Mal was anderes
30. September 2008 at 10:02 | In Blog | 14 CommentsHeute gibt es mal etwas von mir, das nichts mit dem Blog zu tun hat. Den Text habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben und möchte ihn gerne teilen.
Gegen das Vergessen
In meinem Viertel gibt es einen Park. Streng genommen sind es sogar zwei Parks. Der vordere Teil heißt Römerpark, der hintere Teil Friedenspark (früher Hindenburgpark). Wir nennen den ganzen Park der Einfachheit halber den „Öme“ (in Anlehnung an die Piraten von Asterix, ‚das Mee’ ist volle’ ‚öme’!’).
Ich gehe fast täglich mit meinem Hund in den Öme, weil es dort so schön ist und weil dort viele Leute mit ihren Hunden unterwegs sind. Es sind zu denselben Zeiten immer dieselben Leute dort und es bleibt immer Zeit für ein Schwätzchen oder eine Runde Hundenachlaufen auf der Wiese.
Der vordere Teil des Parks, in dem es einen kleinen Spielplatz mit Tischtennisplatten gibt, die meine Jungs sehr oft zum Trainieren benutzen, ist eben ein Park. Dafür ist der hintere Teil mit den alten Gemäuern des ehemaligen Fort 1 umso wundervoller. Es ist ein bißchen wie in einem verwunschenen alten Schlossgarten. Man kann hier eine Treppe runtergehen und durch einen Laubengang hinten wieder rauf. Dort ist ein Durchgang durch die Mauer und wer ganz mutig ist, kann oben auf der Mauer balancieren.
Im Frühjahr gibt es ein Feld voller Krokusse und später dann Tulpen. Im Sommer kann man den Boulespielern zuschauen oder ganze Tage auf der Wiese verbringen, am liebsten unter dem Walnussbaum. Im Herbst dann kann man eben jene Walnüsse aufsammeln (und natürlich immer welche für die zahlreichen Eichhörnchen liegenlassen), oder man wandert des Morgens mit einem Eimerchen und einer Rosenschere in den Öme und schneidet sich ein paar Holunderdolden für Saft und Sirup von den Zweigen.
Kurzum: Der Öme ist ein Place to be.
Seit einiger Zeit trägt ein Weg, der in den Friedenspark führt und der streng genommen noch nicht mal ein richtiger Weg ist, einen Namen; er heißt Hans-Abraham-Ochs-Weg. Ich bin hundert Mal dort entlang gegangen und habe das Straßenschild nicht weiter beachtet. Irgendwann aber fing ich an, mich zu fragen, wer denn eigentlich dieser Hans Abraham Ochs war, nach dem dieser Weg benannt wurde. Ich googelte nach dem Namen und fand etwas heraus, was mich sehr bewegt hat und was mich immer wieder bewegt, wenn ich dort entlang gehe.
Hans Abraham Ochs, ein Halbjude, war im Jahre 1936 acht Jahre alt, und er ging bestimmt oft in den Römerpark zum Spielen. Eines Tages traf er auf ein paar Jungen von der Hitlerjugend. Warum auch immer sie es getan haben, sie verprügelten Hans Abraham so sehr, dass er am 30. September 1936 an den schweren Verletzungen gestorben ist. Heute erinnern der Weg und ein Stolperstein vor dem roten Haus in der Trajanstraße 41 an ihn, wo Hans Abraham mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder wohnte. Außerdem gibt es auf dem Jüdischen Friedhof in Bocklemünd einen Grabstein, auf dem nachträglich die Inschrift „Umgekommen durch eine irregeleitete Jugend“ eingemeißelt wurde. Hans’ Mutter hatte nicht den Mut, die Jungen von der HJ anzuzeigen, so dass dieses Verbrechen nie gesühnt wurde. Was aus der Mutter und dem Bruder wurde, ist unbekannt.
Und so gehe ich also fast täglich durch den Öme und denke darüber nach, wie das war damals. Mein kleiner Sohn ist so alt wie Hans es war, als er zu Tode geprügelt wurde. Meine Kinder gehen auch zum Spielen dort hin, an diesen schönen Ort, der Schauplatz einer schlimmen Geschichte ist. Was ist aus den Tätern geworden? Waren es auch Jungen aus der Südstadt? Lebten Sie weiter dort oder tun sie es am Ende heute noch?
Heute ist es 72 Jahre her. Es soll nicht vergessen werden.

14 Kommentare »
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Entries and comments feeds.
Guten Morgen Andrea,
danke für diesen Bericht. Das ist sehr bedenkenswert!
Auch in unserer Stadt gibt es diese Stolpersteine-Ich werde mir die Namen – wenn ich wieder i.d. Stadt bin mal aufschreiben und mal schauen, was ich zu diesen Menschen noch für Hinweise zu deren Lebensgeschichten finde.
Was nützen Stolpersteine, wenn nur drauf getreten wird- ohne richtig hinzuschauen.. !! ??
Die Überlegung, dass diese Menschen, die schon als Kinder so grausam waren, unsere Nachbarn sind ist sehr erschreckend.
Ein Herr aus unserer Nachbarstadt – seit Jahren in einem öffentlichen Posten – war auch Verfolgter der Nazizeit. Er hat vor kurzem einen Vortrag gehalten und es fanden dann auch am Rande dieser Veranstaltung noch viele persönliche Gespräche statt. Er hat sich auch dazu geäussert, wie er es empfungen hat, dass Menschen, die Jahre zuvor seine „Verfolger“ waren- später in verschiedenen Vereinen) mit ihm Freund sein wollten. Er hat gelernt damit zu leben. Aber er kann sich nicht wirklich vorstellen, wie diese Menschen damit weiterleben konnten ihm in die Augen zu schauen. Steckt diese Grausamkeit immer noch in diesen Personen ?? Leider war ich selbst bei dieser Veranstaltung nicht dabei.
Wichtig ist immer wieder: es darf nicht vergessen werden, was vor vielen Jahren in unserem Heimatland geschehen ist.
Daraus werden hoffentlich alle Generationen jetzt und nach uns noch lernen.
Es muss ganz offen in den Schulen weiterhin über diese schlimme Zeit gesprochen werden.
Liebe Grüße
Maja
Hoffentlich geht es Dir und dem Michael -soweit es möglich ist- gut.
Kommentar von Maja — 30. September 2008 #
Bewegend. Danke.
Kommentar von dasmiest — 30. September 2008 #
Deine Schreibe macht nachdenklich – immer, und das ist gut so.
Danke
Gudrun
Kommentar von Gudrun — 30. September 2008 #
Andrea,
Ich bin fürchterlich gerne im Friedenspark.
Nichts o oft, weil ich ja nicht in der Nähe wohne, aber doch immer gerne.
Die Geschichte kannte ich nicht, und ich bin sehr froh, dass du sie uns hier erzählst und an diesen kleinen Jungen erinnerst.
Dannkeschön.
Ich schiocke ganz viele Grüße in die Südstad!
Kommentar von Sarah — 30. September 2008 #
Liebe Tinka,
auch in Freiburg gibt es diese Stolpersteine – leider gehen viel zu viele Menschen achtlos darüber hinweg…
In meinem Kleinstädtchen gab es vor dem Krieg noch sehr viele Juden, eine Synagoge mit Mikwe, eine aktive Gemeinde – danach keine mehr…
In den letzten Jahren hat sich eine Gruppe Bürger um den Erhalt und Aufbau des ehemaligen jüdischen Gemeindezentrums bemüht und einen Förderverein gegründet. Es finden sehr viele Aktionen gegen das Vergessen statt.
Die Breisacher Juden wurden fast ausschließlich nach Gurs deportiert. Ein paar wenige leben noch, meist in den Staaten, und kommen nach Breisach, um von früher zu erzählen.
Liebe Grüße
an Euch beide!
Chris
Kommentar von Chris — 30. September 2008 #
Hallo Andrea,
auch hier in Hamburg gibt es viele dieser Steine. Seit zwei Jahren besuche ich jede Woche eine Beratungsstelle, vor deren Haustür sechs dieser Steine liegen. Auch ich habe mich damit auseinandergesetzt und geforscht, was sie bedeuten.
In dem Gebäude war im dritten Reich ein jüdisches Kinderheim, und die sechs Kinder, deren Steine vor der Tür liegen, sind im Alter von 6-10 Jahren deportiert worden. Die Beratungsstelle hat ihren Sitz in den Wohnräumen des ehemaligen Kinderheims.
Und jede Woche, wenn ich dort bin, denke ich darüber nach, denke an die armen Kinder und deren Schicksal und bin auch immer seltsam berührt.
Liebe Grüße
Nina (Kg-Nr. 264)
Kommentar von Nina — 30. September 2008 #
Liebe Andrea,
DESHALB liebe ich Köln… weil es sowas gibt, wie Straßennamen, die auf diese unge´heure Grausamkeit stoßen… weil die Stadt aufsteht, wenn Pro Köln kommt… weil es den Friedenspark gibt, in dem ich immer an die Ostermärsche denke…
Ich grüß Euch gaaaaaanz herzlich, bin oft in Gedanken bei Euch… und bewundere Eure Kraft… zu leben.. Tag für Tag für Tag…
Kerstin
Kommentar von Kerstin Meeresschutz — 30. September 2008 #
Ich glaube, dass so eine Tat nichts mit irregeleiteter Jugend zu tun hat, sondern mit persönlicher Grausamkeit, in Gruppen ausgelebt, wobei die Ideologie die Möglichkeit bietet, es straflos tun zu können. Hätten wir offiziell mehrere klassen und Unterklassen, dann würde sich der Mob genauso austoben. Das Schllimme ist ja, dass die meisten nichts lernen und gegenüber eigenem Verhalten überaus tolerant sind. Insofern kann ich mir sogar vorstellen, dass die Täter auch nach 1945 keine Gewissensbisse hatten – wenn sie nicht selbst an der Front geblieben sind.
Kommentar von Irmela — 30. September 2008 #
Sehr schöne, bewegende und nachdenklich stimmende Worte.
Danke dass du das mit uns geteilt hast!
Alles Liebe, Regina
Kommentar von Regina — 30. September 2008 #
sowas darf niemalsnie vergessen werden!
danke fürs erzählen,
liebe grüsse an euch
marisa
Kommentar von marisa — 30. September 2008 #
Liebe Andrea,
genau heute Nachmittag standen Cleo und ich auch vor einem Haus in der Nachbarschaft und guckten uns die dort eingelassenen zehn Stolpersteine an und redeten über die damaligen Zustände.
Es gibt viele davon in unserem Frankfurter Stadtteil und sie sind immer wieder Anlass, mir vorzustellen, wie es hier vor 70 Jahren gewesen sein muss als jüdische Familie – im Frankfurter Nordend, in diesen Straßen, in diesen großen Häusern, wo wir heute so glücklich leben…
Und auch die Kinder tasten sich auch ran an die Thematik.
Ich danke Dir für Deine vielen immer guten Gedanken, die Du mit uns teilst und wünsche Euch ganz viel gute gemeinsame Zeit!
(Auch ich husche täglich mindestens ein Mal hierher um nachzulesen, wie es Euch geht).
Ganz liebe Grüße
Stephanie
Kommentar von Stephanie — 30. September 2008 #
Du Liebe!
Weißt du noch?
Im Römerpark haben wir unser erstes „richtiges“ Kugeltreffen gemacht … – Anke mit Elias war da, wer noch? Jenny? Elli? Eva-Maria mit Ansgar? Michaela Szene mit Lena?
Ich denke noch sehr oft an damals … und es kommt mir vor als wäre es erst vorgestern gewesen …
Für deine „Stolpersteine“-Geschichte danke ich dir außerdem sehr.
Viel mehr Namen müßten recherchiert und bekannt gemacht werden!
Via Internet eigentlich kein Hexenwerk … also das Erforschen der näheren Umstände im Zusammenhang mit den Namensgebern.
Für das „bekannt machen“ allerdings sind wir alle gefragt – via Blog, Posting oder dadurch, dass wir es unseren Kindern erzählen, damit die es wieder in der Schule erzählen …
Ganz viele liebe Grüße von Michi, die jeden Abend (und auch Morgen
) hier reinschaut und dich ganz lieb grüßt)
Kommentar von Michi — 30. September 2008 #
Stimmt im Römerpark haben wir uns getroffen.
Und seitdem leider nie wieder gesehen. Konstantin war das 6 Monate Turbokrabbelkind, während meine Tochter eigentlich saß und vor allem saß. Ich kann mich noch so gut erinnern.
)
Auf dem Grundstück, auf dem unser Haus jetzt steht wohnten früher zwei Juden. Einer starb 1938 eines natürlichen Todes (das muß man ja leider für diese Zeit ausdrücklich erwähnen). Der andere verkaufte das Grundstück dann an meinen Schwiegervater und zog weg. Ich frage mich oft, was aus diesem Menschen geworden ist und ob er die Zeit überlebt hat?
Mein Schwiegervater, der zwar erzkatholisch aber nie Nazi oder Antisemit war (sein Vater wurde nach dem Krieg von den Engländern als Bürgermeister eingesetzt) hat für dieses Haus einen sehr anständigen Preis bezahlt und dafür noch mächtig Ärger von den Nazis bekommen. Er wurde Juden unterstützen. Nach dem Krieg mußte er das Grundstück (das Haus war weggebombt) noch einmal kaufen, als Entschädigung für Opfer des Terrors.
Liebe Grüße Elli
Kommentar von Elli — 1. Oktober 2008 #
danke!
…
liebe grüße
delie, sehr nachdenklich aufgrund des enormen rechtsrucks in österreich
Kommentar von delie — 1. Oktober 2008 #