Wie man sich den emotionalen Overkill schafft

29. Oktober 2008 at 14:19 | In Blog | 27 Comments

Heute morgen habe ich einen neuen Schritt in die Draußenwelt gewagt. Mein Ritual am Dienstag Morgen ist, mit einer Freundin, die in einem Lottoladen arbeitet, zu frühstücken und über Gott und die Welt zu reden. Gestern morgen war ich nach langer Zeit zwar dort, blieb aber nicht lange, weil mir so schlecht war. Also ging ich heute morgen. Es war schön wie immer. Dort im Laden traf ich einen Bekannten aus der Südstadt, der mir kondolierte und mich zum Kaffee einlud. Das ist so ein Grüppchen von netten Südstädtern, das sich regelmäßig trifft, alles liebe Menschen, und echt kölsch.

Wir setzten uns also ins Café und es kamen immer mehr Leute dazu. Für mich fühlte sich das ein bißchen wie nach Hause kommen an, obwohl das keine engen Freundschaften sind. Ich erzählte von der ‘Schief’, beschrieb unsere Zeitungsanzeige usw. Sehr schön.

Zu Hause angekommen, wollte ich was räumen. Mein Bett hatte einen Wäschewechsel dringend nötig, zuletzt hatte Anna es für mich neu bezogen, als Michael noch bei uns war. Ich legte Jens’ CD mit dem Song für Michael auf, ‘A million Ways’, zog die Bettwäsche ab, deren zweiter Bezug in Michaels Sarg liegt. Ich zog neue Wäsche auf, zum ersten Mal nur für mich, nur für eine Decke und für ein Kissen. Die Tränen liefen, aber es war keine reine Traurigkeit, die mich bewegte. Nie mehrs und erste Male.

Dann holte ich die Fotos von der offenen Aufbahrung hervor. Setzte mich aufs Inselbett und hielt den Umschlag lange in der Hand. Überlegte, ob jetzt die Zeit sei, sich der Angst vor diesen Bildern zu stellen. Öffnete den Umschlag ganz vorsichtig, schielte hinein. Zuoberst lag ein Foto vom inneren Sargdeckel, auf dem unsere Fotos kleben. Das zweite Foto war von Michael im Sarg, von der Seite. Die nächsten beiden dann von ihm, mit all den schönen Dingen, die wir ihm mitgegeben hatten. Den Tischtennisschläger hat er in der Hand, das Butterhörnchen liegt daneben, zusammen mit den Muscheln und den Walnüssen. Das Wir-werden-siegen-Schild unterhalb seiner Hände. Sein Plattenbörse-Shirt um das Nackenkissen herumgelegt. Und Michael mittendrin in dieser Deko, und er sieht so wundervoll aus.

Es war nicht nötig, Angst vor dem Anblick zu haben, er hatte sich nur ganz wenig verändert und war genau so schön wie an dem Tag, als er nach seinem Tod noch hier war. Wenn es nicht zu viele Grenzen überschreiten würde, ich würde die Fotos am liebsten hier reinsetzen. Aber das mache ich nicht.

Ich legte die Fotos wieder weg und spürte eine große Erleichterung, konnte lächeln, wieder war ein Schritt getan.

- Andrea

27 Kommentare »

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  1. liebe andrea,
    egal was du anpackst…
    es bleibt rund…

    ich kann mir alles bildlich vorstellen, so wie du es beschreibst… ‘rund’ ist zu einem neuen begriff für mich geworden, hat eine neue, andere bedeutung für mich. ich verwende es des öfteren um eine schöne, warme seelisch-harmonische Situation auszudrücken…. und wenn immer ich es verwende, denk ich an dich, micha und eure jungs.

    es wird im gesamten rund für dich bleiben, hoff und denk ich.
    und die ganze weitere verarbeitung ( ihhh- schlechtes wort – aber ich find nix anderes), all das was dir noch bevorsteht, was kommen mag, wirst du in der gleichen runden bravour meistern…

    ich schick dir runde grüße

    delie

  2. Darf ich einfach ein wenig mit dir weinen? Es sind meine eigenen Tränen und meine eigenen Schmerzen, die ich mitbringe. Aber dein Raum scheint so gross und so frei, so, dass Angst überwunden und Unsicherheit dazu gehören darf.

    Wie mutig du schreitest auf dem Weg zurück oder vorwärts in die Aussenwelt!

    Grüsse von weit weg – aussen – und ganz nah – innen.

    Gabriela

  3. ein Schritt nach dem anderen, keiner zuviel…

    Liebe Andrea, ich wünsche Dir weiter viel Kraft, diese Schritte, einer nach dem anderen, zu gehen!

    Ganz liebe Grüße, Carmen

  4. Du mutiges Weib, du!

    Grüße von
    edda.

  5. Liebe Andrea

    Auch die Foto-Anguck-Aktion ist wieder so eine wunderbar „runde Sache“, wie du es immer so schön beschreibst. Bin mit dir und für dich froh, dass du die Bilder angeschaut hast und es so war, wie es war. Ich denke, je länger du gewartet hättest, desto grösser wären die Ängste und Zweifel vor „dem“ Moment geworden.

    Ich finde die Arbeit „deines“ Bestatters einfach wunderbar, das möchte ich an dieser Stelle mal sagen. Ich freue mich, dass du ihn gefunden hast udn alles nach Michaels, deinen und den Wünschen eurer Kinder getan werden konnte.

    Ich wünsche dir in der nächsten Zeit viele schöne und wenige traurige neue „erste Male“ und freudige Begegnungen in der Draussenwelt!

    Allerherzlichste unbekannte Grüsse aus der Schweiz

  6. Du schreibst so schön, aber mir kommen die Tränen. Du bist eine sehr starke Frau, mein Respekt! Bei weiterhin Stark, ich schick dir weiterhin die Kraft und viele warme Sonnenstrahlen! LG Heike aus dem Sauerland

  7. Hallo Andrea,

    leider komme ich seit der Abschiedsfeier heute zum ersten mal auf Deine Seite. Die Feier an sich war sehr schön und die Musik und das Video hat allen den Rest gegeben, aber Ihr habt das wirklich sehr schön gemacht!
    Wie die anderen schon sagen: es kommen noch viele Löcher auf Dich zu die für Dich schlimmer werden als das bisherige, aber sei Dir bei einem ganz sicher: diese Wunderschönen Erinnerungen an Michael werden Dich immer über den schlimmen tragen und die schönen werden stärker sein als die schlimmen.

    Deine Jungs sind ja der Hammer, die haben das so toll gemacht auf der Abschiedsfeier und haben trotz ihres kleinen Alters ihren ganzen Mann gestanden. An Kindern sollte man sich ein Vorbild nehmen, denn ich hatte den Eindruck das die beiden so voller schöner Erinnerungen stecken, dass sie alle anderen damit füttern können.

    Bleibt wie Ihr seid Ihr drei, dann werdet Ihr alles gemeinsam meistern.

    Liebe Grüße von den sieben Bergen

    Jochen

  8. Liebe Andrea,
    ich lese nun schon lange Zeit mit..habe lange mit Euch gehofft..und viel mit Dir geweint..Ohne Euch/Dich persöhnlich zu kennen..Wollte auch eine stille Leserin bleiben..aber nun muss ich Dich wirklich mal virtuell umarmen..habe selten so eine starke Frau wie Dich kennengelernt und sei es auch *nur*virtuell..Ich wünsche Dir und Deinen tollen Jungs alles Liebe und viel Kraft..
    Alles Liebe
    Britta

  9. Ach Tink

    Wie immer hast Du anscheinend für DICH den richtigen Moment gefunden.
    Du schreibst so schön,da muss ich hier gar kein Bild sehen,ich hab es vor meinem inneren Auge und weiss genau dass es rund ist.

    Alles Liebe und fühl Dich einmal mehr gedrückt
    von Katja

  10. Liebe Andrea,
    seit ein paar Tagen lese ich hier erst mit und finde es unfassbar, was du für wunderbare Worte findest, um dieses Unbeschreibliche zu beschreiben…

    Ich kann es halbwegs beurteilen…Ich habe vor einem halben Jahr meinen Vater verloren und durfte ihn, gemeinsam mit meiner Mutter und Geschwistern, auch in den Tod begleiten.

    So traurig und bodenlos so ein Prozess ist, so schön ist er auch. Loslassen dürfen. Dass ein Mensch nicht weggerissen wird, sondern du ihn sanft gehen lassen kannst. Dass Menschen da sind, die genau im selben Moment dasselbe empfinden. Diese ganze Dimension von Leben und Tod in ihrer Schrecklichkeit und ihrem Trost. Du beschreibst das wunderbar, ich sehe so vieles von dem reflektiert, was so bei mir abgegangen ist…

    Gequält hat mich monatelang hinterher, dass absolute alles was ich tat, so wahnsinnig banal erschien im Vergleich zu dem, was ich da erlebt hatte. Das wird erst jetzt wieder besser… Das Leben sucht sich seinen neuen Weg.

    Jetzt gehen mir die Worte auch schon wieder aus…ich will dir ganz unfloskelig mein Beileid aussprechen und dir alles Gute wünschen. Dir und deinen Kindern. Das schafft ihr. Und wenn die Sonne dann wieder scheint, wird sie zehnmal heller und wärmer scheinen, als sie es je vorher getan hat.

    Liebe Grüße xxx

  11. Liebe Andrea,

    ich bewundere Dich … Deine Stärke, Deinen Mut, Deine Warmherzigkeit. Jeden Tag wenn ich nach Hause komme, komme ich zuerst bei Dir vorbei und es tröstet mich, wie gut Du Dein Leben meisterst und wie viel Kraft und nach-vorn-gehen (ohne den lächelnden Blick zurück zu vergessen) aus Deinen Zeilen spricht.

    Alles Gute für Dich!
    Liebe Grüße, Katja

  12. Andrea,

    Du bist einfach klasse! :-)

    Viele Grüße
    Bianca

  13. Jeden Tag schaue ich hier rein und ich finde immer wieder keine Worte. Es ist wunderbar und tröstlich, es macht Mut und es macht Hoffnung.

    Ich wünsche Dir von Herzen weiter runde Momente.
    Liebe Grüße
    Nicole

  14. Liebe Andrea,

    schon so oft von so vielen Menschen gesagt, geschrieben… aber ich finde es so toll und bewundernswert wie Du mit dem Krebs, dem Tod und alles was damit zusammenhängt/hing von Michael umgehst!!!! Da kann man nur den Hut vor ziehen und sich wünschen, wenn man selbst in diese Situation kommen mag, genau so stark zu sein!
    Ich habe jetzt schon Angst davor.
    Aber schön wenn man liest das man auch was positives daraus ziehen kann und das Leben trotzdem weiter zu gehen scheint und die Zukunft nicht nur düster aussieht.
    Alles Gute für Euch Drei!
    Lieber Gruß
    Ilka

  15. Liebe Andrea,

    Du machst das echt wunderbar. Die Lösung des Bestatters war doch eine sehr gute, oder? Es ist für Dich nach wie vor rund – ich wünsche Dir, dass es weiterhin so bleibt!

    Wurde das Pflegebett inzwischen abgeholt? Normal können die doch gar nicht so lange warten, und die Kasse zahlt das doch weiter? War bei unserer Nachbarin so. Sie durfte auch zuhause sterben, nachts, und bereits nachmittags stand das Sanitätshaus da und holte das Bett. Ich war so perplex, bis mein Nachbar mir sagte, die müssen das machen, wegen der Kosten.

    Weiterhin viel Kraft, Wärme und Sonnenschein
    von Ingrid

  16. Frau, Du bist absolut unglaublich!
    Toll!!!!

    Das mit dem Kölschen und dem Nach-Hause-Kommen-Gefühl kann ich sehr sehr gut nachvollziehen…

    Ich denk an Dich
    und grüße von der Nordsee
    Kerstin

  17. Du bist wirklich eine sensationelle Frau:-)

    Sei lieb gegrüßt
    Christina

  18. Liebe Andrea,

    ich habe das Gefühl, Du weisst einfach wann Du was machen musst, Du machst es richtig.
    Du lässt Dich einfach von Deinen Gefühlen und von nichts anderem leiten, und das ist das Große und Wahre, was wir von Dir lernen können.

    Vielen Dank für die Denkanstöße, die Du mir und vielen andren dadurch täglich gibst.

    Und ich finde es unsagbar schön, wie Du es vermagst, Deine Gedanken und Gefühle in Worte zu packen.

    Liebe Grüße
    Susanne

  19. Ach Andrea, ich drück dich einfach. Diese nie mehrs und die ersten Male sind sicher schwer *puh*, schön das dir die Fotos „gefallen“ und Du keine Angst mehr davor haben musst…Ich weiß zwar immer noch nicht, wie Du das alles packst aber es liest sich nach wie vor rund und das ist gut für dich.

    Ich denk an dich, wie jeden Tag.

    LG

    Coli

  20. Ich habe Fotos von meinen gestorbenen Grosseltern. Mein Opa war vom Krebs so schwer gezeichnet, dass er kaum wieder zu erkennen war. Meine Oma… nun, sie hat leer ausgesehen. Schon nach Oma, aber dann auch wieder nicht. Das Leben war verschwunden. Und doch habe ich mir die Fotos angesehen, und ab und an schaue ich sie mir immer noch an. Einfach so. Ohne besonderen Grund.
    Ich schicke Dir gute Gedanken.
    Ute

  21. Hallo Andrea,

    meine Oma, die wir in den Tod begleitet haben, hatte einen Schlaganfall und als sie dann tot war und ich sie am Sarg verabschiedet habe, war der ganze Kampf und Kranpf aus ihrem Gesicht verschwunden. Ich habe auch Fotos davon, schaue sie aber nur ganz manchmal an – eigentlich eher nie, obwohl sie wirklich eine große Ruhe und Frieden ausstrahlen. Ich kann mir vorstellen, wie Dich die Fotos bewegt haben.

    Wir kennen uns ja nicht – ich habe eure Seite über die 18.ooo Aktion kennengelernt. Euer Abschiednehmen hat mich sehr bewegt. Ich kenne das Abschiednehmen nur von meiner Oma – von einem Leben, welches zuende gelebt wurde und von meinem Kind, dessen Leben nichtmal annähernd lang genug gelebt werden durfte. Beides waren ganz andere Abschiede als der eure – aber trotzdem war es so, dass ich viel an euch gedacht habe und als wir in den Herbstferien im Urlaub waren, in einem Ferienpark in Holland waren da so viele Familien und ich habe ständig an euch gedacht und mir gewünscht, eine von diesen Familien könntet ihr sein und ich würde nicht an euch denken müssen und euch gar nicht wahrnehmen, verstehst Du?

    Ich finde es gut, dass Du uns teilhaben lässt an eurem Abschied – der Tod, das Sterben darin steckt noch immer so viel Tabu und viele Menschen trauen sich vielleicht gar nicht, so Abschied zu nehmen, wie es richtig wäre. Als ich mein kleines Kind verabschiedet habe gab es so viele „eigentlich würde ich gerne“ aber das „Außen“ und die „Anderen“ haben mich daran gehindert – aus mir heraus, nicht weil sie es wirklich getan hätten. Ich glaube, eure Erfahrungen können helfen, dass die Menschen sich trauen, es rund sein zu lassen, wenn sie selbst einmal in die Situation kommen. Als Begleiter, als Sterbender…das erwartet uns ja alle oft mehr als einmal im Leben.

    Danke dafür und leise Grüsse von
    Sara

  22. Liebe Andrea,

    jetzt lag ich ein/zwei Tage mit einer dicken Erkältung nieder und heute morgen zog es mich wieder zu Deinem Blog

    und was ich las berührte mich, wie immer, so stark
    und ich sach et auch gerne immer wieder :
    Du tolle tolle Frau !!!
    Die kölsche Kaffeebud, ja ich kann es mir sehr gut vorstellen…

    Danke für all Deine wunderbaren Zeilen,
    das Teilnehmen an Deiner Welt.

    Ich denke viel an Dich /Euch und wünsche Dir jeden Tag aufs Neue, dass alles soo rund bleibt, wie Du es Dir erhoffst und wünschst.

    Ganz viele liebe Grüße
    FRauvB.

  23. Liebe Andrea,

    ich kann meinen Vorschreiberinnen nur zustimmen. Sonst fällt es mir so leicht, die richtigen Worte zu finden, aber in Deiner Situation reicht mein Vokabular einfach nicht aus.

    Die Kölner an sich scheinen ne nette Meute zu sein :-) )).

    Herzlichst, Eva – Maria

  24. Liebe Andrea,

    du hast mich sehr beeindruckt.
    ich möchte deinen Blog gerne auf meinm verlinken!

    annabelle

  25. Andrea, Du schenkst den Menschen mit Deiner Offenheit ganz viel Kraft. Die wünsche ich Dir und Deinen Jung´s auch von ganzem Herzen.
    mein Respekt liebe Grüße Erika

  26. [...] Wie man sich den emotionalen Overkill schafft Heute morgen habe ich einen neuen Schritt in die Draußenwelt gewagt. Mein Ritual am Dienstag Morgen ist, mit einer [...] [...]

  27. Andrea, zufällig auf Deinem Blog gelandet und es hat mich beeindruckt, wie Du mit dieser Trauer umgehst.

    Jemand hat da geschrieben – es wird dadurch „rund“ und etwas rundes kann man in seinem Herzen besser aufbewahren als etwas „eckiges“ – eben nicht bearbeitetes.

    Ich wünsche Dir alles Liebe.
    Laura


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