleben, so bewußt wie Du. Unglaublich.
    Auch heute wieder die liebsten Grüße
    Nicole

  12. Ich bin zutiefst betroffen, andererseits auch froh. Froh für Michael, dass er seinen Weg so zu Ende gegangen ist wie er es gehofft hat. Froh für Euch, da ihr jetzt wisst wo er sich befindet und es ihm sicher gut geht und wie ich ihn kennenlernen durfte, er seine schützenden Hände über Euch hält.

  13. Liebe Andrea,
    gerade komme ich nach getaner Herbst-Arbeit aus dem Garten. Gerade heute musste ich auch viel an Euch denken. Heute vor 6 Jahren habe ich das letzte Mal mit meinem Papa gesprochen. Er war noch so voller Zuversicht und sein letzter Satz war „Am Wochenende bringst du die Prospekte vom DVD-Player mit, gelle …“
    Zu diesem Zeitpunkt wollte ich keinen Prognosen glauben, dass es zu Ende geht. Am nächsten Tag war es aber leider dann doch vorbei.
    Selbst dieser „Galgen“ – auch bei uns hatte er eine eigene Bedeutung …

    Deine Worte über die Trauer und den Herbst haben mich – wie in den letzten Wochen so oft – sehr nachdenklich gemacht. Es ist wirklich so – auch wenn ich es niemals in so schöne Worte hätte fassen können.

    Vielen Dank – liebe Andrea – für Deine so liebevollen und wundervollen Einträge. Es macht mich immer wieder sehr betroffen und fassungslos, dass gerade Euch so etwas geschehen musste.

    Alles Liebe für Dich und die Jungs
    Charly

  14. Liebe Andrea,

    erst jetzt habe ich Blitzmerker und Internetnull kapiert, dass ich Deine Blog-Einträg auch direkt kommentieren kann… Man lernt nie aus!

    Auch heute purzeln bei mir wieder die Tränen beim Lesen Deiner Zeilen. Was ist nur los mit mir? Ich liebe den Herbst, die Farben, das Licht, die klare Luft, und ja, auch die Kälte und den Regen und die Dunkelheit. Doch diesmal macht er mich noch einsamer als ich ohnehin schon bin. Sicher geht es Dir grad ebenso: allein, trotz Kindern und Freunden. Ich leide mit Dir und umarme Dich unbekannterweise in Gedanken. Sei behütet!

    Dori

  15. Liebe Andrea,

    Du bist ein Poetin. Du drückst das aus, was viele fühlen, jedoch nicht in Worte fassen können.

    Ich möchte mit Dir weinen, so sehr fesseln mich Deine Worte wie Du den Herbst beschreibst.

    Und ich zucke innerlich auch zusammen, wenn ich lese, daß Menschen so unsensibel sein können – aber dann …. ich zähle mich ab und an auch dazu (aber ich schwöre, daß ich das nicht mit Absicht mache …. ich merke es oft nicht, wenn ich mich wie die Axt im Walde verhalte).

    Herzlichst, Eva – Maria

  16. liebe andrea..

    als du im blog schriebst, das du am 17.10.08 einen bestatter besuchtest.. da wollte ich dir über christoph kuckelkorn schreiben.. hatte aber angst als völlig fremde in dein empfinden, geschehen einzugreifen zu wollen. ein glück habt ihr euch gefunden! Und nun hoffe ich dir nicht zu nahe zu treten wenn ich dir sage, das du einen teil der asche in einen kettenanhänger einfassen lassen kannst. man muss ja nicht alles der erde übergeben. aber das ist natürlich eine persönliche sicht und dies zu entscheiden ist deins.
    ich habe einen solchen anhänger, trage ihn selten, aber ein teil von ihm ist auch so bei mir, obwohl er derzeit eher in der erinnerungskiste liegt. neben den gedanken und gefühlen .
    liebe grüße claudia

  17. Ach liebe Andrea,
    jetzt lese ich diese Zeilen… ich war „nur“ 4 Wochen weg und ich wußte…..
    Aber auch du wirst all das schaffen und überstehen! Irgendwann und irgendwie werden wir das wohl alle schaffen müssen. Es gehört dazu…es ist der Lauf der Dinge…It’s a part of nature. Das tut weh, aber es,, wie eine Geburt nur rückwärts;-)
    Ich empfinde gerade diesen Herbst 2008 als so sehr vergänglich und freue um so mehr auf den Frühling 2009, der all das bunte wiederbringen wird….

    Es gehört einfach dazu….

    Ich denk an dich und deine Jugs

    Heike


Kommentieren

XHTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool by Borja Fernandez.
Entries and comments feeds.