Worte der WegbegleiterInnen

27. Oktober 2008 at 10:17 | In Blog | 12 Comments

Klaus, Marliese, Moni, Willi, Lars und Claudia haben erlaubt, dass der von Klaus verfasste Text der WegbegleiterInnen, den Marliese auf der Abschiedsfeier vorgetragen hat, ins Blog darf.

***

In den letzten vier Wochen haben wir, die mit einigen anderen Michael begleitet haben, eine intensive Nähe zu ihm gehabt wie vorher niemals. Michael hat es uns leicht gemacht, bei seinem Sterben dabei zu sein. Er hat seine humorvolle Seite gezeigt, seine kämpferische und kraftvolle Natur, seine leidensfähige Stärke, seine Bereitschaft uns an seinen Ängsten, vor dem was kommt, teilhaben zu lassen.

Er war immer mehr durch die stärker werdenden Schmerzen gezwungen, sich viel Zeit für ganz alltägliche und selbstverständliche Dinge zu nehmen, das hat auch bei uns das Tempo und die Routine des Alltags herausgenommen. Anstatt nach der Arbeit nach Hause zu fahren, haben wir vorher kurz bei Michael vorbei geschaut. Oder sind beim Einkauf im Viertel mal eben bei Michael reingesprungen. Er ist für einige Wochen Teil unseres Alltags geworden.

So ganz allmählich hat sich unser Zeitempfinden verändert, mit zunehmender Intensität des Zusammenseins hat sich ein Kokon um Michael und diejenigen gesponnen, die in seiner Nähe waren. Hier entstand eine dichte Atmosphäre, die geprägt war von Ehrlichkeit, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, körperlicher Nähe, Stille, Nachdenklichkeit.

Als Michael sagte, dass er auf jeden Fall zu Hause sterben wolle, war uns allen, die nah bei ihm waren, klar, das auch zu ermöglichen. Andrea und wir haben gesagt: Ja! Wir waren dankbar, dass Marlies und Hans, Michaels Schwiegereltern, ganz viel Hintergrundarbeit mit den Kindern und Hund Anton leisten, dass Michaels Eltern und Brüder so oft sie können, nach Köln zu Michael kommen würden und dass Jens sowieso immer da sein wird. Wir wussten, dass es ohne einen Pflegedienst, der mit im Boot ist, nicht geht. Dass er schließlich so gut sein wird, haben wir nicht zu träumen gewagt.

Wir haben einfach gedacht, das wird gehen! Geahnt haben wir, wie hart der letzte Weg für Michael werden könnte, gewusst haben wir so gut wie nichts. Wir waren längst an dem Punkt, an dem keine Rückkehr mehr möglich und auch nicht gewollt war.

Michael hat es uns auch hier leicht gemacht: Er hat sich nicht ständig bedankt, nein, er hat selbstverständlich, aber respektvoll, unsere Begleitung angenommen. Das hat unser Verhältnis auf gleicher Augenhöhe gehalten, die nötig war, um die Würde in der Situation zu behalten.

Später dann die vielen Gespräche mit den Menschen, die sich vorher nicht kannten und die sich auf einmal in einer existenziellen Situation am Sterbebett von Michael einfanden. Der Seelsorger Ulrich Goebel, der für Michael ein wichtiger Mensch geworden war, mit dem er über seine Vorstellungen, Fragen und Ängste über das Danach sprach, mit dem aber auch wir ins Gespräch kamen, und gar nicht unbedingt über Gott, sondern auch über profanere Themen wie: Welcher Friedhof in Köln ist denn gut und schön oder Wie wird man Pfarrer. Oder zum Ende von Michaels Leidensweg mit Helmut, Joachim, Jens und Klaus, für Michael einen Kanon vorzusingen, den uns Helmut kurzerhand beigebracht hat. Und Lars las Michael die Geschichte des kleinen Prinzen vor, unter Tränen, und Hans nebenan.

Mit Jens über seinen Sohn, über seine Musik oder über den unerträglichen Baulärm am Chlodwigplatz zu sprechen. Oder Jens spielte einfach für Michael Klavier und sang dazu so herzzerreißend, wie es nur ein liebevoller Freund kann.

Aber auch mit den langjährigen Freunden Andrea, Moni, Marliese, Willi, Klaus, Lars und Claudia an der Seite von Michael zu sein, bedeutete, eine bisher unbekannte Nähe zueinander zu spüren, neue Facetten der Beziehungen kennen zu lernen, sich tief menschlich zu begegnen. Für alle diese Erfahrungen sind wir Michael sehr dankbar. Immer hatten wir Michaels Befinden im Blick: Michaels Lippen befeuchten, ihm zu trinken geben, für Michael beruhigende Worte sprechen, Medikamente verabreichen und immer immer wieder Michaels Hände halten.

Und wenn es klingelte an der Tür – einmal war es Philip, der neue Medikamente für Michael aus der Apotheke brachte, weil er den Job des Apothekenboten macht. Ein anderes Mal waren es Jonas und Laurin, die nach Hause kamen und die eine große Natürlichkeit ins Geschehen brachten. Das elektrisch bedienbare Bett von Michael hoch und tief zoomten oder einfach zu ihm ins Bett hüpften …

Willi, Moni und Andrea haben dann mit Michael den letzten Ausflug in die Kölner Südstadt vor knapp drei Wochen gemacht, an einem super sonnigen Tag. Alle waren glücklich! Nach solchen Tagen oder auch völlig unerwartet auf dem Weg zur Arbeit, gab es bei uns auch Zweifel und die großen Fragen nach Gerechtigkeit im Leben.

Viel Zeit darüber nachzudenken war nicht: Die Energie und Kraft brauchten wir für Michael, da gehörte sie hin und er hat auch uns Kraft gegeben, weil wir an Michaels letzte Schritten, an seinem – letzten Schnitt –, teilhaben durften. Ein so tiefer Einblick in das Ende der menschlichen Existenz, in das Ende von Michaels Leben, hat uns mit Dankbarkeit erfüllt und rückt den Wert des eigenen Lebens mit Hochgeschwindigkeit in unser Bewusstsein. Viele zurückliegende Verluste wurden gleich mit verarbeitet.

Es tut uns unendlich leid, dass Michael tot ist. Wir haben viel geweint. Auch Wut ist da. Niemand braucht uns zu erklären, was nicht zu verstehen ist!

Wir möchten Tschüss sagen, Tschüss Jong, et wor zo koot jewääse …

Tschüss Michael.

Text: Klaus Jansen-Kayser
Köln, 18./19./20./21./22./23. Oktober 2008

12 Kommentare »

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  1. liebe wegbegleiter,

    ihr seid nicht nur weg-, sondern auch seelen-, herzen- und geistbegleiter.
    mit eurer größe und güte habt ihr jeder auf seine ganz persönliche art und weise getragen, gegeben und ja, auch genommen.
    es war ein geben und neben in diesem haus, neben dieser baustelle.
    und genau das hat es so besonders gemacht.

    es war schön jeden von euch kennenzulernen und einen teil des großen ganzen mit nach hause zu nehmen.
    durch menschen wie euch bekommt freundschaft ein gesicht.

    alles liebe
    und auf bald
    anna

  2. Ihr unglaublichen Menschen,

    ich möchte euch heute endlich sagen, dass ich niemals eine so tiefe, schöne und warme Abschiedsfeier miterleben durfte.

    Ich habe alle, wirklich alle Freunde, nahestehenden Menschen so bewundert dafür, dass sie es geschafft haben, in ihrer eigenen Trauer so etwas wunderschönes auf die Beine zu stellen.

    Ganz klar war: Wir tun es für Michael, er hat es verdient, dass seine letzte Feier etwas unvergessendes und rundes werden wird, und wir kriegen das hin.

    Ihr habt es wunderbar hinbekommen, ihr habt etwas geschaffen, was in den Herzen aller die da waren, aller, die hier lesen, alle die Anteil an eurer Geschichte nahmen und nehmen, für immer einen Platz haben wird.

    Dieser Text von Klaus, den Marliese gelesen hat, war so tief , die Lieder von Jens, die so wunderschön und für Michael waren, waren so warm, so berührend und gleichzeitig haben sie das Herz gebrochen. Wie er das schaffen konnte, so zu spielen, zu singen, ist unglaublich. Er hat es geschafft, für Michael.

    „Let it be“ war natürlich die Krönung. Was für eine tolle Erinnerung, Liebste Andrea, deine Worte, dein Dank an Michael für das „alte“ und auch das „neue“ Leben haben es ganz rund gemacht.
    Ihr schafft das, du und die coolen Kinder.
    Mit euren Familien und diesen wunderbaren Menschen, euren Freunden.

    Und wenn mal Decke-auf-Kopf-fallen angesagt ist, dann setzt euch in die Bahn und kommt zum spielen und Latte-Gequatsche vorbei.

    Verena

  3. Diese Worte spiegeln das wieder was ich die ganze Zeit beim lesen des Blogs empfunden habe. Ihr seid einfach wundervoll.

    Ich wünsche Euch von ganzem Herzen alles Gute und mir wünsche ich, dass ich auch solche Menschen kenne……

    Es wäre schön, wenn ich weiterhin beim lesen des Blogs teilhaben dürfte….

  4. einfach nur schön und traurig
    ;°°°°-))) und ;°°°°-(((

    Sandra

  5. Liebe Andrea

    Ich habe mir am Samstag von Claus Eisenmann (Ex-Mitglied der Söhne Mannheims ) gekauft.
    Da ist ein Lied auf der CD, und jedes mal wenn ich dieses bestimmte Lied höre, muß ich an Michael denken.
    Ich habe es für euch auf my video hoch geladen.
    Vielleicht magst du es ja auch.
    Alles liebe für Euch.
    Alexandra
    http://www.myvideo.de/watch/5357732/Claus_Eisenmann_Ist_es_wahr

  6. Hallo Andrea!

    Täglich schaue ich nach neuen Nachrichten in Deinem Blog. Sie sind immer so schön geschrieben. Solch ein „schönes, rundes“ Sterben, wie Michael es durch Dich, eure Freunde und die Familie erlebt hat ist echt beneidenswert.

    Ich denke sehr oft an Euch und schicke nun Dir und Deinen Kindern ganz viel Kraft und Ruhe.

    LG Beate.

  7. Liebe(r) Klaus, Marliese, Moni, Willi, Lars und Claudia,

    ich weiß nicht so recht was ich schreiben soll, der Text berührt mich sehr. Danke, daß auch ihr Eure Gefühle mit uns teilt.

    Eva – Maria

  8. Ihr lieben Freunde und WegbegleiterInnen,

    Wenn man das liest und dann realisiert, dass das hier kein Film ist sondern Realität, dann läuft es alles gleich nochmal wie ein Schauer über den Rücken.

    Ihr seid so wertvoll und mit Gold gar nicht aufzuwiegen!!!

    Und dass es für Euch so eine Selbstverständlichkeit ist, macht Euch gleich noch wertvoller.

    Dass es im Leben, auch unter Freunden, meist doch ganz anders läuft als bei Euch, das wisst Ihr sicherlich. Meist merkt man eh erst in Grenzsituationen, wo die Freunde sind.

    Ihr seid wahre Freunde. Freunde fürs Leben, und weit über den Tod hinaus!!!

    Ich ziehe meinen Hut vor Euch! Ihr habt meinen absoluten Respekt.

    Liebe Grüße

    Kirsten

  9. Liebe Andrea.
    Es ist auf eine gewisse Art und Weise befreiend Sie schreiben. Faszination die es zu Beginn war warum ich immer wieder zum lesen zurückehrte, ist in eine Art Bewunderung umgeschwungen. Ihre Art Ihren Mann, Vater und Freund gehen zu lassen scheint so wundervoll und Ihr können Liebe so zu zeigen und fühlen zu lassen macht einen Sprach- und Hilflos. Man fühlt sich ertappt, weil man die eigene Liebe nicht so zeigen kann oder will, man denkt an Sie wenn man sich über etwas gestört fühlt was der Partner tut. Dann ruft man sich wieder zurück in die Realität und macht sich klar „Dein Leben ist Dein Leben und Michales und Andreas Leben war ihr Leben.“ Ich will versuchen mir ein Scheibchen von ihrer tollen Art abzuschneiden.
    Dani

  10. Ja sehr gut intensivstes und vollkommenes Leben.
    Da verliert der Tod wirklich seinen Stachel.

  11. wie schön, dass du den text veröffentlich hast. so schöne worte, so berührend und wahrhaftig.

    :“’o)

    Viel Liebe für Dich, die Jungs und alle WegbegleiterInnen
    Sandra

  12. [...] Worte der WegbegleiterInnen Klaus, Marliese, Moni, Willi, Lars und Claudia haben erlaubt, dass der von Klaus verfasste Text der WegbegleiterInnen, [...] [...]


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