Von der Wiege bis zur Bahre …

28. Oktober 2008 at 09:16 | In Blog | 11 Comments

… Formulare, Formulare.

Gestern war Office-Tag. Ich hatte mir eine Liste der abzuarbeitenden Dinge gemacht und einiges davon weggeschafft. Angesichts der Formulare für die Hinterbliebenenrenten wurde mir jedoch etwas flau. Es blieb keine Zeit, alles in einem Rutsch zu machen. Tonnen von Papier, unglaublich.

Ein Bekannte fragte mich, ob man mir nicht diesen ganzen Kram abnehmen könne. Es würde sich bestimmt jemand finden, antwortete ich, aber es ist wichtig für mich, das selbst zu machen. Es gibt mir das Gefühl, mich um Dinge zu kümmern, die für unser weiteres Leben wichtig sind. Trotzdem: Spaß ist was anderes. Heute geht’s also weiter mit den Formularen, dann kommt noch eine Dame von der Versicherung und zum Bestatter muss ich auch wegen der Urnenbeisetzung.

Wir werden die „Außenurne“ heute mit nach Hause nehmen. Sie ist aus weißer rauher Keramik. Wir haben diese Urne ausgesucht, weil sie so schlicht und einfach und ohne Schnickes ist und weil wir sie wieder selbst gestalten wollen. Acrylfarben sind im Haus, mal sehen, ob es wieder Handabdrücke werden oder etwas anderes.

Was mir inzwischen so richtig auf die Nerven geht ist, dass die Pflegesachen – das Bett, der Rolli und alles andere – immer noch nicht vom Sanitätshaus abgeholt wurden. Letzten Dienstag habe ich zum ersten Mal dort angerufen. Der Mitarbeiter fragte mich, aus welchem Grund die Sachen denn abgeholt werden sollen. ‘Bescheuerte Fragen’ für 500, bitte.

Am Donnerstag fragte ich wieder nach, eine andere, diesmal sehr freundliche Mitarbeiterin entschuldigte sich. Sie hätten derzeit so viel zu tun, dass es noch etwas dauern könne. Man werde mich anrufen, sobald es einen Termin für die Abholung gebe. Keine Meldung bisher, ich werde heute noch mal nachfragen.

Ich fühle mich fremdbestimmt, und das gefällt mir nicht. Kann nicht entscheiden, wann ich das Zimmer putze, einrichte, aufräume, die Fußbodenritzen einzeln sauge. Kann nicht entscheiden, es doch noch für einige Tage einfach leer zu lassen. Die Sachen sind alle im Weg, das Zimmer ist durcheinander. Es sind fremde Dinge, sie gehören nicht uns und daher müssen sie weg.

Das Zimmer, das für so lange Zeit der Mittelpunkt der Wohnung war und in dem so viel wundersames passiert ist, ist jetzt nichts mehr als eine dunkle Abstellkammer. Es war gut, in den ersten Tagen das Zimmer nicht nutzen zu können, außer um Kleidung aus dem Schrank zu holen. Das brachte Abstand, es war ok.

Jetzt ist es nicht mehr ok, ich will es wiederhaben.

- Andrea

11 Kommentare »

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  1. Liebe Andrea,

    ehrlich, lass’ Dir den Papierkram zumindest teiweise abenmen. Da mußt Du dich nicht beweisen.

    Du wirst in Zukunft diese Sachen eh’ immer machen müssen, da hast Du genug Zeit dich peu a peu einzuarbeiten.

    Wir haben den ganzen Kram mit meiner Mutter damals zusammen erledigt. Mittlerweile macht sie alles alleine und dabei haben wir damals gedacht, sie schafft das nie. Aber es geht.

    Alles Gute für Dich und k*** Dich über alles aus, die Bürokratie, der Pflegedienst, einfach alles, was nervt. ;-)

  2. Liebe Andrea, ich denke, es ist ein wichtiger Schritt, es selbst zu übernehmen, sich selbst drum zu kümmern… es gehört dazu – zu dir zu allem…
    Manches läuft nicht grad rund – zB die Abholung – aber es wird sich finden.Es wird werden…
    So wie du alles machst, das ist bewundernswert und ein Vorbild für viele.
    Liebe Andrea, ich kann nicht oft genug betonen, dass ich dir alle Kraft der Welt schicke und, dass ich in Gedanken, wie so viele Andere, bei dir bin. – Schon seit langem

    Delie, immer wieder gerührt und bis ins Innerste bewegt

  3. Hallo Andrea,
    Der „neue“ Alltag kommt auf Dich zu.
    Es ist so toll und bewundernswert wie Du das alles bis jetzt meisterst. Die Planung der Beisetzung – Gestaltung der Urne.
    Täglich lese ich Deine Berichte. Oft sitze ich weinend am Rechner.
    Formulare ausfüllen ist oft eine problematische Angelegenheit. Wenn ich zu deratigen Vorgängen Fragen habe- gehe ich zur Stadtverwaltung / Versicherungsamt- dort hab ich immer freundliche Hilfe bekommen. Soweit ich weiss, leister hierbei auch der VDK Hilfe.
    Für Dich und die Kinder von Herzen alles Liebe
    Christel

    Danke, dass ich teilhaben darf.
    Ich hoffe, Du wirst kurzfristig Bett etc. los.. das ist überaus belastend.

  4. Liebe Andrea,
    Papierkram ist ein Greuel, aber ich kann Dich gut verstehen, daß Du das selber machst. Dann kannst Du alles besser nachvollziehen, wenn Du Dich durch den Wust gewühlt hast.
    Was das Sanitätshaus angeht, naja – es sind auch nur Menschen, die Fehler machen. Hoffentlich hollen die die Sachen bald ab, damit Du den Raum wieder hast für Dich.

    LG, Eva – Maria

  5. Liebe Andrea, diesen Stress mit dem Pflegebett und was dazu gehört, den kenn ich leider auch, das ist absolut nervig, jeden Tag dieses leere Bett ansehen müssen, das ging mir schon arg an die Nieren, ich weiß nicht was die Leute vom Sanitätshaus sich dabei denken, die Sachen will man doch so schnell wie möglich weg haben, da braucht man doch nicht nach dem warum fragen, das ist doch sonnenklar, der Mensch der darin gelegen hat, ist nicht mehr hier, das ist Folter, jeden Tag dieses Bett ansehen zu müssen, erzähl das denen mal.
    Ansonsten wünsch ich dir gutes Durchkommen bei den Formularen.

    Ich denk an dich – Mia -

  6. Hallo Andrea,
    genau vor dem selben Papierstapel saß ich auch vor kurzem und habe ganz tapfer begonnen auszufüllen: R650, R810 … grausam. Irgendwann habe ich dann einen Termin gemacht bei der Beratungsstelle der Rentenversicherung und die Dame dort hat gaz routiniert nur die relevanten Fragen gestellt und nach 30 Minuten war alles erledigt. Es ist also alles halb so schlimm. Schau mal hier http://www.deutsche-rentenversicherung-bund.de/nn_18764/SharedDocs/de/Navigation/Beratung/beratungsstellen/Yellowmap__node.html__nnn=true wo Deine nächste Beratungsstelle ist.
    (In meinem Fall hat die Dame übrigens im Anschluß an die Datenaufnahme den Taschenrechner gezückt und mir die zu erwartende Höhe der Witwenrente überschlagen: ca. 0,00 € – gut, daß wir darüber gesprochen haben!)

  7. Schritt für Schritt…

  8. Liebe Andrea!

    Willkommen in der Draußenwelt. Ich kann Dich gut verstehen. Das habe ich im Bekanntenkreis schon einmal erlebt, dass jemand fast verrückt wurde, weil die Sanitätshausleute die Sachen nicht abgeholt haben, als es nötig war.

    Es sind manchmal scheinbar ganz unwichtige Sachen, die uns helfen, zurecht zu kommen. Der Mensch muss sich „Gerüste“ bauen, um sich daran festzuhalten, um sich zu orientieren. Und jeder baut sich da was anderes.

    Du schaffst es, ganz sicher. Vergiss nur Dich selber nicht, Deine Seele, Deine Bedürfnisse.

    Pass auf Dich auf!

    Liebe Grüße – Andrea

  9. Liebe Andrea,
    schick dem Sanitätshaus den Link zu diesem Posting. Ich wette, dann geht es plötzlich ganz schnell…

    Alles Liebe und weiterhin viel Kraft.

  10. Liebe Andrea,
    so ein schöner Blog! So viel Liebe, Freundschaft und vor allem Vertrauen.
    Ich denke, dass du für dich den richtigen Weg finden wirst. Egal, um was es geht.
    Liebe Grüße,
    Mone

  11. Liebe Andrea,
    wer so sensibel mitfühlend und mitteilend ist wie Du, der erwartet, dass auch vom Rest der Welt.
    Mir geht es jedenfalls oft so. Mittlerweile bin ich ganz bescheiden geworden und muss mir so oft und ich kann Dir gar nicht sagen wie oft sagen. Geduld, Geduld, Geduld die anderen können nicht wissen, dass Du es schon lange weißt, dass es auch mit mehr Mitgefühl und Rücksicht gehen kann. Oft hilft ja schon ein verständnisvolles Wort.

    Wir können es nicht ändern, dass wir in einer Welt mit emotional behinderten Menschen leben. Wir können ihnen aber ihre unmenschliche Automaten Menschlichkeit zurückspiegeln und sie z.B. fragen, ob sie auch so behandelt werden möchten, wenn ihnen gerade ein lieber Mensch gestorben ist. Nur keinen Frust jetzt runterschlucken, das vergiftet die sowieso schon bis ins innerste wunde Seele. Du hast ein Recht, dass auf Dich, auch gerade von einem Sanitätshaus, und Deine Situation Rücksicht genommen wird. Fordere es ein. Nicht umsonst trugen Witwen früher zwei Jahre lang Trauer. Damals hat man noch etwas verstanden vom Schutz den die Seele jetzt braucht.


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