Entscheidungen
21. Oktober 2008 at 13:14 | In Blog | 18 CommentsHeute ist Krümeltag. Ob es daran liegt, dass ich das zweite Bier gestern besser nicht getrunken hätte, ob es am Wähwetter liegt oder ob es nur die dräuende Entscheidung war, vor der ich stand, weiß ich nicht einzuschätzen.
Nachdem wir gestern den Sarg so schön gemacht hatten, stand nämlich die Frage im Raum, ob ich bei der Einsargung (dieses Wort allein …) mitmachen würde. Ich dachte, ich könnte das nicht, hatte Angst davor, Angst vor der körperlichen Veränderung und auch Angst vor dem Unbekannten. Zuerst lehnte ich im Gespräch mit dem Bestattungshaus ab. Dann rief ich fünf Minuten später wieder dort an und fragte, wie das denn überhaupt sein würde. Es wurde mir erklärt, letztlich wäre es eine weitere Abschiednahme am offenen Sarg, mit Michael in ‘zurechtgemacht’ darin. Man könnte beim Vorbereiten, also Waschen und wieder Ankleiden dabei sein, aber das sei eher nicht üblich.
In mir ratterte es. Ich sprach mit Anna, wir wägten Pros und Kontras ab, zu einer Entscheidung kam ich nicht. So viele Fragen und die Summe der Fragen war: Würde es rund sein, es zu machen oder eben nicht zu machen? Würde die Ablehnung später das allererste „Ach, hätte ich doch …“ sein?
Ich rief Jens an, erzählte und wollte seine Meinung hören. Er sagte, dass es vielleicht nicht rund wäre, wenn ich für einen weiteren Abschied in eine ‘fremde’ Umgebung gehen müsse. Weil der Abschied am Samstag hier zu Hause eben so rund war. Das hat mich letztlich überzeugt, es nicht zu tun. Und damit es auch ja kein „Ach, hätte ich doch …“ geben wird, rief ich beim Bestatter an und bat darum, Fotos von Michael zu machen, sie mir in einem verschlossenen Umschlag zu geben, damit ich sie ansehen kann, wenn ich es möchte. Das ist ein guter Mittelweg für mich.
Ohne eine passende Überleitung zu finden, möchte ich noch sagen, dass ich die Blogkommentare zum „So viele Gedanken“-Eintrag von gestern so schön finde. Es freut mich zu lesen, dass andere Menschen etwas aus der Geschichte ziehen und dass die Beteiligten nicht die einzigen bleiben, die etwas für sich mitnehmen. Ich werde das Blog weiterführen, deswegen und weil es für mich gut ist. Sicherlich nicht für die Ewigkeit, aber so lange, wie es für mich rund und stimmig bleibt.
Und noch etwas ohne Überleitung: Heute hat Ernst Corinth von der HAZ wieder das Blog erwähnt, nachzulesen hier
EDIT um 13:42 damit nicht irgendwer denkt, der Bestatter wäre doof: Wenn ich sage, dass ich Michael waschen will, dann erlaubt er mir das. Er erlaubt mir alles, was ich möchte, da gab es im Vorfeld noch viele ungewöhnliche Sachen mehr, die besprochen wurden. Ich hätte kein Problem damit, eine Leiche zu waschen, aber bei der handelt es sich eben um meinen Mann und daher möchte ich es nicht machen. Aber es ginge. Das ist vielleicht nicht so klar rausgekommen, daher dieses edit.
- Andrea
18 Kommentare »
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Liebe Andrea,
gerade von Bestattern habe ich in den letzten Jahren leider immer wieder was „ist nicht üblich“ gehört.
Du hast Dir Gedanken zum Pro und Contra gemacht, das ist gut so. aber viele Angehörige werden „abgespeist“ und verpassen eine wirklich gute Verabschiedung des Verstorbenen.
Ich komme ja sehr häufig mit Eltern in Kontakt, deren Kinder sehr früh verstorben sind.
Vor der Beerdigung biete ich es immer an, auch die kleinsten noch einmal zum Abschied anzuschauen.
Oft sind die ELtern überrascht, dass das überhaupt möglich ist. Und viele sind froh, noch einmal persönlich adieu gesagt zu haben.
Die Bilder werden sicherlich wichtig für Dich sein, es wird gut sein, dass Du sie bekommst.
Viele GRüße von Birgit
Kommentar von Birgit — 21. Oktober 2008 #
Was Du vorher vom Bestatter geschrieben hattest, klang doch sehr gut. Also ich halte ihn nicht für „doof“.
Ich habe nur viele Erfahrungen mit vielen verschiedenen Bestattern.
Kommentar von Birgit — 21. Oktober 2008 #
Hallo Andrea,
ich kann deine Entscheidung nachvollziehen und denke, dass, wenn es 2 x Abschiednehmen gibt, der Mensch doch dann immer die unangenehmere Situation vorrangig in die Erinnerung stellt.
Bei uns stellte sich die Frage wegen der gewünschten bevorstehenden Einäscherung nicht. Er starb zu Hause bei seinen Lieben und wir wuschen ihn und machten ihn für den Bestatter zum Abholen zurecht.
Andere Familienmitglieder hatten damit Probleme, zu begreifen, dass der tot ist, weil sie ihn nicht mehr gesehen haben. In solchen Fällen ist es sicherlich sinnvoll, wenn eine Aufbahrung pp. erfolgt, war aber von meinem Bruder nicht so gewünscht und wir konnten ihm ja Gott sei Dank alle Wünsche erfüllen.
Ich für mich behalte mein „Abschiednehmen“ in dem würdigen, schönen heimligen Rahmen in Erinnerung und das ist und war gut so.
Viel Kraft für dich und deine Kinder weiterhin
liebe Grüße
Cosima
Kommentar von Cosima — 21. Oktober 2008 #
Hallo Andrea,
und genauso würdevoll haben wir seinen Sarg hergerichtet.
ich kenne mich mit Bestattern nicht so gut aus und ehrlich, ich hoffe das bleibt auch eine Weile so.
Als mein Vater bestattet wurde, durften wir jedenfalls alle unsere Wünsche äußern, die wir hatten. Mein Vater bekam seinen besten Anzug und wir haben ihn den Ehering und seinen Siegelring dazugelegt. Mein Vater war schon zu Lebzeiten ein echter „Silberrücken-Gorilla“
Da wir unserem Vater in seiner Sterbestunde nicht beistehen konnten (wie ich schon schrieb, wollte er alleine sein – typisch Alpha-Mann halt) und der Abschied nach seinem Tod im KH wegen der ganzen Hektik einfach nicht schön war, haben wir den Abschied am offenen Sarg nochmal richtig zelebriert und haben uns nochmal richtig Zeit genommen. Mein Vater sah sehr würdig aus, wie so ein Herzog aus ganz alten Zeiten.
Dieses Bild habe ich in meinem Herzen mitgenommen und ich weiß jetzt wie mein Vater aussieht, wenn ich mal treffe.
Alles Liebe und alles Gute für Dich und die Kids
Kommentar von Elli — 21. Oktober 2008 #
Liebe Andrea,
alles hört sich so stimmig an – und einen guten Bestatter zu finden ist Gold wert. Du hast einen guten Mittelweg gefunden, und solltest Du Dich doch noch mal umentscheiden wollen, kannst Du sicherlich auch bei der Einsargung dabei sein.
Ich bin mir sicher, dass der Sarg sehr schön und persönlich geworden ist (sofern man das von einem Sarg sagen kann).
Ich kenne hier einen tollen Bestatter, der sich auch sehr bemüht, auf die Wünsche der Angehörigen einzugehen. Leider ist das nicht immer selbstverständlich.
Ich wünsche Euch weiterhin alles Gute in Eurer Zwischenwelt… Und so wie Du hier schreibst, wirst Du sicherlich einen guten Weg finden, die Trauer zu verarbeiten und in Deinem Tempo den Weg in die Draussenwelt finden. Lass Dir und den Kindern die Zeit, die Ihr braucht, lasst Euch nicht drängen zu etwas, wozu Ihr nicht bereit seid. Ihr habt das Glück, von tollen, wahren Freunden umgeben zu sein, die euch auffangen, sich mit Euch erinnern, mit Euch weinen und lachen.
Ihr seid in meinen Gedanken, jeden Tag!
Alles Liebe von
Uschi
Kommentar von Uschi (21581) — 21. Oktober 2008 #
liebe andrea,
auch ich möchte mich bedanken, dass du den blog vorerst weiterführst.
es ist einfach unglaublich!
habe heute morgen erst deinen eintrag von gestern gelesen, und bin noch nicht dazu gekommen etwas zu schreiben.
es hört sich so schön und stimmig an, wie ihr den sarg von michael ausgestattet habt.
und das mit den handabdrücken auf den griffen kann ich mich auch gut vorstellen.
ich habe überhaupt nicht gedacht, dass der bestatter doof ist. ich glaube, er war sicherlich eine sehr gute wahl.
grüß mir die jungs,
einen lieben gruß von hier yvi
Kommentar von yvonne — 21. Oktober 2008 #
Ich glaube, das ist ein richtig guter Bestatter. Einer, der Wünsche und Trauerriten akzeptiert.
[Da ich hier immer nur schweigend mitlese, hier mal noch eine große Portion Kraft für alldas, was noch kommen mag. Ich bin gerührt von soviel Abschiedskultur, seid sicher, dass es so, wie Ihr Michael verabschiedet, ziemlich einzigartig ist. Alles Gute weiterhin für Euch, Ihr Starken!]
Kommentar von Unterholzbewohner — 21. Oktober 2008 #
Liebe Andrea,
Gott sei Dank hast Du Leute um Dich, die Dir helfen solch schweren Entscheidungen zu treffen.
Ich wünsche Dir sehr, daß es für Dich rund bleibt, mit Höhen und Tiefen, aber letztendlich rund.
Unsere Gedanken sind mehrmals täglich bei Dir und den Kindern.
Liebe Grüße,
Sophie
Kommentar von Sophie — 21. Oktober 2008 #
Liebe Andrea,
darf ich fragen, wann die Beerdigung ist? Ich möchte dann nochmal besonders an Euch denken (obwohl ich es jetzt auch schon ständig tu…)
Es hört sich so gut an, was Du hier schreibst. Danke dafür!
Weiterhin viel Kraft und Freunde, die durchtragen, wünscht Dir/Euch mit ganz lieben Grüßen
Carmen
Kommentar von Carmen — 21. Oktober 2008 #
Liebes,
ich bin ganz sicher, dass es kein „Hätte ich doch..“ geben wird. Aber ich wäre nicht so sicher, dass es nicht ein „hätte ich es doch besser nicht getan“ geworden wäre.
Du hast wirklich alles getan, um es für Michael, für die Kinder, Familie, Freunde und auch für dich rund zu machen, dass es rund ist und auch bleibt.
Ein wunderbares, letztes Bett habt ihr ihm gemacht, die Jungs werden für immer in ihrer Erinnerung haben, dass auch sie alles getan haben, es ihrem Papa nochmal schön zu machen.
Traurig und doch so wunderschön.
Verena
Kommentar von Verena — 21. Oktober 2008 #
Liebe Tinka
Es ist nach wie vor so wunderschön zu lesen wie Rund ihr das alles gestaltet.
Schön zu lesen dass auch Jens und Anna und all Eure Freunde das Runde an diesem Abschied sehen.
Gestern Abend beim ins Bettgehen hab ich an Euern Tag gedacht und wie es sich angefühlt haben muss den Sarg mit den Kindern zu bemalen und was für eine Schöne Idee ich das finde und musste wieder und wieder über das Butterhörnchen lächeln:-)
Andrea ihr seid so Klasse.Du,Deine Jungs all Eure Freunde.
Es ist gut weiter von Dir zu lesen,so lange wie Du Deine Gedanken und Gefühle mit uns teilen magst.
Alles Liebe Katja
Kommentar von katja slowfox — 21. Oktober 2008 #
weißt du andrea,
„unser“ blödmannbestatter ist der einzig greifbare gewesen, wir leben hier halt am ADW und müssen nehmen was wir bekommen.
der blödmannbestatter ist einer der ganz alten garde, ohne wenn und aber.
er bahrt auch grundsätzlich auf und die angehörigen können entscheiden ob sie – vor einer ca. 15 m entfernten scheibe – sich die / den verstorbenen noch einmal betrachten wollen.
immer schön auf abstand, wer weiß, vielleicht ist „sowas“ ansteckend???
mein vater hatte „das glück“, das er in einer anderen gegend verstarb, ein anderer bestatter war zuständig.
er hat sich genau daran gehalten was mein vater zu lebzeiten geplant hatte was beerdigung, sarg, aufbahren usw. angeht.
und obwohl ich mich von ihm zu lebzeiten nicht mehr verabschieden konnte sondern nur am offenen sarg direkt „auf tuchfühlung“ gehen konnte war diese art des abschiedes viel „runder“ – um einmal bei deiner definition zu bleiben – als die verabschiedung meiner omma, die ich in den tod begleitet habe, die ich gewaschen, angekleidet und in ihrem sterbezimmer „aufgebahrt“ habe.
dort kam der blödmannbestatter nämlich ins spiel – er stellte all das was ich gemacht hatte in frage, nein, zog eher alles ins lächerliche.
über das kleid machte er sich lustig, die kette fand er blöd, die blumen riß er meiner omma aus der hand – weil: sowas gehört sich ja nicht, is klar, nech?!
durch diesen blödmannbestatter wurde alles komplett unstimmig.
und deshalb freue ich mich, das „euer“ bestatter ganz alleine dir die entscheidung überließ – und du hast die für dich richtige getroffen.
vg, petra
Kommentar von petra — 21. Oktober 2008 #
Liebe Andrea,
ich bewundere, wie toll Ihr das alles meistert. Meine Mutter verstarb ja gestern vor 3 Jahren (wenn Du das liest, erinnerst Du Dich bestimmt an mich….wir hatten öfters gemailt, Arztberichte übersetzen usw.).
Eigentlich dachte ich, wir hätten damals einen guten Bestatter gehabt und ich habe mein Möglichstes getan. Wenn ich aber jetzt Deine Berichte lese, dann denke ich mir, ich hätte noch viel mehr tun können….
Bitte nicht falsch verstehen….ich meine damit, ich hatte garnicht die Zeit und die Möglichkeit, mich damit auseinander zu setzen, nach alternativen Wegen zu suchen.
Umso mehr freut es mich, daß Du mir jetzt gezeigt hast, daß es auch anders gehen kann. Daß man sehr wohl mehr mit bestimmen kann. Danke dafür.
Danke daß Du uns weiterhin an Deinem bzw. Eurem Leben teilhaben lässt.
Ich bewundere Dich sehr für Deine Stärke. Aber bitte vergiß nicht Deine Akkus auch mal wieder aufzuladen. Hörst Du! Pass auf Dich auf!!!
Du bis so ein wertvoller Mensch. Hast so viele liebe und sorgende Menschen um Dich.
Auch wie Deine Jungs mit dem Verlust umgehen, liest sich sowas von rund.
Und das Butterhörnchen…………es lässt mich schmunzeln…..die Bilder……der bunte Sarg………..einfach fantastisch……..
Liebe Grüße Sigrid
Kommentar von Sigrid (11584) — 21. Oktober 2008 #
Hallo Andrea,
alles was Du tust in einer solchen Situation ist in Ordnung. Dieses vorneweg.
Erstaunt hat mich nur und ich spreche von einem halben Jahrhundert früher und noch mehr, das es für Dich nicht rund sei beim Waschen dabei zu swein.
Ich weiß von meiner Mutter, dass sie meinen Großvater nach seinem Tod gewaschen hat. Ich weiß, auch von ihr, dass sie die Thypuskranken, die sie gepflegt hat, in ihrem kleinen Ort nach dem Krieg gewaschen hat. Dies auch nur durch die Bemerkung eines Dorfbewohners, der sie anschließend gefragt hat, ob sie die Schüssel auch vergraben habe, mit der sie das getan habe.
Mein Wunsch meinen Großvater noch einmal anzufassen wurde mir leider verwehrt mit der Bemerkung; dass ich mich nur erschrecken würde. Mit seinem Tod ist damals eine ganze Welt für mich gestorben und untergegangen. Dort hatte ich Schutz und Geborgenheit erlebt.
Kommentar von rotegraefin — 21. Oktober 2008 #
huhu andrea,
ich schließe mich sigrid an, auch mir hast du gezeigt, dass so ein weg auch anders gestaltet werden kann. das hat mir auf meinem weg, meine erlebnisse zu verarbeiten, sehr geholfen.
euch muss man einfach lieben !
umärmels
sandra
Kommentar von Sandra — 21. Oktober 2008 #
liebe andrea,
wie ich schon schrieb, die liebe bleibt… und weiterhin ist alles was ihr tut, von so viel liebe getragen….
ich ziehe den hut vor so viel mut, deinem herzen zu folgen, ich bedanke mich für so viel offenheit, damit auch ich davon lernen kann, ich freue mich für euch, dass ihr diesen weg so gehen könnt, so ganz eigen, so ganz euren weg.
ich bin so dankbar, dass ihr so viel rundes erleben dürft…
ihr seid ganz wunderbar und ich wünsche euch- dir- von herzen, dass du in deiner mitte bleiben kannst, im runden und in herausforderungen, im lachen und weinen, in kleinen und ganz großen dingen… dass du weiterhin getragen bist und einen doppelten boden hast im leben, dass du so stark sein kannst wie du es bist und auch so schwach, wie du bist.
im herzen umarme ich dich
wenn ich das darf
anne
Kommentar von Anne — 21. Oktober 2008 #
Liebe Andrea,
sowas kenne ich hier garnicht, aber so einen Bestatter hätte ich, wenn dann die Zeit da ist, ich hoffe, es dauert noch sehr lange, auch. Hier ist alles noch wie zur Urzeiten. Schön finde ich auch, das ihr den Sarg noch bemalen konntet und schön herrichten konntet. Ich bewundere eure Stärke und hoffe ihr habt noch viel Kraft!
LG Heike aus dem Sauerland
Kommentar von Heike — 22. Oktober 2008 #
Hallo Andrea,
Michael ist dein Mann und nicht dein Kind, nicht wahr? Für dein Kind hättest du es getan.
Für den Mann ist es würdelos, für das Kind fürsorglich.
Nur mein Empfinden.
Ich wünsche Dir das Allerbeste.
Mitfühlende Grüße
Wenzi
Kommentar von Wenzi — 23. Oktober 2008 #