Herbst
30. Oktober 2008 at 16:15 | In Blog | 17 CommentsHeute war ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten mit unserem Hund auf einer großen Parkrunde.
Der Herbst passt gut zur Trauer. Vielleicht sterben im Herbst deswegen die meisten Menschen, einfach, weil es so gut passt. Wie absurd wären jetzt Frühling oder sogar ein heißer Sommer.
Die Veränderung der Natur, fallende Blätter, farbliche Veränderung, ein sich schließender Kreislauf am Ende von Aufblühen und danach voller Pracht. Die Kälte draußen passt gut zur Kälte drinnen. Man kann sich in viele Schichten Kleidung hüllen, wie in einen wärmenden Kokon. Die Kleidung kann aber auch ein Panzer sein, der einen nach außen schützt. Und der Regen tropft passend zu den Tränen, die ich weine.
Dieser Spaziergang hat mir wirklich gut getan.
Heute morgen sind – man glaubt es kaum – endlich die Pflegesachen abgeholt worden. Ich hatte gestern noch einmal bei der Firma angerufen und gesagt, dass ich nun endgültig genug davon habe, zwölf Tage nach Michaels Tod. Dass ich außerdem schon zum dritten Mal anrufe, nur um zu hören, dass wir immer noch nicht in der Tourplanung stehen. Die sehr nette Dame sagte, sie werde den Auftrag noch mal mit dem Vermerk ‘dringlich’ eingeben. Und siehe da, am Nachmittag rief mich jemand an, der sagte, dass die Sachen heute geholt werden.
Die Herren kamen ziemlich pünktlich, kondolierten natürlich nicht und obwohl ich den Moment der Abholung so lange ersehnt hatte, fand ich diesen Schritt auf einmal ganz doof. Ich habe mich ins Zimmer gesetzt und dem einen Mann beim Abbauen des Bettes zugesehen, während der andere alle Sachen ins Auto trug. Als sie fertig und aus der Wohnung raus waren, habe ich das Fenster weit geöffnet und mich mitten in den Raum gestellt. Dann ging ich raus zum Einkaufen.
Im Flur sah ich, dass die Herren den Galgenarm und den Galgen vergessen hatten. Ausgerechnet den Galgen! Michaels Rettungsanker, an dem er sich unermüdlich festhielt, wenn er Schmerzen hatte oder sich umdrehen wollte. Und er erschrak jedesmal, wenn sein Arm von dort runterfiel, weil er wieder eingeschlafen war. Ohne den Galgen ging für ihn gar nichts, und selbst in den letzten Tagen, als er kaum noch Kraft hatte, suchte er nach dem Ding, und seine Hand wurde dann von uns hingeführt, damit er Halt finden konnte.
Zum Glück waren die Herren noch nicht weg, einer ging nochmal nach oben und holte die Sachen. Ich hielt ihm die Haustür auf, sagte ‘Stop!’ und fasste den Galgen an. Ein letztes Mal festhalten. Nie mehrs.
Es ist jetzt Zeit für das Saugen der Fußbodenritzen.
- Andrea
Wie man sich den emotionalen Overkill schafft
29. Oktober 2008 at 14:19 | In Blog | 27 CommentsHeute morgen habe ich einen neuen Schritt in die Draußenwelt gewagt. Mein Ritual am Dienstag Morgen ist, mit einer Freundin, die in einem Lottoladen arbeitet, zu frühstücken und über Gott und die Welt zu reden. Gestern morgen war ich nach langer Zeit zwar dort, blieb aber nicht lange, weil mir so schlecht war. Also ging ich heute morgen. Es war schön wie immer. Dort im Laden traf ich einen Bekannten aus der Südstadt, der mir kondolierte und mich zum Kaffee einlud. Das ist so ein Grüppchen von netten Südstädtern, das sich regelmäßig trifft, alles liebe Menschen, und echt kölsch.
Wir setzten uns also ins Café und es kamen immer mehr Leute dazu. Für mich fühlte sich das ein bißchen wie nach Hause kommen an, obwohl das keine engen Freundschaften sind. Ich erzählte von der ‘Schief’, beschrieb unsere Zeitungsanzeige usw. Sehr schön.
Zu Hause angekommen, wollte ich was räumen. Mein Bett hatte einen Wäschewechsel dringend nötig, zuletzt hatte Anna es für mich neu bezogen, als Michael noch bei uns war. Ich legte Jens’ CD mit dem Song für Michael auf, ‘A million Ways’, zog die Bettwäsche ab, deren zweiter Bezug in Michaels Sarg liegt. Ich zog neue Wäsche auf, zum ersten Mal nur für mich, nur für eine Decke und für ein Kissen. Die Tränen liefen, aber es war keine reine Traurigkeit, die mich bewegte. Nie mehrs und erste Male.
Dann holte ich die Fotos von der offenen Aufbahrung hervor. Setzte mich aufs Inselbett und hielt den Umschlag lange in der Hand. Überlegte, ob jetzt die Zeit sei, sich der Angst vor diesen Bildern zu stellen. Öffnete den Umschlag ganz vorsichtig, schielte hinein. Zuoberst lag ein Foto vom inneren Sargdeckel, auf dem unsere Fotos kleben. Das zweite Foto war von Michael im Sarg, von der Seite. Die nächsten beiden dann von ihm, mit all den schönen Dingen, die wir ihm mitgegeben hatten. Den Tischtennisschläger hat er in der Hand, das Butterhörnchen liegt daneben, zusammen mit den Muscheln und den Walnüssen. Das Wir-werden-siegen-Schild unterhalb seiner Hände. Sein Plattenbörse-Shirt um das Nackenkissen herumgelegt. Und Michael mittendrin in dieser Deko, und er sieht so wundervoll aus.
Es war nicht nötig, Angst vor dem Anblick zu haben, er hatte sich nur ganz wenig verändert und war genau so schön wie an dem Tag, als er nach seinem Tod noch hier war. Wenn es nicht zu viele Grenzen überschreiten würde, ich würde die Fotos am liebsten hier reinsetzen. Aber das mache ich nicht.
Ich legte die Fotos wieder weg und spürte eine große Erleichterung, konnte lächeln, wieder war ein Schritt getan.
- Andrea
Von der Wiege bis zur Bahre …
28. Oktober 2008 at 09:16 | In Blog | 11 Comments… Formulare, Formulare.
Gestern war Office-Tag. Ich hatte mir eine Liste der abzuarbeitenden Dinge gemacht und einiges davon weggeschafft. Angesichts der Formulare für die Hinterbliebenenrenten wurde mir jedoch etwas flau. Es blieb keine Zeit, alles in einem Rutsch zu machen. Tonnen von Papier, unglaublich.
Ein Bekannte fragte mich, ob man mir nicht diesen ganzen Kram abnehmen könne. Es würde sich bestimmt jemand finden, antwortete ich, aber es ist wichtig für mich, das selbst zu machen. Es gibt mir das Gefühl, mich um Dinge zu kümmern, die für unser weiteres Leben wichtig sind. Trotzdem: Spaß ist was anderes. Heute geht’s also weiter mit den Formularen, dann kommt noch eine Dame von der Versicherung und zum Bestatter muss ich auch wegen der Urnenbeisetzung.
Wir werden die „Außenurne“ heute mit nach Hause nehmen. Sie ist aus weißer rauher Keramik. Wir haben diese Urne ausgesucht, weil sie so schlicht und einfach und ohne Schnickes ist und weil wir sie wieder selbst gestalten wollen. Acrylfarben sind im Haus, mal sehen, ob es wieder Handabdrücke werden oder etwas anderes.
Was mir inzwischen so richtig auf die Nerven geht ist, dass die Pflegesachen – das Bett, der Rolli und alles andere – immer noch nicht vom Sanitätshaus abgeholt wurden. Letzten Dienstag habe ich zum ersten Mal dort angerufen. Der Mitarbeiter fragte mich, aus welchem Grund die Sachen denn abgeholt werden sollen. ‘Bescheuerte Fragen’ für 500, bitte.
Am Donnerstag fragte ich wieder nach, eine andere, diesmal sehr freundliche Mitarbeiterin entschuldigte sich. Sie hätten derzeit so viel zu tun, dass es noch etwas dauern könne. Man werde mich anrufen, sobald es einen Termin für die Abholung gebe. Keine Meldung bisher, ich werde heute noch mal nachfragen.
Ich fühle mich fremdbestimmt, und das gefällt mir nicht. Kann nicht entscheiden, wann ich das Zimmer putze, einrichte, aufräume, die Fußbodenritzen einzeln sauge. Kann nicht entscheiden, es doch noch für einige Tage einfach leer zu lassen. Die Sachen sind alle im Weg, das Zimmer ist durcheinander. Es sind fremde Dinge, sie gehören nicht uns und daher müssen sie weg.
Das Zimmer, das für so lange Zeit der Mittelpunkt der Wohnung war und in dem so viel wundersames passiert ist, ist jetzt nichts mehr als eine dunkle Abstellkammer. Es war gut, in den ersten Tagen das Zimmer nicht nutzen zu können, außer um Kleidung aus dem Schrank zu holen. Das brachte Abstand, es war ok.
Jetzt ist es nicht mehr ok, ich will es wiederhaben.
- Andrea
Worte der WegbegleiterInnen
27. Oktober 2008 at 10:17 | In Blog | 12 CommentsKlaus, Marliese, Moni, Willi, Lars und Claudia haben erlaubt, dass der von Klaus verfasste Text der WegbegleiterInnen, den Marliese auf der Abschiedsfeier vorgetragen hat, ins Blog darf.
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In den letzten vier Wochen haben wir, die mit einigen anderen Michael begleitet haben, eine intensive Nähe zu ihm gehabt wie vorher niemals. Michael hat es uns leicht gemacht, bei seinem Sterben dabei zu sein. Er hat seine humorvolle Seite gezeigt, seine kämpferische und kraftvolle Natur, seine leidensfähige Stärke, seine Bereitschaft uns an seinen Ängsten, vor dem was kommt, teilhaben zu lassen.
Er war immer mehr durch die stärker werdenden Schmerzen gezwungen, sich viel Zeit für ganz alltägliche und selbstverständliche Dinge zu nehmen, das hat auch bei uns das Tempo und die Routine des Alltags herausgenommen. Anstatt nach der Arbeit nach Hause zu fahren, haben wir vorher kurz bei Michael vorbei geschaut. Oder sind beim Einkauf im Viertel mal eben bei Michael reingesprungen. Er ist für einige Wochen Teil unseres Alltags geworden.
So ganz allmählich hat sich unser Zeitempfinden verändert, mit zunehmender Intensität des Zusammenseins hat sich ein Kokon um Michael und diejenigen gesponnen, die in seiner Nähe waren. Hier entstand eine dichte Atmosphäre, die geprägt war von Ehrlichkeit, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, körperlicher Nähe, Stille, Nachdenklichkeit.
Als Michael sagte, dass er auf jeden Fall zu Hause sterben wolle, war uns allen, die nah bei ihm waren, klar, das auch zu ermöglichen. Andrea und wir haben gesagt: Ja! Wir waren dankbar, dass Marlies und Hans, Michaels Schwiegereltern, ganz viel Hintergrundarbeit mit den Kindern und Hund Anton leisten, dass Michaels Eltern und Brüder so oft sie können, nach Köln zu Michael kommen würden und dass Jens sowieso immer da sein wird. Wir wussten, dass es ohne einen Pflegedienst, der mit im Boot ist, nicht geht. Dass er schließlich so gut sein wird, haben wir nicht zu träumen gewagt.
Wir haben einfach gedacht, das wird gehen! Geahnt haben wir, wie hart der letzte Weg für Michael werden könnte, gewusst haben wir so gut wie nichts. Wir waren längst an dem Punkt, an dem keine Rückkehr mehr möglich und auch nicht gewollt war.
Michael hat es uns auch hier leicht gemacht: Er hat sich nicht ständig bedankt, nein, er hat selbstverständlich, aber respektvoll, unsere Begleitung angenommen. Das hat unser Verhältnis auf gleicher Augenhöhe gehalten, die nötig war, um die Würde in der Situation zu behalten.
Später dann die vielen Gespräche mit den Menschen, die sich vorher nicht kannten und die sich auf einmal in einer existenziellen Situation am Sterbebett von Michael einfanden. Der Seelsorger Ulrich Goebel, der für Michael ein wichtiger Mensch geworden war, mit dem er über seine Vorstellungen, Fragen und Ängste über das Danach sprach, mit dem aber auch wir ins Gespräch kamen, und gar nicht unbedingt über Gott, sondern auch über profanere Themen wie: Welcher Friedhof in Köln ist denn gut und schön oder Wie wird man Pfarrer. Oder zum Ende von Michaels Leidensweg mit Helmut, Joachim, Jens und Klaus, für Michael einen Kanon vorzusingen, den uns Helmut kurzerhand beigebracht hat. Und Lars las Michael die Geschichte des kleinen Prinzen vor, unter Tränen, und Hans nebenan.
Mit Jens über seinen Sohn, über seine Musik oder über den unerträglichen Baulärm am Chlodwigplatz zu sprechen. Oder Jens spielte einfach für Michael Klavier und sang dazu so herzzerreißend, wie es nur ein liebevoller Freund kann.
Aber auch mit den langjährigen Freunden Andrea, Moni, Marliese, Willi, Klaus, Lars und Claudia an der Seite von Michael zu sein, bedeutete, eine bisher unbekannte Nähe zueinander zu spüren, neue Facetten der Beziehungen kennen zu lernen, sich tief menschlich zu begegnen. Für alle diese Erfahrungen sind wir Michael sehr dankbar. Immer hatten wir Michaels Befinden im Blick: Michaels Lippen befeuchten, ihm zu trinken geben, für Michael beruhigende Worte sprechen, Medikamente verabreichen und immer immer wieder Michaels Hände halten.
Und wenn es klingelte an der Tür – einmal war es Philip, der neue Medikamente für Michael aus der Apotheke brachte, weil er den Job des Apothekenboten macht. Ein anderes Mal waren es Jonas und Laurin, die nach Hause kamen und die eine große Natürlichkeit ins Geschehen brachten. Das elektrisch bedienbare Bett von Michael hoch und tief zoomten oder einfach zu ihm ins Bett hüpften …
Willi, Moni und Andrea haben dann mit Michael den letzten Ausflug in die Kölner Südstadt vor knapp drei Wochen gemacht, an einem super sonnigen Tag. Alle waren glücklich! Nach solchen Tagen oder auch völlig unerwartet auf dem Weg zur Arbeit, gab es bei uns auch Zweifel und die großen Fragen nach Gerechtigkeit im Leben.
Viel Zeit darüber nachzudenken war nicht: Die Energie und Kraft brauchten wir für Michael, da gehörte sie hin und er hat auch uns Kraft gegeben, weil wir an Michaels letzte Schritten, an seinem – letzten Schnitt –, teilhaben durften. Ein so tiefer Einblick in das Ende der menschlichen Existenz, in das Ende von Michaels Leben, hat uns mit Dankbarkeit erfüllt und rückt den Wert des eigenen Lebens mit Hochgeschwindigkeit in unser Bewusstsein. Viele zurückliegende Verluste wurden gleich mit verarbeitet.
Es tut uns unendlich leid, dass Michael tot ist. Wir haben viel geweint. Auch Wut ist da. Niemand braucht uns zu erklären, was nicht zu verstehen ist!
Wir möchten Tschüss sagen, Tschüss Jong, et wor zo koot jewääse …
Tschüss Michael.
Text: Klaus Jansen-Kayser
Köln, 18./19./20./21./22./23. Oktober 2008
Zahlen
26. Oktober 2008 at 11:04 | In Blog | 20 CommentsGestern hatten wir noch einen schönen Nachmittag mit Jac und Edda aus dem BZ. Sie waren nach der ‘Schief’ über Nacht geblieben. Bei Kaffee und Kuchen sprachen wir über die Feier, über Bestattungen, über Freunde und viele andere Dinge. Abends waren wir bei Jens zum Essen, alles wunderschön.
Später am Abend chattete ich mit Anna und wir sprachen darüber, was für eine ganz große Scheiße das alles eigentlich ist. Als ich im Bett lag, habe ich darüber nachgedacht, ob das jetzt eigentlich sowas wie Schicksal ist, ob es eine Vorbestimmung im Leben gibt, ob wir uns kennenlernten, nur damit es später so laufen konnte, wie es war. Dass es ausgerechnet uns passieren musste, dass er so krank wurde, war das vorbestimmt? Ich weiß gar nicht, wie meine Meinung dazu geht, wie sie vorher war und wie sie jetzt ist. Es war das erste Mal, dass ich mich in den Schlaf geweint habe.
Wir haben 3.997 Tage zusammen verbracht, 570 davon mit dem Krebs. Obwohl diese Zahl so klein ist, wiegt sie für mich im Moment schwerer als die übrigen 3.427.
Am 3. November 1997 schrieb Michael mir die erste E-Mail. Er hatte mein Foto in der Bildergalerie von AOL gefunden, schon weitergeblättert und dann doch wieder zurückgeblättert. Diese erste Mail habe ich nicht mehr, aber zwei Tage später schrieb er:
„In einer eMail vom 05.11.97 00:12:51 MEZ, schreibt Future7697:
au mann! dieses laecheln ist wirklich strahlender als,…, strahlender
als ein sonnenaufgang ueber einem kristallklaren bergsee!
dieses laecheln einmal in natura zu sehen, gebe mir das gefuehl beruhigt
sterben zu koennen, denn allein fuer solche momente lohnt es sich zu leben.
schoenen gruss vom marmor-mann„
Was für ein verrückter Typ! Mit 35 Jahren steinalt für meine damaligen Begriffe (ich war 26) und die Fotos, naja, ging so. Ich lud ihn trotzdem zu mir ein, mein erstes und letztes Blind Date, es war Samstag, der 8. November 1997. Nie, nie, nie werde ich vergessen, wie er meine Treppe raufkam, von den Stufen zu mir hochblickte, mich ansah und ich war sofort verliebt. Wie er reinkam, ich seinen Mantel nahm und daran roch. Er roch nach diesem Parfum, das ich ihm auf dem Tuch und auf seinem Kissen im Sarg auf seinen letzten Weg mitgegeben habe. Es ist sein Duft, für mich wird es immer sein Duft bleiben. Wie wir eine Woche später bei ihm in Düsseldorf in der Feinkostabteilung von Kaufhof unterwegs waren, und ich dachte „Schaut alle her, dieser unglaublich schöne und tolle Mann ist meiner!“ Ich war so stolz. Wie wir später seinen Geburtstag zusammen feierten, alles voller Schwaben und ich verstand sie nicht. Ich war schon schwanger, ohne es wirklich zu wissen. Und als wir dann am 5. Dezember den positiven Test in der Hand hielten, kein bißchen zaudernd, ob das alles gutgehen würde. Ein Wahnsinn, sagte die Vernunft, aber die Liebe war sich sicher, es würde gutgehen.
Das war vor mehr als 3.900 Tagen, eher kommt es mir wie eine halbe Ewigkeit vor.
Vielleicht gesucht, auf jeden Fall gefunden, einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Nicht geplante Kinder bekommen, erst viel später geheiratet. Und jetzt das. Eigentlich passt sein früher Tod mit dieser außergewöhnlichen Form der Krankheit gut in unser Gesamtbild. Bloß nichts geradeaus machen.
Heute beweine ich die Vergangenheit. Die Endlichkeit. Nie mehrs. Nie mehr Kleidung für ihn kaufen. Mich nie mehr über ihn aufregen. Nie mehr seine Hand halten beim Einschlafen. Ihm nie mehr am Morgen beim Atmen zuhören. Nie mehr seinen schönen Mund küssen. Nie mehr seine Wäsche waschen. Nie mehrs eben.
EDIT um 10:17: Ich fand noch etwas:
meine wundertüte,
wenn einer einen brief schreibt
in dem er seiner liebsten
etwas liebes sagt
dann ist das ein lieber brief
von einem lieben menschen
für den liebsten menschen auf der welt
liebesbriefe schreibt man
wenn man verliebt ist
und wenn man den liebsten
oder die liebste
am liebsten bei sich hätte
ich bin stolz auf dich
und sehe dir zu wie du
mit deinen freunden lachst
für mich ein honigbrot machst
einfach nur da bist
ich war lange auf dem pfad
auf der suche nach
ich weiß nicht was
und plötzlich habe ich ein licht gesehen
das licht bist du
dein lachen
deine seele
du hast mich berührt
mein herz
und dann habe ich dich gespürt
mein bauch
und dann habe ich dich geküsst
mein mund
und dann habe ich erkannt
wonach ich gesucht habe
ich habe mich selber
in dir wiedergefunden
seit du in mir bist
bin ich wieder zu hause
bei mir
wenn du mich mit deinen händen streichelst
geht die sonne in mir auf
wenn du mir in die augen schaust
brauch ich keine brille mehr
wenn du mir etwas süßes in’s ohr flüsterst
und ich deinen heißen atem spüre
dann öffnen sich sämtliche türen
auf denen geschrieben steht:
welcome home!
love you
michael
18. Dezember 1997
- Andrea
Eine wunderschöne ‘Schief’
25. Oktober 2008 at 11:37 | In Blog | 37 Comments
Immer, wenn ich mit Anna im ICQ chatte, erfinden wir Abkürzungen für Begriffe, die wir oft benutzen. Das Wort ‘Abschiedsfeier’ kam natürlich ganz oft auf in den letzten Tagen und wir fanden es lästig, dieses lange Wort immer auszuschreiben. Kurzerhand wurde daraus die ‘Schief’.
Die ‘Schief’ war also gestern, und sie war wundervoll.
Als ich am Morgen aufwachte, war ich sofort total elektrisch. Würde alles gutgehen? Würden wir alle durchhalten? Würde es so werden, wie es geplant war?
Gegen Mittag fuhr ich mit den Jungs und zwei Taschen Gepäck zum Bestatter. Wir bereiteten die Dekoration vor, die Musiker übten ihre Stücke, der Bestatter kümmerte sich um die Technik und hatte alles parat, was wir vergessen hatten. Im Foyer des DomSaals gibt es ein Podest aus Marmor und dahinter eine Steinwand. Auf dem Podest stellten wir die Momente-Box auf, ein Bild vom Garten meiner Eltern, das Michael gemalt hat und einen Korb mit Butterhörnchen. Es gab Teelichter, die von den Gästen angezündet wurden, und auf der Wand dahinter hing gerahmt das Foto, das wir für Michaels Anzeige benutzt hatten.
Es trudelten viele Gäste ein, aus allen Lebensabschnitten von Michael gab es Vertreter. Ich habe für mich aufgeschrieben, wer dort war und bin bisher bei 90 Menschen angelangt. Und unser Hund war natürlich auch dabei.
Die Jungs hatten es sich dann doch anders überlegt und lasen das Programm nicht vor. Aber sie verteilten die Karten, die Moni so schön gestaltet hatte, auf grauem Papier und mit einem Foto von Michael.
Wir gingen dann in den Saal. Auf und vor dem Sarg lagen Blumen, Bilder und goldene Sterne. Ich hatte ein Tuch auf den Sarg gelegt, mit Kastanien aus dem Römerpark beschwert und mit seinem Lieblingsparfum besprüht. Auf der Wand neben dem Sarg lief eine Diashow mit Fotos von Michael und als Musik gab es das, was er sich für seine Abschiedsfeier gewünscht hatte, unter anderem ‘Spain’ und ‘La Fiesta’ von Chick Corea.
Unser Kleiner bekam von seiner Freundin einen Brief von den Klassenkameraden überreicht, den er unbedingt noch öffnen wollte. Dann ging Jens ans Klavier, sang und spielte eins der Lieder, die er für Michael geschrieben hatte, ‘A Million Ways’. In dem Moment, als Jens anfing zu singen, hat der Kleine bitterlich geweint, weil er den Brief aus der Klasse so schön fand und alles doch traurig und doof war. Den Rest der Feier verbrachte er auf meinem Schoß.
Als Jens das erste Lied beendet hatte, trat Michaels Seelsorger, Herr Goebel, ans Pult und trug einen schönen Text über ihn vor, ließ sein Leben mit Daten Revue passieren und bot eine Quintessenz seiner Gespräche mit Michael dar. Ein sehr bewegender Text, durch den deutlich wurde, dass Michael aus seiner Krankheit und deren Verlauf auch sehr viele positive Dinge gezogen hatte. Dass er durch die bevorstehende Endlichkeit seines Lebens diese verbleibende Zeit bewusst gestalten und auch genießen konnte. Es ging um äußere und innere Horizonte, die sich gleichlaufend verkleinerten und vergrößerten, es ging um Licht und um die Sonne.
Danach spielte Michaels Bruder Helmut ein Klavierstück, das er für ihn komponiert hatte. Im Anschluss daran trug seine Frau Elisabeth Texte und Gedichte vor, schöne Texte, alle passend und wunderbar.
Als nächste trug Michaels älteste Nichte Johanna Stücke auf der Flöte vor, zum Teil mit Klavierbegleitung durch ihren Vater, zum Teil allein. Sie erntete dafür später sehr viel Bewunderung, so wie alle anderen Vortragenden auch.
Nach Johannas Flötenspiel ging Marliese zum Pult und trug die ‘Worte der WegbegleiterInnen’ vor, die Klaus aufgeschrieben hatte. Es war ein so schöner Text! Jens spielte dann das zweite Lied für Michael, ‘I hope you feel better now’. Mich macht es im Normalfall schon immer ganz fertig, wenn Jens mit seiner kraftvollen Stimme singt, in der so viele Emotionen mitschwingen. In diesem Moment passte es besser denn je und die Tränen liefen.
Zum Abschluss der Feier wurde ein Video gezeigt. Michael hatte im Dezember 2006 zusammen mit den Jungs ‘Let it be’ von den Beatles eingespielt. Der Kleine hatte ein Schlagzeug aus Kartons, Töpfen und Eimern. Der Große spielte Gitarre auf unserer alten Geige, die keine Saiten mehr hat. Und Michael saß mit Sonnenbrille und im Anzug am Flügel, den wir damals erst kurz hatten und der noch total verstimmt war. Ich nahm alles mit der Kamera auf. Michael schnitt dann später beim WDR den Film zurecht und legte den Song der Beatles obendrüber. Dieses Video fand schon damals ganz großen Anklang in unserem Freundeskreis. Und gestern war es ein wunderbarer Abschluss. Alle lachten über lustige Szenen und am Schluss des Videos gab es brandenden Applaus.
Geplant war es nicht, aber ich tat es dann trotzdem. Ich stand auf, ging zum Sarg und sagte ein paar Worte, die ich mir später erzählen lassen musste, weil ich sie augenblicklich vergessen hatte. Ich sagte, dass dieses Video aus unserem alten Leben ist, dass aber auch das neue Leben ein Gutes war. Ich bedankte mich bei Michael und sagte, zu den Kindern gewendet, dass es mit diesen coolen Kindern sehr gut weitergehen wird und habe mich noch bei allen Gästen bedankt, die gekommen waren.
Manche Gäste unterhielten sich dann noch im Foyer und im Saal, einige blieben sitzen und schauten weiter die Diashow an, einige gingen nach vorne zum Sarg und verabschiedeten sich. Später sagte Elisabeth zu mir, dass sie das Gefühl hatte, dass unsere Handabdrücke auf dem Sarg die Distanz genommen haben und dass dadurch auch viele andere Menschen keine Scheu hatten, ihre Hände auf den Sarg zu legen.
Die Gesellschaft löste sich allmählich auf. Ein Teil wurde von meiner Schwiegermutter zum Kaffee in ein nahe gelegenes Hotel eingeladen. Ich verabschiedete mich noch von den letzten Leuten und ging dann noch einmal in den Saal zum Sarg und sagte zu Michael, dass das eine tolle Feier war, die er mehr als verdient hat. Dann ging ich alleine die Straße runter zum Hotel, sehr glücklich über alles, über das Runde und Stimmige, das weiterging und das blieb.
Der Kaffee war auch sehr schön, es gab viele schöne Gespräche mit allen, vor allem mit Michaels alten Schwabenfreunden. Wir blieben bis gegen sechs Uhr, müde, aber glücklich. Ich fuhr mit den Jungs zurück in die Südstadt, wo wir noch kurz mit unseren Helferfreunden im Haptilu etwas aßen.
Dort hatte ich die Momente-Box hervorgeholt und gesehen, dass es ganz viele neue Karten gab. Die, die mich in dem Moment am meisten beeindruckt hat, war diese hier:

Gegen halb neun gingen wir nach Hause, begleitet von Jens und seinem Sohn und dem Plan, dringend mal zusammen heulen zu müssen. Das werden wir bald machen.
Mit den Kindern spürte ich im Bett dem Tag nach, wir kuschelten und redeten und waren so müde.
Es war ein wunderbarer Tag, und es war eine wunderbare ‘Schief’. Ich wünsche mir, dass alle, die dort waren, etwas vom Runden mitnehmen konnten.
- Andrea
Über Aufs und Abs
23. Oktober 2008 at 16:23 | In Blog | 37 CommentsIch glaube, diese Überschrift gab es schon mal, aber mir fällt gerade nichts besseres ein.
Heute war ein komischer Tag. Gestern Abend war es noch so schön, denn meine Eltern und Moni und Willi waren hier. Wir tranken Wein, sprachen über die Abschiedsfeier, über Michael und über die vergangene Woche. Und es gab wieder dieses runde Gefühl.
Der Wein allerdings sorgte dafür, dass ich heute morgen nur schwer aus dem Bett kam. Ich hatte mich gerade mühsam hochgerappelt und sogar schon fertig angezogen, als die Kinder aufstanden und mir sagten, dass sie heute lieber nicht in die Schule gehen wollen. Also blieben sie hier und wir haben zusammen das Kondolenzbuch durchgelesen. Dort hatten sich auch ein paar ihrer Freunde eingetragen, das fanden sie toll und sehr nett. Später kam wieder ein Haufen Post und wir lasen die Karten und Briefe. Manche waren so rührend, dass ich weinen musste. Und als später noch mal am Rechner saß und das Kondolenzbuch erneut aufrief, war alles am Ende.
Wenn ich dieses oder ein anderes Foto von Michael sehe, dann denke ich, was für eine elende Verschwendung es ist, dass ausgerechnet dieser wunderschöne Mann nicht mehr lebt. Dass er nie wieder am Flügel sitzen und sich die schönen schlanken Finger wundspielen wird. Diese Hände, über die Jens noch letzte Woche sagte „Wenn ich solche Hände hätte, würde ich allein deswegen heiraten, weil ein Ring daran so gut aussieht.“ Sie sind weg. Dieses unendliche Talent, es ist weg. Niemand bespielt mehr dieses Instrument, die Kinder haben die Lust verloren und es ist nicht die Zeit, sie anzutreiben und außerdem eine neue Klavierlehrerin zu suchen. Und ich mit meinen drei doofen Stücken, bei denen die Kinder immer die Fehler zählen und jedesmal über 20 kommen, das ist doch auch nichts.
Mein Problem ist nicht, dass ich im Alltag nicht ohne ihn zurechtkomme. Ich habe doch schon so lange alles alleine gemacht, mich zusätzlich um ihn gekümmert. Das ist es nicht. Derzeit ist es das verlorene Schöne, das ich beweine. Müßig zu sagen, dass wir auch schlechte Zeiten in den fast elf Jahren hatten, die wir zusammen waren. Dass er Eigenschaften hatte, die mich genervt haben. Und doch. Ich hasse es, dass er weg ist.
Um aus diesen Gedanken rauszukommen und dafür lieber die Sonne zu genießen, bin ich mit den Kindern und dem Hund rausgegangen, eine schöne kleine Runde durch die Südstadt. Unterwegs fiel mir ein, dass wir die Kinder aus der Planung der Abschiedsfeier ausgeklammert hatten. Niemand hat sie gefragt, ob sie vielleicht auch eine Idee haben, und sie haben von sich aus auch nichts gesagt. Ich sagte, dass mir das sehr leid tut und ob sie vielleicht noch eine Idee haben. Der Große meinte dann, er könne sich ja mit seinem Bruder abwechseln und das Programm für die Feier vor deren Beginn vorlesen *umfall*
Ich sagte, dass ich das äußerst cool fände, es selber im Leben nicht könnte, allein, weil da so viele Leute sein werden. Da wurde er dann auch etwas zurückhaltender und wir verblieben so, dass sie das morgen einfach spontan entscheiden sollen. Den Text zum Üben haben wir jedenfalls hier.
Es erleichtert mich wieder so sehr, alles hier aufzuschreiben. Nicht auszudenken, wie es ohne das Blog wäre, das ich zu Beginn der 18000-Aktion eigentlich gar nicht haben wollte …
- Andrea
Zeichen
22. Oktober 2008 at 10:23 | In Blog | 34 CommentsIch wollte erst heute Abend bloggen, aber es ist schon so viel passiert heute, dass ich fürchte, bis zum Abend entweder alles zu vergessen oder dass noch so viele weitere Dinge bis dahin passieren, dass hier nicht genug Platz ist.
Heute morgen brachte ich den Kleinen zur Schule und kaufte danach sechs Ausgaben unserer Tageszeitung, weil heute unsere Anzeige drin ist. Ich überlegte, wann, wo und wie ich die Zeitung aufschlagen sollte, damit es passt. Der einzige Platz, der in Frage kam, war Michaels Lieblingscafé, zwei Blocks weiter. Die „Kaffeebud“, wo er noch nach seinen letzten beiden Hunderunden hingegangen war. Ich bestellte einen Latte Macchiato und setzte mich draußen auf die Bank. Schlug die Zeitung auf, fiel fast um, weil die Anzeige so schön ist und weil es noch zwei weitere gab, eine von den Kölner Helferfreunden und eine von den Freunden aus dem BZ.
Unter seinen Anzeigen war die Anzeige für eine Frau. Ich las: geboren am 29.11.1954, gestorben am 18.10.2008. Sein Geburtstag (bis auf das Jahr), sein Todestag. Ich werde diesen Leuten eine Karte schicken.
Dann ging ich nach Hause und fand eine Tonne Post im Briefkasten. So viele schöne Karten! Habt Dank dafür. Es gab auch eine offizielle Post, nämlich meine neue Kreditkarte. Die Endziffern: 2911. Ähmn …
Der letzte Umschlag, den ich öffnete, kam aus Wiesbaden. Darin war eine wunderschöne kleine Schachtel, bunt bemalt und mit Glitzersteinen dekoriert. Darin gelbe Märchenwolle, vier Glassteine und auf dem Boden der Schachtel ein gemaltes Herz. Lara hat sie für uns gebastelt. Lara hat schon ganz viele schöne Dinge für Michael geschickt und daher wird diese Schachtel noch eine besondere Bedeutung für uns bekommen, worüber ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten werde.
Es ist erst halb elf, was wird noch kommen?
- Andrea
Über Butterhörnchen und Lieblingsshirts
21. Oktober 2008 at 21:33 | In Blog | 21 CommentsEigentlich wollte ich schon längst frisch geduscht im Bett liegen. Der Tag war anstrengend und ich habe unterwegs bittere Tränen geweint, aber zum Abend hin war es mit den Kindern wieder schön. Es gab Apfelpfannekuchen und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass irgendwann wirklich alles gut sein wird, mit uns dreien allein.
Der Bestatter rief mich am frühen Abend selber noch mal an, weil er mir etwas sagen wollte. Ich habe mich dann nochmals rückversichert, dass er selber mir das komplette Programm der Einsargung angeboten hatte und dass die Mitarbeiterin, die noch nicht lange dort arbeitet, eben dachte, dass es nur um den Abschied am offenen Sarg ging. So musste ich darüber nicht mehr grübeln. Er versicherte mir, dass er alles schön gemacht habe, dass es gute Fotos gebe und dass alles an seinem Platz sei, auch das Butterhörnchen.
Was es mit dem Butterhörnchen auf sich hat, mag ich gerne erklären. Als Michael im MSH war und auch, als er hier zu Hause war, hat zuerst Jens ihm immer ein Butterhörnchen zum Frühstück mitgebracht. Wie sie letztlich ausgerechnet auf Hörnchen kamen, weiß ich gar nicht, das werde ich Jens mal fragen. Eines Tages brachte Jens nicht nur ein Hörnchen mit, sondern auch dies hier:

Muss man dazu noch was sagen?
Ab sofort brachte jeder unserer Freunde zum Frühstück Butterhörnchen mit und daher ist es einfach nur logisch, dass Michael auch eins mit auf den letzten Weg bekommt.
Ebenso wie dieses unsägliche T-Shirt.
Es war einmal ein T-Shirt. Es war schon da, als ich Michael vor fast elf Jahren kennenlernte. Es ist ein einfaches weißes Shirt mit dem Aufdruck „Plattenbörse“, was wohl ein ehemaliger Plattenladen in Michaels kleiner Heimatstadt war. Ich fand das Shirt schon zum Abgewöhnen, als es noch ganz war.
Ca. einmal pro Jahr habe ich beim Ausmisten der Schränke gefragt, ob man den alten Hund nicht mal entfernen könne. Nein, war nicht erlaubt, das ist das Lieblingsshirt und das bleibt es auch. Der Stoff war inzwischen so dünn, dass er ganz zerlöchert war. Aber Michael hat es immer wieder mal zum Schlafen getragen, zuletzt vor wenigen Wochen, und er hat sich nicht im Mindesten daran gestört, dass ich ihn darin äußerst unsexy fand.
Anziehen konnten sie es ihm leider nicht, als er noch hier zu Hause war, es wäre garantiert dabei ganz kaputtgegangen. Und deshalb hat er nun die Mutter aller T-Shirts mit auf den Weg bekommen.
- Andrea
Entscheidungen
21. Oktober 2008 at 13:14 | In Blog | 18 CommentsHeute ist Krümeltag. Ob es daran liegt, dass ich das zweite Bier gestern besser nicht getrunken hätte, ob es am Wähwetter liegt oder ob es nur die dräuende Entscheidung war, vor der ich stand, weiß ich nicht einzuschätzen.
Nachdem wir gestern den Sarg so schön gemacht hatten, stand nämlich die Frage im Raum, ob ich bei der Einsargung (dieses Wort allein …) mitmachen würde. Ich dachte, ich könnte das nicht, hatte Angst davor, Angst vor der körperlichen Veränderung und auch Angst vor dem Unbekannten. Zuerst lehnte ich im Gespräch mit dem Bestattungshaus ab. Dann rief ich fünf Minuten später wieder dort an und fragte, wie das denn überhaupt sein würde. Es wurde mir erklärt, letztlich wäre es eine weitere Abschiednahme am offenen Sarg, mit Michael in ‘zurechtgemacht’ darin. Man könnte beim Vorbereiten, also Waschen und wieder Ankleiden dabei sein, aber das sei eher nicht üblich.
In mir ratterte es. Ich sprach mit Anna, wir wägten Pros und Kontras ab, zu einer Entscheidung kam ich nicht. So viele Fragen und die Summe der Fragen war: Würde es rund sein, es zu machen oder eben nicht zu machen? Würde die Ablehnung später das allererste „Ach, hätte ich doch …“ sein?
Ich rief Jens an, erzählte und wollte seine Meinung hören. Er sagte, dass es vielleicht nicht rund wäre, wenn ich für einen weiteren Abschied in eine ‘fremde’ Umgebung gehen müsse. Weil der Abschied am Samstag hier zu Hause eben so rund war. Das hat mich letztlich überzeugt, es nicht zu tun. Und damit es auch ja kein „Ach, hätte ich doch …“ geben wird, rief ich beim Bestatter an und bat darum, Fotos von Michael zu machen, sie mir in einem verschlossenen Umschlag zu geben, damit ich sie ansehen kann, wenn ich es möchte. Das ist ein guter Mittelweg für mich.
Ohne eine passende Überleitung zu finden, möchte ich noch sagen, dass ich die Blogkommentare zum „So viele Gedanken“-Eintrag von gestern so schön finde. Es freut mich zu lesen, dass andere Menschen etwas aus der Geschichte ziehen und dass die Beteiligten nicht die einzigen bleiben, die etwas für sich mitnehmen. Ich werde das Blog weiterführen, deswegen und weil es für mich gut ist. Sicherlich nicht für die Ewigkeit, aber so lange, wie es für mich rund und stimmig bleibt.
Und noch etwas ohne Überleitung: Heute hat Ernst Corinth von der HAZ wieder das Blog erwähnt, nachzulesen hier
EDIT um 13:42 damit nicht irgendwer denkt, der Bestatter wäre doof: Wenn ich sage, dass ich Michael waschen will, dann erlaubt er mir das. Er erlaubt mir alles, was ich möchte, da gab es im Vorfeld noch viele ungewöhnliche Sachen mehr, die besprochen wurden. Ich hätte kein Problem damit, eine Leiche zu waschen, aber bei der handelt es sich eben um meinen Mann und daher möchte ich es nicht machen. Aber es ginge. Das ist vielleicht nicht so klar rausgekommen, daher dieses edit.
- Andrea
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